Leben zwischen den Seiten

von Corinna Soria

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Wieser
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2001

Ihre hochgelobte Erzählung "Leben zwischen den Seiten" beschert Corinna Soria den Rauriser Literaturpreis.Aber auch die nicht minder verstörenden und finsteren Gedichte belegen, dass die heimische Literatur eine neue, eigenständige Stimme gewonnen hat.

Am 28. März bekommt Corinna Soria den mit 100.000 Schilling dotierten Rauriser Literaturpreis verliehen. Seit 1970 geht der Preis jährlich an das beste literarische Debüt des Vorjahres. Soria bekommt ihn für ihr Buch "Leben zwischen den Seiten", eine Erzählung über eine Kindheitskatastrophe. Vor allem die Darstellungskraft wird von der Jury (Ullrich Janetzki, Andrea Köhler, Franz Schuh) für preiswürdig erklärt: "Ihre Sprache schafft deutliche, fast überdeutliche surreale Bilder, die die gewöhnlich verdrängte Verletzlichkeit des Menschen in ein erhellendes Licht setzen."

Dieser (etwas ungreifbaren) Einschätzung ging viel Ehrung im deutschsprachigen Nobelfeuilleton voraus. Sigrid Löffler persönlich rühmte das Buch ausführlich in ihren Literaturen. Ähnlich einlässlich und positiv besprachen FAZ ("ein erstaunliches, dunkel-glänzendes Debüt") oder die NZZ ("geradezu rebellisch existenziell"). Applaudiert wird vor allem einer störrisch unangepassten Stimme, die altmodisch darauf beharrt, Dringenderes zu formulieren als den Zeitgeist (neudeutscher Literatur). Dafür ist es günstig, Österreicherin zu sein, also einen ganzen Fundus existenzverstörender Un-Heimat zur Verfügung zu haben.

Man darf sich trauen, Corinna Soria als poetisch respektablen und viel versprechenden Zuwachs für die österreichische Literatur anzukündigen, zumal die Erzählung für die Autorin nicht einfach Erledigung eines autobiografischen Kapitels ist, sondern Teil einer Schreibtätigkeit, die sie im Gespräch als die eigentliche, schon Jahrzehnte betriebene Tätigkeit ihres Lebens (trotz Brotberufs) bezeichnet. Beinahe unbemerkt erschien als Bestätigung dafür kurz nach dem Roman ein Band ihrer Gedichte ("Briefe nach Welfare Island"), in dem sie womöglich noch augenfälliger als in der Prosa poetischen Sprachvollzug als Form des Lebensvollzugs nicht nur reklamiert, sondern auch realisiert.

In "Leben zwischen den Seiten" legt das Mädchen Zoe Bericht ab von der umfassenden Verstörung ihrer Kindheit; dem Fremd- und Kaltwerden ihrer Mutter in den Schüben einer klinischen Paranoia. Der Vater ist längst geflohen oder vertrieben. Die Mutter richtet dem Kind die eigene Schreckenswelt ein: Die Angst vor globaler Vergiftung und Verstrahlung führt zu Arbeitslosigkeit, Hunger und sozialer Isolation. Zoe überlebt notdürftig in einer Gegenwelt von Indianerromanen und Rückert-Gedichten. Nach der Zwangsinternierung der Mutter kommt Zoe zunächst zu Pflegeeltern und dann in ein Heim. Die internalisierte oder institutionalisierte Bigotterie dieser "Heimstätten" festigt und vergrößert das verheerende Liebesdefizit des Mädchens. Ein paar Beziehungslichtblicke sind flüchtig und beheben den Mangel nicht. Zoe überlebt; gewiss nachhaltig traumatisiert.

Immer wieder wechselt Zoe vom Ich und vom Du (für die Mutter) in die dritte Person - aus Distanz- und Demonstrationsbedürfnis. Ihre atemlose Parataxe verweigert dem Leser die Entlastung und Beschwichtigung im reflektierenden Gliedsatz, verhindert die Zurichtung des Falls aufs Verstehbare, Folgerichtige, Handliche. Das Fühl- und Denkkontinuum des entsetzten Bewusstseins bricht aus der Linearität des Erzählens immer wieder aus, verletzt die Syntax, sprengt das Lexikon. Als die Mutter in die Anstalt gezerrt wird, gehen dem Kind dann auch die Prädikate aus. (Erst die Prädikation verwandelt Entsetzen in Erkenntnis, Stammeln in Rede.)

