E.A. Rheinhardt: Tagebuch aus den Jahren 1943-1944

von Martin Krist

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Verlag: Turia + Kant
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Im Februar 1945 starb der österreichische Schriftsteller Emil Alphons Rheinhardt im KZ Dachau. Vor seiner Deportation hatte er in südfranzösischen Gestapogefängnissen Tagebuch geführt.

Samstag, 22. Jänner 1944 (Nizza): "Gestern beging ich eine schreckliche Dummheit. Zwei Leute kamen ins Verhörzimmer. Der eine sah so leidend aus - wie am Zusammenbrechen. Ich fragte ihn teilnehmend: Haben sie Sie misshandelt?' Wer?' Na sie!' Er sah mich an, zuckte die Achseln und drehte sich um. Dann sagte der Wachsoldat: Aber der ist doch von der Gestapo!'"

So klingen die Miniaturen über Emil Alphons Rheinhardts Alltag im "Hungergefängnis", niedergeschrieben zwischen November 1943 und April 1944 in drei südfranzösischen Gestapogefängnissen. Notizen über die Kälte, die Monotonie und Schikanen, die Enge der Zelle, das Hoffen auf Briefe und Pakete, das Warten auf Anklage und Verurteilung. Das Schreiben ist für Rheinhardt, der in dieser Zeit 55 Jahre alt wird, ein Fluchtversuch aus der Zelle. "Der Regen tropft, die Wasserleitung tropft - der Steinboden der Zelle ist nass, die Nase tropft. Keiner redet mehr, nur mürrische Laute zuweilen. Ich lege Patiencen, keine will aufgehen."

Rheinhardt notiert Ideen für einen Roman und erinnert sich an Fragmente seiner Lebensstationen, nämlich Wien, München, Livorno und Le Lavandou in Südfrankreich. Während der ersten Monate schildert er täglich detailliert den Tagesablauf, danach werden die Einträge einsilbiger und kürzer. Den Grund für seine Verhaftung erfährt man aus dem Tagebuch indes nicht. Rheinhardt schreibt nichts über seine Widerstandstätigkeit, Verhöre oder Folterungen - wohl eine Vorsichtsmaßnahme, falls die Aufzeichnungen in die Hände der Gestapo fallen sollten. Namen von Bekannten sind zumeist abgekürzt. Eine Ausnahme ist seine Sekretärin und Geliebte Erica de Behr, die ihm immer wieder Pakete zukommen lässt.

Auf welchem Weg das Tagebuch aus dem Gefängnis geschmuggelt wurde und in de Behrs Hände gelangte, ist ungeklärt. Sie tippte es nach Kriegsende ab, konnte aber keinen Verleger dafür finden. Mehr als 55 Jahre nach Rheinhardts Tod stieß der Historiker und Germanist Martin Krist im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes durch Zufall auf das Typoskript. Aus dem umfassenden Kommentar zu Rheinhardts Leben erfährt der Leser, wie aus dem expressionistischen Wiener Literaten ein Schutzhäftling der Gestapo wurde.

Der in den Zwanziger- und Dreißigerjahren überaus erfolgreiche Schriftsteller und Übersetzer lebte und arbeitete seit 1928 in Südfrankreich. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurde sein Haus im Küstenort Le Lavandou zum Treffpunkt und Zufluchtsort für Emigranten. Trotz seiner Wahlheimat Frankreich war Rheinhardt glühender Patriot. Den "Anschluss" kommentierte er wütend als "Diebstahl Österreichs". In den Jahren 1938 bis 1940 schrieb er für verschiedene Exilzeitschriften.

Durch den Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich kamen die Aktivitäten der Intellektuellen um Rheinhardt 1940 zum Erliegen. 1942 wurde in Berlin indes sein Bestseller "Das Leben der Eleonora Duse" neu aufgelegt. Vielleicht wäre damals noch ein Arrangement mit den NS-Machthabern möglich gewesen. Im selben Jahr erhielt Rheinhardt sogar ein Visum, das ihm die Emigration in die USA ermöglichte. Er entschied sich dagegen, da er weder Europa verlassen noch seine Arbeit unterbrechen wollte.

Ein Jahr später schreibt E.A. Rheinhardt im südfranzösischen Gestapogefängnis: "Denn solange ich noch in Frankreich bin, kann noch ein Wunder geschehen, und vieles kann Rettung bringen. Wenn aber ..." Ein Jahr nach dieser Eintragung stirbt Rheinhardt im KZ Dachau.

Julia Harlfinger in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 33)


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