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Verlag: Facultas
Genre: Geisteswissenschaften allgemein
Erscheinungsdatum: 01.09.2000

Rezension aus FALTER 12/2001

Ein zweibändiger Reader korrigiert Klischees über die geistige Blütezeit Wiens untergründige Einflüsse der Populärkultur frei.

Vor genau 73 Jahren, im März 1928, kam die afro-amerikanische Tänzerin Josephine Baker zu einem Gastspiel nach Wien. Bereits im Vorfeld wurde ihr Auftritt zu einem Medienereignis. Vom "Negerskandal" sprach die Deutsch-österreichische Tageszeitung. Und die christlichsoziale Reichspost fragte beschwörend: "Josephine Baker mit dem Bananenschurz, nach wildtrunkenen Negerweisen tanzend, in der Stadt Schuberts, Strauß' und Beethovens, ist es nicht ein letztes Haltsignal vor der Fahrt ins Weite, Unermessliche des Abgrunds?"

Der Wiener Kulturwissenschaftler Roman Horak referiert in seinem Beitrag zum zweibändigen Reader "Metropole Wien. Texturen der Moderne" die Vorgeschichte und das Medienecho von Bakers Gastspiel. Stellvertretend für eine Reihe von Untersuchungen, die sich mit Literatur, Urbanistik und der Ausbreitung von Popularkultur beschäftigen, kommt Horak zu einem Befund, der das in den Achtzigerjahren geprägte Bild einer selbstreflexiven, in den geistigen Produkten von Ludwig Wittgenstein oder Robert Musil gipfelnden Wiener Moderne korrigiert. Denn als Substrat für die Literatur von Arthur Schnitzler oder die Philosophie Ludwig Wittgensteins erweist sich nicht nur die Geistesgeschichte des Bildungsbürgertums als signifikant. Vielmehr speisten sich die Fiktionen und Gedankengebäude der Wiener Eliten gerade auch aus den strukturellen Veränderungen in den Geschmackslandkarten der "lauter" werdenden Kulturindustrie.

Der Kampf gegen die Amerikanisierung - in gesteigerter Form gegen die "Vernegerung" der Wiener Kultur - einte rechtsradikale Politiker mit einer breiten Koalition des Kulturpessimismus, die von Sozialdemokraten bis ins bürgerliche Feuilleton reichte. Faktenreich belegen die Aufsätze und Wortmeldungen von Historikern bzw. Kulturwissenschaftlern wie Alfred Pfoser, Lutz Musner, Anson Rabinbach oder Helmut Gruber, inwiefern der bildungsbürgerliche Ideologieüberschuss die Durchsetzung von Spielregeln moderner Gesellschaften blockierte und gegen die technisch - via Telefon, Zeitungen, Kinos oder neue Verkehrsinfrastrukturen - beförderte Urbanität Stellung bezog.

Die antimoderne "Parallelströmung" der Wiener Moderne gebar eine Reihe von projektiven Oppositionen, als deren anschaulicher Ausfluss der Baker-Skandal gelten kann. Die semantische Frontstellung gegen die billigen Unterhaltungen war jedoch weitaus umfassender und barg politischen Sprengstoff: Neben der als weiblich apostrophierten Popularkultur, als deren Weichbild das Wien der Heurigen, der süßen Mädels und der Operetten gerade noch durchging, geriet "der Jude" zum dunklen Spiegelbild kultureller Selbstimagination. "Verortet" wurden die Projektionen, so Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner in ihrem Beitrag über "Die Logik der Transgression", in den Vorstädten Wiens. Dort imaginierten intellektuelle Interpreten wie Stefan Zweig oder Arthur Schnitzler, "ihr unbewusst Anderes - namentlich den Sex". Die Erinnerungen der "Josefine Mutzenbacher" etwa "signalisieren im Subtext, was das städtische Zentrum an der Vorstadt am meisten fürchtet, nämlich Erlebnishunger, Mangel an Ordnung, ungestrafte Leichtfertigkeit.

Der Versuch, die Metropole Wien in den Rahmen einer internationalen Moderne-Forschung zu stellen, ist auch insofern aufschlussreich, als er zahlreiche, auch heute noch verbreitete Stereotypen der kulturellen Selbstwahrnehmung dieser Stadt erhellt, etwa deren Rückständigkeit als Shopping-Stadt. So beschreibt die britische Kulturwissenschaftlerin Mica Nava die Bedeutung von Department-Stores in anderen europäischen Städten für das Aufbrechen des männlichen Monopols auf Öffentlichkeit: Abgesehen von den Kaufhäusern Herzmansky und Gerngross auf der Mariahilfer Straße blieben die Wiener Läden in die Wohnviertel integriert.

Der Ruf Wiens als Hauptstadt der Provinz darf aufgrund der vorliegenden Publikation als historisch belegt erachtet werden.

Matthias Dusini in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 31)


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