Das ist wohl auch eine entscheidende Überlegung in Hinsicht auf die Qualität des Buches: Wie behandelt man formal die Unförmigkeit großer Gefühle? Im Gespräch mit dem Falter macht Corinna Soria geltend, dass emotionale Intensität das geordnete Gefüge des Denkens zerbricht und damit auch die konventionelle Struktur des Satzes und des Textes. Persönlich bin ich, wiewohl von der Eindringlichkeit der Erzählung beeindruckt, nicht sicher, ob die Plausibilität dieser psychologischen Erklärung überall auch ästhetische Plausibilität ergibt.

Corinna Soria, Jahrgang 62, ist Salzburgerin, lebt in Wien, wo sie auch Romanistik studiert hat. Ihr Name ist ein spanisches Pseudonym und soll real existierende Figuren, die auch in ihrer Erzählung vorkommen, schützen. Soria hält ihre private Person eher zurück. "Ich denke, es genügt das Buch." Vor allem wehrt sie sich gegen kategoriale Vereinnahmungen ihres Schreibens. Das Feuilleton hat ihre Erzählung umstandslos als autobiografisch bezeichnet. Soria beharrt darauf, nicht die Protagonistin, sondern die Autorin des Buches zu sein. Natürlich enthält es lange beobachtete und genau recherchierte Teile der Realität, "ich hätte nicht gewagt, gewisse Dinge zu beschreiben, wenn sie nicht so geschehen wären". Im Übrigen blockt sie das autobiografische Interesse des Fragers mit einem schönen Zitat von Max Frisch ab: "Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält." "Leben zwischen den Seiten" hat inzwischen auch auf dem Markt einigen Erfolg: Die erste Auflage von 1000 Stück ist längst verkauft, die zweite liegt in den Buchhandlungen, nächstes Jahr erscheint der Roman als Suhrkamp-Taschenbuch.

"Wo findet das Schweigen statt", fragt Soria am Schluss eines Gedichtes, das sie mit der Frage nach Ort und Zeit der Sprache begonnen hat. Sie steht von Anfang an unter jener Sprachnot, die die Tugend der Poesie ist. Das Sprachproblem ist ein durchgehendes Thema in Sorias Gedichten: weniger allerdings ein grundsätzliches als ein anlässliches, weniger Sprachphilosophie als Kommunikationsproblematik. Ihr Anlass ist zumeist die Liebe:
"Du
ich möchte deine Hände beschriften
deine Arme beschriften
deine Schultern
deine Brust (...)",
heißt es in einem Gedicht, das die Sprache als Form der Liebe ganz körperlich verwirklichen will.

Sprache hört auf, wo Liebe aufhört. Schweigen ist für Soria dann eine existenzielle Reaktion auf Enttäuschung, und ihre Enttäuschung ist immer existenziell.
"Solche Ödnis
hat keiner zuvor
in die Traumbahn getreten.

Mir fehlen die Worte
mir fehlen die Worte
mir fehlen die Worte",
heißt es in "Silence". Liebe ist das, was kaputtgeht, und fällt als Rettungsmöglichkeit, obwohl unverzichtbar, aus. Bleibt die Sprache ("kälteklirrendes Wortpolexil"); ich vermute, als notwendiger Rest an Selbstliebe. Sprache entreißt noch dem Unglück den Sinn, sagbar zu sein.

Ein tragisch gestimmter Ernst ist der Formant von Sorias Gedichten. Er macht eine starktonige, geradlinige, bedeutungsgeladene lyrische Sprache. Einwände gegen übergroßes Pathos vermögen nicht den Gesamteindruck zu gefährden, dass die Literatur mit Corinna Soria eine starke poetische Persönlichkeit gewonnen hat.

Helmut Gollner in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 19)


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