Zwei Bärte /Von der Erhaltung der Materie /A szakáll - másodszor /Nem vész, csak átalakul
Zwei Erzählungen

von Károly Méhes

€ 14,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: György Buda
Verlag: Wieser Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 17/2002

Jedes Jahr dasselbe: Die Spargelsaison steht in schönster Blüte, aber die Literatur liefert eher den definitiven Gegenwartsroman als was Brauchbares zum aktuellen Gemüse. Abhilfe schafft heuer der Erzählband "Ich kritzelte das Akazienwäldchen in mein Heft". Es ist der ersterschienene Band der bei edition per procura aufgelegten Reihe "abrasch", die ihren Namen dem arabischen Wort für Farbabweichungen auf Orientteppichen verdankt. Programmatisch hat sich die Edition der "Sammlung für Poesie als Übersetzung" verschrieben. Mit dem Spargel aber verhält es sich so, dass dieser Ende Mai (?!) von der Icherzählerin "draußen in Deutschland" geerntet wird ("Brilliant"). In einem inneren Monolog wird da die Biografie einer alten, allem Anschein nach schon etwas "verwirrten" Frau ausgebreitet, wobei die kreuz und quer schießenden Lebensfäden ein Gewebe ergeben, das sich chronologisch-linearer Erzählweise entzieht.

"Ich kann aus allem eine Geschichte machen. Aus allem, was es auf der Welt gibt. Aus jedem Scheiß. Außer aus meinem Leben", merkt auch ein anderer Protagonist an ("Was, wenn wir hängen wie die Hunde?"). Buchstäblich um Scheiß geht es auch in "Brilliant": Wo die anderen Saisonsklavinnen der Spargelstecherei das mühsamst verdiente Geld für billige Kerzen ausgeben, sammelt die Erzählerin neben dem Seidenpapier von Orangen der Marke JAFFA GOLD auch noch Maulwurfsexkremente. Wobei diese nur ein Glied der leitmotivischen Ketten sind, die sich nicht nur durch die einzelnen Erzählungen ziehen, sondern diese auch noch miteinander verbinden.

Ottó Tolnai, dessen vorliegende Erzählungen auf die anachronistisch anmutende Materialität einer weitgehend rural-handwerklichen Welt beschränkt bleiben, hat sich selbst sarkastisch (?) als "Orpheus vom Lande" bezeichnet. Wer von Literatur mehr erwartet als das Aufrufen der neuesten Kommunikationstechnologien, wird in Tolnais ästhetisch zwingender Verschränkung von wuchernder Erinnerung und elaborierter Beschreibungskunst freilich unschwer einen europäischen Autor von Rang erkennen. Hier werden mit Sprache überwältigende Bildwelten erschaffen, die - bildlich gesprochen - irgendwie zwischen der hochartifiziellen Archaik der Filme von Andrej Tarkovskij und der grausam menschenfernen Schönheit jener von Terrence Malick liegen. Von Tolnai ist auf Deutsch bislang nichts erhältlich gewesen. Die Reihe "abrasch" leistet also Pionierarbeit. Sie tut dies zudem in Form von wunderschön gestalteten Büchern (einziger Nachteil: Einrissfest ist das Transparentpapier des Umschlags nicht wirklich).Yes, you can judge a book by its cover. Die von Bank Austria und Kulturkontakt Austria gesponserte und im Wieser Verlag erscheinende Reihe Edition zwei scheint direkt der Designhölle des versunkenen Ostblocks entstiegen. Ein halbes Dutzend Schrifttypen am Cover schicken die Augen des Lesers erst einmal auf die Suche nach dem Autor. Ach da, hochkant in k.u.k.barock geschwungener Lateinschrift steht: Károly Méhes. Auch der 1965 geborene Schriftsteller weckt Zweifel am fortschrittlichen Wandel der Zeiten. "Mir soll aber keiner damit kommen, dass das, was existiert hat, vergeht", sagt die Mama des Protagonisten von "Erhaltung der Materie". Auf der Suche nach dem Herrn Dechant von Szalacs und alten Familiendokumenten wird sich dieser Fabian Fabert in eine Fabel verstrickt finden, die ihn an eine unwirtliche Peripherie treibt, an der honigblonde Postfräulein mit Bananensteckern aus Bakelit hantieren, um Telefonkontakte herzustellen und in ihrer Freizeit an der Stange strippen.

Die zweisprachige Edition zwei, in der bislang auch noch Gedichte der Tschechin Katerina Rudcenková und eine Erzählung des Polen Wlodzimierz Kowalewski erschienen sind, hat sich zur Aufgabe gestellt, den europäischen Integrationsprozess mit kulturellem Dialog zu begleiten. Das ist gewiss begrüßenswert. Dass die knapp zehnseitige Erzählung "Zwei Bärte" auf die etwas maue Pointe hinausläuft, dass sich die ehemaligen Ostblockler auch "in der designierten Hauptstadt Europas, in Brüssel" noch nicht verstehen, weil der Ungar jetzt erst recht kein Russisch versteht - ja mei; soll vorkommen.

Klaus Nüchtern in FALTER 17/2002 vom 26.04.2002 (S. 65)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ich kritzelte das Akazienwäldchen in mein Heft (Otto Tolnai, György Buda)

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