Klimmen

von Andrea Stift

€ 18,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Wieser Verlag
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 220 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 8/2009

Vergebliches Lustgequietsche

Nach ihrem beachteten Debüt "Reben", das die Lebensgeschichte ihrer matriarchalischen Großmutter zum Inhalt hat, richtet die 32-jährige Andrea Stift auch in ihrem neuen Buch ihr Augenmerk auf Konventionen des privaten Zusammenlebens und die Möglichkeiten von deren Überschreitung. Gerade in einer studentischen Wohngemeinschaft wird nach Stifts Auffassung die Intimität der Verhältnisse als nicht weniger bedrückend erfahren als in der familiären Zelle: Durch "das distanzlose Wissen über die anderen" werde, wie es in "Klimmen" heißt, eine WG "zu einem familiären Konstrukt", aus dem es "kein Entkommen" gebe.

Solche Beengtheit resultiert in Stifts WG aus deren Entstehungsgeschichte: Gegründet wird sie von der Ich-Erzählerin zusammen mit deren Partner Martin sowie ihrer Schulfreundin Annabell und Stefan, deren neuester Bekanntschaft. Nach einiger Zeit wird klar, dass Martin seine Freundin mit Annabell betrügt. Nach der Trennung, der noch ein gemeinsamer "Dreier" mit Annabell vorausgeht, tritt Martin in eine Beziehung mit dieser ein. Die Erzählerin, die noch gelegentlich masturbierend ihren Ex und Annabell belauscht, bleibt desillusioniert als Single übrig, nachdem sich der von ihr begehrte Stefan als Rohrkrepierer erweist.

Im Grunde genommen ist "Klimmen" keine "Erzählung einer WG". Den Stoff, der zu einer komplexeren Komposition herausfordern könnte, verpackt die Autorin in eine Ich-Erzählung. Damit erweist sich "Klimmen" eher als Porträt einer sich selbst als "Outcast" verstehenden jungen Frau, die eben ein Jahr in einer WG verbringt. Stift lässt durch ihre dem Jugendjargon angenäherte Rollenprosa eine sehr lebensnahe, ambivalente Figur entstehen, die sie mit diversen Vorurteilen, etwa gegen "Elitegirlies", ausstattet.

Dass die Erzählerin selbst Schriftstellerin und Germanistikstudentin ist, geht im alles überlagernden Beziehungs- und Sexdiskurs ebenso unter wie Gedanken über allfällige sozialutopische Implikationen "offener" Lebensformen. Immerhin gilt unter den Bewohnern der im Grazer Geidorf-Viertel angesiedelten Immobilie das Prinzip der Güterteilung, wenn auch hauptsächlich in Bezug auf Drogen. Politisches Bewusstsein erschöpft sich in Öko-Parolen ("Autos sind Scheiße") oder leerem Aktionismus.

In Summe repräsentieren die Einstellungen der Ich-Erzählerin einen diffusen Gemeinsinn des Andersseins, der sich von bürgerlichen Glücksvorstellungen nicht maßgeblich unterscheidet. Ihr Talent zur Ironie zeigt Andrea Stift in jenen Sequenzen, in denen sie die Hauptfigur zwischen alternativen Lebensentwürfen und Konformitätszwängen zappeln lässt: "Mir ist der ganze Feministinnenquatsch egal. Oder sage ich (das) nur (...), damit ich bei Männern, die ich nie haben werde, gut ankomme?"

Das Grunddilemma der Erzählerin ist ein privates: Ihr mag kein modus vivendi für eine aufgelockerte Form der konventionellen Paarbeziehung gelingen; ihr Wunsch, dass sie und ihr Partner nie "underfucked" enden sollten, motiviert sie punktuell zum Heraustreten aus der Konvention der seriellen Zweierbeziehung. Im Nachhinein wird der Exzess aber als peinliche Störung des psychischen Gleichgewichts empfunden. Der schale Nachgeschmack der Erlebnisse breitet sich bedauerlicherweise auch auf der Textoberfläche in Form von Gemeinplätzen einer kruden "Theorie über die Liebe" aus.

Gelegentlich gelingt es Andrea Stift, über den eher platten Realismus ihrer Sexszenen eine meta-pornografische Ebene zu legen. So lässt sie ihre Erzählerin im Zuge gesteigerten Pornokonsums für sich die Rolle des über Brüste ejakulierenden Mannes imaginieren. Und dann ist da vor allem der "King of Porno" Martin, der in seinem Job Bilder von Frauenkörpern per Photoshop bearbeitet und die Konstruktion jener Phantasmen vorexerziert, um die sich die Porno-Industrie dreht.

Alles, was im Hochglanz-Format der Reparaturpinsel kaschiert, ist in Stifts Erzählung benannt, wie es ist: jeder Pickel ebenso wie die um Annabells Brustwarzen herum sprießenden Haare. Stift lässt ihre Erzählerin wissen, dass es, so wie für alles, auch dafür Fetischisten gibt. Und diese Einsicht hat wohl auch in Bezug auf Andrea Stifts Schreibweise ihre Richtigkeit: Ein kruder, stilistisch belangloser Realismus taugt zur Formulierung eines Gegenkonzepts zum kommerziellen Porno bei weitem nicht.

Paul Pechmann in FALTER 8/2009 vom 20.02.2009 (S. 48)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb