Geschichtsästhetik und Affektpolitik
Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948-2008

von Drehli Robnik

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Turia + Kant
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Erscheinungsdatum: 01.01.2009


Rezension aus FALTER 11/2009

Historie als Possenspiel und Maskierung

Das Bemerkenswerte an "Valkyrie" war, dass nach all dem medialen Bahö, der vor allem in Deutschland um Hollywoods Neuverfilmung des Stauffenberg- Attentats veranstaltet wurde, tatsächlich so wenig bemerkenswert war an Brian Singers Film. Die Inszenierung zeigt sich ökonomisch und konventionell, der Hauptdarsteller, Tom Cruise, zurückhaltend. Kaum einmal lässt er sein Superstarlächeln flashen, als müsse er sparsam umgehen mit seinen Reizen. Die historische Ereignisfolge wird in "Valkyrie" abgehakt, von Stauffenbergs Kriegsverwundung 1943 in Nordafrika, die ihn einen Unterarm, zwei Finger der verbliebenen Hand und das linke Auge kostete, bis zu seinem kolportierten Ausruf "Es lebe das heilige Deutschland!" kurz vor seiner Erschießung nach dem missglückten Hitler-Attentat am 20. Juli 1944.

Vielleicht war die Erwartungshaltung gegenüber Brian Singers Film ja auch deshalb so gespannt, weil dessen Start ständig aufgeschoben wurde. Sicher kein leichtes Warten für den Wiener Filmwissenschaftler und langjährigen Falter-Autor Drehli Robnik, der an einem Band über Stauffenberg als Figur medialer Wahrnehmung schrieb, mit dem Ziel, diesen parallel zum Film erscheinen zu lassen. Noch kurz vor Weihnachten standen weder Starttermin noch Pressevorführung fest. Anfang Februar 2009 erschien schließlich "Geschichtsästhetik und Affektpolitik. Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948–2008". Und in gewisser Weise hat sich der Prozess des Wartens in das Buch eingeschrieben.

Es ist ein Kompendium unermesslichen Detailwissens geworden, wie es sich nur über einen längeren Zeitraum und vermutlich nur mithilfe des Internets ansammeln lässt. Unter der Devise "Everything connects" stellt Robnik schon mal Querverbindungen her zwischen Stauffenbergs Augenklappe, der Film- und Medienpirateriedebatte und den aktuellen Piratenübergriffen vor Somalia. Eine Assoziationsfolge, die, mit Zwischenstation bei den "Pirates of the Caribbean", schließlich bei den Edelweißpiraten und damit wieder beim Thema Widerstand landet.
Wenn Robnik diverse Verfilmungen seit 1948 des berühmtesten gescheiterten Attentats interpretatorisch, aber auch anekdotisch durchwandert, geht es ihm darum, zu zeigen, "wie Stauffenberg und der 20. Juli durch marginale Filme und durch Marginalien ‚größerer' Filme geistern (...). Es geht um deren Geschichtsbild, nicht zuletzt im Foucault'schen Sinn der genealogischen Interpretation als Bemächtigung, die Historie ins Zeichen nicht der Kontinuität von Gedächtnis, sondern von Parodie, Possenspiel und Maskierung stellt, als Trödelmarkt der Identitäten."

Apropos Maskierung – schon im Eingangskapitel spricht Robnik selbst die Tatsache an, dass viele der Filme zum 20. Juli ähnlich klingende Titel tragen: Und tatsächlich lassen sich Singers "Valkyrie", "Der 20. Juli" (Falk Harnack, 1955), "Es geschah am 20. Juli" (Georg Wilhelm Pabst, 1955), "Claus Graf Stauffenberg: Porträt eines Attentäters" (Rudolf Nussgruber, 1968), "Stauffenberg" (Jo Baier, 2004) oder "Operation Valkyrie: The Stauffenberg Plot to Kill Hitler" (Jean-Pierre Isbouts, 2008) namentlich schnell verwechseln. Leider wurde versäumt, einer solchen potenziellen Irritation mit einer Filmografie im Anhang – mit Jahreszahlen, Alternativtiteln und Credits – abzuhelfen, sodass man sich beim Lesen gelegentlich im Heer von Stauffenbergs medialen Wiedergängern verliert.

Aber vielleicht hat dieses Sichverlieren im Widerschein der Abbildungen ja auch System. Drehli Robnik über Singers "Valkyrie": "Der Film, dem gängiges Anti-Hollywood- Ressentiment gern vorwirft, er käme arrogant und in Sachen Geschichte ignorant daher, erweist sich als derjenige Film zum 20. Juli, der Geschichte ,am genauesten kennt': die des 20. Juli (...), vor allem aber die Geschichte von Vorgängerfilmen, aus denen ,Valkyrie' zahllose Details, reevaluiert und eingewoben in ein paranoides Bild-Netz, wiederkehren lässt: ,Valkyrie' retroaktiviert die Geschichte der ,Juli'- Filme, der früheren Filme von Singer, die des Kinos insgesamt. Das ist ganz normal."

Maya McKechneay in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 37)



Rezension aus FALTER 4/2009

Widerstand auf Schallplatte

Die rettende Idee kommt Graf Stauffenberg daheim im Luftschutzraum: Eine Detonation lässt eine Plattenspielernadel aus der Bahn rutschen, kurz darauf springt sie wieder zurück, und die aufgelegte Platte läuft weiter.
Zu donnernden Wagner-Klängen fährt die Kamera auf die rotierende Schallplatte zu, bis das Label wie ein Superheldenlogo im Bildzentrum prangt. Aufschrift: "Die Walküre". In der nächsten Szene wird der Wehrmachtsoffizier im Widerstand bereits wissen, wie sich ein Staatsstreich gegen Hitler einfädeln lässt: durch Aneignung eines bereits bestehenden Notfallplans namens "Walküre".
Diese Sequenz aus Bryan Singers "Valkyrie", dem ersten US-Kinofilm über das gescheiterte Offiziersattentat auf Hitler im Juli 1944, ist zunächst so plakativ zu verstehen, wie sie tut: eine Erweckung zum Superhelden per Geistesblitz. Aber wie so vieles in "Valkyrie" (zu Deutsch: "Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat") springt auch diese Bilderfolge hintersinnig aus der Spur, nimmt man sie beim Wort.
Der Umsturzversuch, zu dem sich der einäugige Oberst vom Walkürenritt am Plattenspieler inspirieren lässt, wird folgerichtig eine Sache von strategisch inszeniertem Theaterdonner und ein Kampf um mediale Verbreitungskanäle sein. Um den eigenen Staatsstreich durchzuführen, "inszeniert" man einen fiktionalen Staatsstreich der SS, und wenn Stauffenbergs Mitstreiter gegen Ende an den Telefonen sitzen und diverse Befehlshaber im "Reich" auf ihre Seite zu ziehen versuchen, dann hört sich das Verschwörerhauptquartier im Bendlerblock an wie ein Callcenter.

