Metamorphosen der Schönheit

von Otto Penz

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Verlag: Turia + Kant
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 45/2001

Wer sagt, was schön ist? Gibt es allgemein gültige Ideale? Und wie haben sich Begriffe von Körperlichkeit und Schönheit angesichts gesellschaftlicher Veränderungen gewandelt? Der Wiener Otto Penz, Jahrgang 1955, ist Professor für Soziologie an der Universität Calgary und lehrt an der WU Wien, der Uni Graz und der Universität für angewandte Kunst. Das Interesse an seinen Vorträgen zu kultursoziologischen Themen wie Sport, Freizeit, Konsum oder Körper ist groß. "Ich bin ja keine Berühmtheit", sagt er, "aber beim Thema Schönheit ist die Bude voll." Soeben ist sein Buch "Metamorphosen der Schönheit" zur "Kulturgeschichte moderner Körperlichkeit" erschienen.Der Computer machts möglich: Dinge, die bisher als utopischer Schnickschnack in den Portfolios von jungen Architekten galten, werden Wirklichkeit. Als aufblasbare Taschen bezeichnen etwa die französischen Architekten Dominique Jakob und Brendan MacFarlane die Raumeinheiten im neuen Restaurant des Pariser Centre Pompidou. Zaha Hadid, Greg Lynn oder Asymptote Architecture werden in Begleitpublikationen zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum mit "ersten gebauten Projekten" vorgestellt, wie es bescheiden im Untertitel heißt. Die Alltagstauglichkeit der digitalen Fantansien ist allerdings noch immer umstritten.Der soeben in der Edition Korrespondenzen erschienene und wunderschön gestaltete Band "Kürzschlüsse. Wien" versammelt Prosagedichte, die zum größten Teil aus dem Jahr 1954 stammen und ein schönes Beispiel dafür sind, wie sich Poesie und Präzision in Einklang bringen lassen. Die Bezeichnung "Dichter" empfinde sie "für meine Person als lächerlich", sagte Aichinger in ihrer Rede zum Großen Österreichischen Staatspreis, den sie 1996 erhielt und in der sie für Genauigkeit in der Literatur plädierte.2 "Ich liebe Augenblicke der Verdeutlichung", meinte Aichinger in einem Interview mit der Zeit. "Die sind in Wien so selten, diese Freundlichkeit, dieses Küss-die-Hand, man weiß nie, was dahintersteckt."

Ilse Aichinger weiß, was dahintersteckt, und sie schreibt es auch: "Nicht weit, auf einer Gasse, die gleichläuft, wurde Mozart im Dunkeln auf den Friedhof gefahren, und in der dritten Quergasse nach unten, wo die Gleise unter den Brücken hinführen, wurden die Juden nach Polen gebracht", heißt es in "Landstraße". Auf diese Weise gewinnt die Stadt an Tiefe, weitet sich sowohl räumlich als auch in ihrer zeitlichen Dimension. Die Straße etwa, von der in "Stadtmitte" die Rede ist, "hat Knopfgeschäfte und Kaffeehäuser in sich, öffnet und verbirgt vieles, zeigt die Schaufenster und alles, was vorne liegt, und lässt die Magazine im Dunkel". Und die "Judengasse" führt vom zeitgenössischen Wien zum biblischen Exodus und retour:

"Hinter unseren Gängen ticken die Uhren ins graue Licht. Junge Männer fragen lächelnd nach unseren Wünschen. Da rauscht kein rotes Meer. Nur unsere Wäsche trocknet noch im Ostwind. Es ist geschehen, weil wir die Nacht nicht abgewartet haben. Als die Sonne unterging, sind wir ihr nachgezogen. Und hier ist die Stelle, an der wir müde wurden, hier bauten wir Häuser. Hier ging die Sonne unter, hier krümmten wir uns, ohne uns zu beugen."

