Das äussere und innere Ausland
Fremdes in soziologischer und psychoanalytischer Sicht

von Irmgard Eisenbach-Stangl, Wolfgang Stangl

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Verlag: Facultas
Format: Taschenbuch
Genre: Psychologie/Theoretische Psychologie
Umfang: 252 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2000

Rezension aus FALTER 16/2000

Es war eine Routinekontrolle, als am ersten Oktober 1997 zwei Gendarmen in der Südsteiermark ein Auto anhielten. Die Polizisten wollten den Lenker überprüfen, weil sich zwei Frauen von ihm verfolgt gefühlt hatten. Doch dazu kam es nicht mehr: Als der Fahrer ausstieg, explodierte eine Bombe in seinen Händen. Der Mann schleppte sich noch einige Meter weit, ehe er zusammenbrach. Als die Gendarmen dem Unbekannten Handschellen anlegen wollten, bemerkten sie, dass ihm die Explosion beide Hände weggerissen hatte.
Der Rest der Geschichte ist bekannt: Bei dem Verdächtigen handelte es sich um Franz Fuchs, das lang gesuchte "Bombenhirn". Das Gericht wies nach, dass Fuchs zwischen Dezember 1993 und November 1996 insgesamt 25 Briefbomben per Post verschickt und damit neun Personen teils schwer verletzt hatte. Zudem hatte er drei Rohrbomben gelegt, die vier Todesopfer und vier Schwerverletzte forderten. Die Bajuwarische Befreiungsarmee (BBA), hinter der sich der Einzelgänger in seinen Briefen verschanzt hatte, entlarvte das Gericht als Hirngespinst. Im Februar dieses Jahres verübte der zu lebenslanger Haft Verurteilte Selbstmord.
Doch war Franz Fuchs auch Einzeltäter im Geiste? Oder konnte er auf stille Komplizenschaft zählen? Diese Frage wurde nach der Festnahme des Attentäters hitzig diskutiert. Die Grünen vermuteten, dass der "rechte" Briefbombenterror nur in einem von der FPÖ aufgeheizten ausländerfeindlichen Klima gedeihen konnte. Die Freiheitlichen wiederum verwiesen auf das sozialistische Milieu, dem Fuchs entstammte. Die Kronen Zeitung hingegen pochte auf die Einzeltätertheorie ohne Wenn und Aber: Franz Fuchs sei ein unpolitischer Verrückter, wie er auf der ganzen Welt auftauchen könne.
Eine Erklärung, der Irmgard Eisenbach-Stangl und Wolfgang Stangl misstrauten. Die beiden Kriminalsoziologen näherten sich der umstrittenen Frage deshalb erstmals wissenschaftlich an. Eisenbach-Stangl und Stangl unterzogen die 70 Manuskriptseiten starken Briefe der BBA sowohl einer soziologischen Grobanalyse als auch einer psychoanalytischen Textinterpretation. Das Interesse der Wissenschaftler richtete sich dabei nicht nur auf die vordergründigen Mitteilungen, sondern vor allem auf den latenten affektiven Sinn in den Droh- und Bekennerschreiben. Das ausführliche Ergebnis kann man im Anfang Mai erscheinenden Band "Das äußere und innere Ausland" nachlesen. Sucus des Textes: Franz Fuchs ist eine durch und durch österreichische Figur.
"Das Bedrohliche an den Bajuwarenbriefen ist ihre affektive Verstehbarkeit", schreiben die Autoren. Zwischen den Zeilen meinen sie Schreie des Autors wie "Wir verstehen diese Welt nicht!", "Wir werden zurückgesetzt" oder "Wir gehen unter!" auszunehmen: "Ein Schrei, in den viele Gekränkte, Zurückgesetzte und Bedürftige in Österreich einstimmen könnten." Da Fuchs seine soziale und psychische Not ethnisiert, sei er zwar als Rechtsradikaler einzuordnen, jedoch in einer spezifischen Spielart. Der Briefbomber repräsentiere den in Not geratenen Sozialisten, der "seine" Partei, die ihn im Stich gelassen habe, nun aus dem rechten Eck bekämpft. Präzise verweist er auf 1983 als das Jahr, in dem die Alleinherrschaft der SPÖ zu Ende ging, die Arbeitslosenzahlen zu steigen begannen und der Wohlfahrtsstaat allmählich in die Defensive geriet. Die europäische Integration deutet Fuchs als Attacke auf die Autonomie Österreichs, Staat und sozialistische Partei sind ihm "fremd" geworden. In seinen Briefen legt Fuchs den Entfremdungsprozess schließlich auf biologische Kategorien um. Er prägt den Begriff "Tschuschen-Diktatur".
Die Werte der neuen globalen Ordnung, wie Flexibilität und Konkurrenzprinzip, punziert Fuchs als "unrein". Kein Wunder, dass sich sein Hass da auch gegen die privilegierten Schichten richtet, die er als den stets polyglotten paneuropäischen Adel wahrnimmt. Deutsch, deutschösterreichisch und bajuwarisch, so die Analyse, steht hingegen für vertraute, gewohnte und geregelte Beziehungen: "Deutsch sind Menschen, die Dialekt sprechen und pfurzen, nicht-deutsch sind Menschen, die Dialekt (beispielsweise das "oa" bei "Oadilo") nicht verstehen. (...) Deutsch ist schließlich Sesshaftigkeit, im Gegensatz zu Mobilität und Migration, die die überkommenen gesellschaftlichen Distanzen verändern." Auch eine geschlechtsspezifische Komponente machen die Autoren im Weltbild des "Bombenhirns" aus. Fuchs scheinen "clanhafte Männergelüste" und Sehnsüchte nach "alten patriarchalischen Verhältnissen" zu plagen - wieder vor einem realen Hintergrund: Hat die Präsenz von Frauen in der Öffentlichkeit doch zweifellos zugenommen.
"Das Fantastisch-Schaurige an den Bajuwarenbriefen ist die Präzision, mit der der Schreiber seine Befindlichkeit und die Wahrnehmung der österreichischen Spätmoderne schildert", resümieren Irmgard Eisenbach-Stangl und Wolfgang Stangl: "Dass die Texte über weite Strecken auch einen klinisch-pathologischen Eindruck hinterlassen, tut ihrer Qualität keinen Abbruch." Schon Sigmund Freud hatte schließlichfestgestellt, "dass der Wahnsinn nicht nur Methode hat, (...) sondern dass auch ein Stück historischer Wahrheit in ihm enthalten ist".

Gerald John in FALTER 16/2000 vom 21.04.2000 (S. 10)


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