Viel wurde gewitzelt, wie wohl ein Stauffenberg-Film vom zuletzt auf Superheldencomicverfilmungen abonnierten Singer aussehen würde. Die Antwort: wie seine "X-Men"-Filme, glücklicherweise. "Valkyrie" ist grund­solide Pulp-Fiction mit präzis herausgehauenen Charaktertypen, verwickelten Lagerbildungen und aufgeräumten, ikonografisch luziden Comicpanelkadern.
Das ist filmästhetisch schon einmal mehr, als Falk Harnack, G.W. Pabst und Jo Baier zusammen in ihren Stauffenberg-Filmen zustande gebracht haben. Und wie in Singers "X-Men"-Filmen schleichen sich in den vorgegebenen, historisch verbindlichen Stoff schlaue Bildwendungen, wie die Walkürenplatte oder ein verstohlenes Verschwörer-Stelldichein am Männerklo, das plötzlich ganz andere Assoziationen weckt: keine großen Überraschungen, aber pointierte Verschiebungen.
Überraschend ist an "Valkyrie" tatsächlich wenig: nicht die geradlinige Dreiaktdramaturgie (1. Teambuilding, 2. Planung, 3. Ausführung des Umsturzplans), nicht der Ausgang und schon gar nicht die ersten Rezensionen im deutschen Feuilletonbetrieb, der sich bereits im Sommer 2007 auf die damals im Dreh befindliche Produktion und ihren Hauptdarsteller Tom Cruise eingeschossen hatte.
Nun erklärt der Spiegel den fertiggestellten Film zum Fanal verantwortungsloser "Instrumentalisierung" deutscher Zeitgeschichte durchs US-Unterhaltungskino, und in der Welt konstatiert man kompetente Thrills für historisch desinteressierte Amis, aber: "zum gewünschten Meisterwerk fehlt einiges".
Noch die meisten positiven Besprechungen erschöpfen sich im beflissenen Protokollieren dessen, was sich "Valkyrie" in seiner Eigenschaft als "Hollywoodfilm" an Übertreibungen, Weglassungen und Abweichung vom historisch Gegebenen leiste, und im Urteil, inwiefern solche Verwässerung hier zumutbar wäre: Als würde ein Film, der vom Umschreiben eines Notfallplans zum Staatsstreich handelt und der mit der Übersetzung seines Titels beginnt (aus dem Schriftzug "Walküre" wird "Valkyrie"), als würde ein solcher Film es nicht bereits nahelegen, seine Übersetzungen und Umschreibungen nicht bloß als lästige Störungen zu verstehen, sondern als eigendynamisch wirksam und bedeutungsstiftend.
Gerade ein solches Verständnis von Filmbildern als selbsttätigen, aufschlussreichen Geschichtsumbildungen trägt der Filmwissenschaftler und Falter-Kritiker Drehli Robnik in seinem neuen Buch "Geschichtsästhetik und Affektpolitik" an die Film- und Fernsehdarstellungen Stauffenbergs und des Juli-Attentats heran: Wie bildet sich das Selbstverständnis der jungen BRD mit ab, wenn 1955 zwei konkurrierende bundesdeutsche Kinofilme vom Attentat erzählen? Und was macht uns der schwäbelnde, schwitzende Stauffenberg im gleichnamigen TV-Event von 2004 für Angebote zur identitären Selbstvergewisserung?

Mal regional, mal religiös, mal republikanisch werde Stauffenberg in diesen Filmen zum genuin deutschen Helden gewendet, so Robniks Lektüre. Auch vor diesem Hintergrund wirkt Singers "Valkyrie" (dem Robniks ausführliches Abschlusskapitel gilt) zugleich bedenklich naiv und ikonografisch gewitzt.
Stauffenberg, der in den 30er-Jahren vom militärischen Erfolg der Nazis begeistert gewesen war, ist zu Filmbeginn bereits entschlossener Regimegegner, der praktischerweise auch prompt die Massenmorde an Juden als Mitgrund für seine Opposition angibt. (Diese Motivation konnte dem historischen Stauffenberg bis heute nicht nachgewiesen werden.)
Der Stauffenberg, den Tom Cruise steif und zurückgenommen gibt, ist geschichts- und ausdruckslos, Kostümierung ohne Tiefe, ähnlich dem uniformierten Retter in Bryan Singers vorigem Film "Superman Returns" – aber das ist vielleicht auch gut so.
Erstens, weil dieses Loch in der Mitte den Fokus des Films auf das arbeitsteilige Prozedere des Umsturzversuchs verschiebt, wo die spannenderen Szenen (und die besseren Schauspieler) warten. Und zweitens, weil diese Heldenabstraktion mit dem Antlitz eines Weltstarmarkenartikels sich kaum zum Nationaldenkmal umwidmen lässt.

Joachim Schätz in FALTER 4/2009 vom 23.01.2009 (S. 27)


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