Fern
Roman

von Marie T Kerschbaumer

€ 21,00
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Verlag: Wieser Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 49/2000

Barbarina heißt das Kind einer Österreicherin und eines Südamerikaners, das bei seinen Großeltern aufwächst, in der finsteren Welt der "Gebirgler". Nach den Romanen "Die Fremde" (1992), über die Kindheit Barbarinas, und "Ausfahrt" (1994), über einen Aufenthalt als Aupairmädchen in London, hat Marie-Therese Kerschbaumer dieser "Fremden" mit "Fern" einen dritten Band gewidmet. Barbarina, auch B. genannt, die sich fortwünscht aus dem Gebirgstal, "zu eleganten Leuten mit feinen Manieren und ausgesuchtem Geschmack", bricht im Jahr 1953 zu einer zweiten "Ausfahrt zu neuem Wissen" auf: Sie wird Kindermädchen bei der adeligen Familie Grifoni in Florenz und bereist mit dieser und Freunden das Land der Renaissance, als das Italien sie einzig zu interessieren vermag.
Ästhetisch gibt sich "Fern" weniger avanciert als "Die Fremde" und "Ausfahrt", wo die Erzählung des Öfteren von Wort-Assoziationsketten, "Verdichtungen" aus Brehms Tierleben oder Ausführungen zur Grammatik des Suaheli unterbrochen wurde. Dass dafür die bekannte, oft altertümelnde Sprache Kerschbaumers in den Vordergrund tritt, ist nicht unbedingt ein Gewinn: Ohne Ironie schwelgt die Autorin in Wörtern wie "Geschmeide", "kostbar", "wundersam"; "sie frug", heißt es da, "es ward" - und manchmal "west" es auch. Dann wieder verfällt Kerschbaumer unvermittelt ins Reimen - "die Wellenzungen lockten und lappten, schwollen und schwappten" - oder Stabreimen: "hinunter in die wilden Wellen, die strömenden Strudel, die gurgelnde Gischt".
Gegen eine autobiografische Lesart dieser Trilogie hat sich Kerschbaumer, als Tochter eines Kubaners und einer Österreicherin in Tirol aufgewachsen, stets heftig verwehrt. Aber nicht nur deswegen fragt man sich, wozu es all dieser ausufernden Beschreibungen bedarf, die auf nichts verweisen - auch nicht auf ein konkretes, so (ähnlich) erlebtes Leben. "Fern" liest sich tatsächlich streckenweise wie ein Kulturführer über toskanische Interieurs und die gehobene italienische Küche.
Das Substantiv trägt teilweise schwer an den abgegriffenen oder überflüssigen Epitheta, die Sinnlichkeit transportieren sollen, sich aber eher als Mühlsteine erweisen, dazu angetan, das Vorstellungvermögen des Lesers zu unterfordern: Flaschen sind bei Kerschbaumer stets "bauchig", Brot ist "grauweiß", Zichoriensalat natürlich "bitter", Olivenöl "goldgrün" und "dickflüssig", Salz hingegen "grob" und "graudurchsetzt". Ein Stoß ist immer ein "Rammstoß" und das Schweigen selbstverständlich "eisig" - und so weiter.
Die mangelnde Distanz der Erzählerin zu ihrer Hauptfigur ist kaum dazu angetan, den schwärmerischen Ton erträglicher zu machen. "Neunzehn Jahre und keine Zukunft als die Sehnsucht nach Wissen und Liebe", heißt es über B., deren typische Fragen einer Neunzehnjährigen nach dem Sinn des Lebens in ein pathetisches Credo münden: "Trotz Armut einzig nach den Regeln der Schönheit des Geistes (und Leibes) leben zu wollen. Die Nähe von ihresgleichen zu suchen. (...) Wo aber sind die mit gutem Geschmack, verfeinertem Wissen und Sinn für Gerechtigkeit?"
Spätestens seit dem Erfolg von "Der weibliche Name des Widerstands" (1980) ist Kerschbaumer für ihre Auseinandersetzung mit dem Holocaust bekannt. Dass die Aufarbeitung der Vergangenheit in "Fern", auch gegenüber Teil eins und zwei der Barbarina-Romane, in den Hintergrund gerät, darüber vermag der Umstand hinwegzutrösten, dass Kerschbaumer hier lieber nach Schuldigen als nach Gründen sucht.
Zum Schluss verlässt die "törichte Kindsmagd" und "Schülerin des italienischen Idioms" das Haus der Grifoni und die Demütigungen des Dienstmädchendaseins, um halbtags zu studieren und als Fremdsprachensekretärin zu arbeiten - ein unglückliches Bewusstsein, das sich in Arroganz und Überheblichkeit geflüchtet hat, wie in "Ausfahrt" anscheinend unfähig, die Fremde wirklich an sich herankommen zu lassen. Und so handelt der Roman doch nur von einer, die auszog, um ihre eigenen Vorurteile zu entdecken, eine verkommene, falsche Welt, für deren wirkliche Entdeckung sie sich zu schade ist.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 49/2000 vom 08.12.2000 (S. 65)


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