Der Wind, der immer wieder durch Aichingers Texte weht, der über den Landstraßer Gürtel fegt und bis ins zugige Fasankino dringt, öffnet die Stadt, verweist auf andere Orte - seien sie real oder fantasiert. Er verleiht den Wien-Ansichten etwas Luftiges, öffnet die Stadt hin zur Peripherie, bläst hinweg über die Geleise, Straßen und Flüsse, die das reale und das mentale Wien begrenzen. "Die Grenzen", schreibt Simone Fässler in ihrem klugen Nachwort zu den "Kurzschlüssen", "werden zu Symmetrieachsen, über die das Diesseits im Jenseitigen ein ergänzendes Gegenüber erhält." Wien, Stadt der Ausfallsstraßen. Die schützende Anonymität des "man" ist die Bastion, die gute Literatur einzureißen trachtet. Im Band "Film und Verhängnis", Aichingers erstem Buch seit 14 Jahren, erhellt eine Reihe von kurzen Texten blitzlichtartig jene Momente, in denen Menschen unter der Last der Geschichte ihre Form, ihr Format gewinnen oder aber verformt werden. Es sind Individuen, sie haben Namen und Adresse. Eva Wirth nimmt sich 1942 in der Reisnerstraße 30 das Leben, Erika Lindner ertränkte sich 1941 in der Badewanne im Haus Gumpendorfer Straße Nummer 14: "Sie war nur ein Beispiel, war nie favorisiert, und ist nie aus meinem Kopf verschwunden, ich habe nie vergessen, einer ohnehin erbärmlichen Erinnerung auf die Sprünge zu helfen."

Aichinger, die dem Virtuosen abhold ist und die sich im Titelessay des Bandes "Schlechte Wörter" (1976) gegen "die besseren Wörter" entschieden hat, muss zumindest als eine Virtuosin der Erinnerung gelten. Wir wüssten sonst nichts vom geschiedenen Dr. Buchsbaum ("Keins der Kinder glich ihm. Aber an sein Gesicht unter dem hellgrauen Hut erinnere ich mich, auch an einen Grad der Verzweiflung in seinem Gesicht, den ich gern gemessen hätte. Aber solche Maße und ihre mögliche Genauigkeit werden selten ernst genug genommen"); wir wüssten auch nichts vom Prokuristen Otto Öhler, dem Aichinger leider nur posthum Respekt zollen kann für einige wenige Sätze. Sätze, die eine Bresche in das Gefühl des Umstellt- und Belauertseins schlagen, Komplizenschaft verdeckt und mit gesenkter Stimme andeuten: "Ich rannte oft heim, in das Untermietzimmer neben dem Wiener Gestapoquartier. Vorher blieb ich stehen und konnte am hellen Himmel die Bombengeschwader sehen. Vor den Haustoren stand die SS. ,Schauen S' nicht so munter drein', sagte der Prokurist, als er mich auf der Straße traf."

Oft blicken die Texte Aichingers nach oben, suchen die Weite, die Hoffnung, die auch hier blau ist ("Ich bitte dich: Was auch immer geschieht, hilf mir, daran zu glauben, dass irgendwo alles blau wird", betet Ellen zum heiligen Franz Xaver in "Die größere Hoffnung"). Aber das Blau des Himmels ist kein untrügliches Zeichen. "Das Blau ist weggezogen und hinterließ sich selbst, drum ist der Himmel blau", heißt es in dem Prosagedicht "Börsegasse". Was ist von einem solchen zugleich an- und abwesenden Blau zu hoffen? Mit einem ähnlich paradoxen Satz beginnt auch ein Text über den Steuerberater Heinrich Sablik, bei dem Aichinger im Jahre 1942 "im Einverständnis mit dem Arbeitsamt erzwungene Dienststunden von sieben Uhr früh bis einiges über dreiundzwanzig Uhr abends" leisten musste: "Der Himmel verhängt sich selten nach Wunsch und bleibt auch ganz gerne da, wo er nicht ist." Sablik dürfte ein hoher Gestapobeamter gewesen sein und die Erzählerin vermutet: "Hier und heute: Viele fänden ihn ganz nett."

Christopher Wurmdobler in FALTER 45/2001 vom 09.11.2001 (S. 70)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Film und Verhängnis (Ilse Aichinger)
digital, real - blobmeister, erste gebaute projekte (Peter Cachola Schmal)
Kurzschlüsse (Ilse Aichinger, Simone Fässler)

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