MARIA LASSNIG
Gespräche und Fotos

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Herausgegeben von: Sepp Dreissinger
Fotos von: Sepp Dreissinger
Verlag: ALBUM Verlag
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

„Wenn ich von Wien hierher­komme, dann bin ich glücklich“

13 Jahre begleitete der Fotograf Sepp Dreissinger die Malerin Maria Lassnig. Dem Falter stellt er ein bisher unveröffentlichtes Interview zur Verfügung



Der erste Teil des Gesprächs wurde 2001 in Maria Lassnigs Atelier in Feistritz ob Grades, der zweite Teil 2006 am Hochstand in der Nähe des Ateliers aufgezeichnet.



Sepp Dreissinger: Eine schöne Stimmung ist hier, man hört die Grillen zirpen.

Maria Lassnig: Grillen? Ich höre keine Grillen!



Sie haben sich wahrscheinlich schon daran gewöhnt.

Lassnig: Ja, auch an den Geruch. Wenn ich von Wien hierherkomme, dann bin ich glücklich. Am ersten Tag bin ich immer am allerglücklichsten, weil es so gut riecht und so ruhig ist. Das ist herrlich! Und langweilig ist es auch so schön! Wirklich, hier ist nichts los.



Wie kommen Sie hier herauf? Haben Sie ein Auto?

Lassnig: Nein, ich habe kein Auto. Meistens nehme ich ein Taxi bis zum Südbahnhof, dann den Zug bis nach Friesach. In Friesach muss ich wieder ein Taxi nehmen. Es dauert also eine Weile, bis ich hier heroben ankomme.



Bekommen Sie hier öfters Besuch? Vorhin, als wir angekommen sind, haben sich gerade zwei Personen von Ihnen verabschiedet. Waren das Nachbarn von Ihnen?

Lassnig: Furchtbar, furchtbar! Alle wollen natürlich Bilder von mir! Denen wollte ich jetzt überhaupt nichts geben, aber irgendwie bin ich es ihnen schuldig, weil sie mir immer etwas bringen. Sie bringen mir immer Honig oder so etwas. Dann muss ich mich irgendwie dankbar erweisen. Sie wollen aber den Galeriepreis abziehen und nur die Hälfte zahlen. Und stellen Sie sich vor: Da ist vor nicht allzu langer Zeit ein Mann vor der Tür gestanden, mit einem Körberl mit so kleinen Flascherln und so weiter drinnen. Er hat gesagt, eine Galerie hat er und eine Tante, und er möchte unbedingt irgendetwas für seine Tante haben. Und ich sage: „Ich habe nichts und verkaufen tu ich nur über meine Galerien.“ Er ist ins Atelier hereingekommen und da ist so ein Palettengeschmiere auf Pappkartons am Boden gelegen. Er hat mich angefleht: „Kann ich das bitte, bitte haben?“ Und gibt mir das Körberl. Da habe ich gesagt: „Gehen Sie mit dem Körberl und nehmen Sie den Karton, das ist ja nur Dreck, Palettendreck.“ Er hat das dann um teures Geld verkauft! Ich weiß nicht, um wie viel. Und ich habe ihm das noch geschenkt! Dann hat ihn jemand geklagt, weil er auch andere Leute betakelt hat. Das ist bis zum Gericht von Linz gegangen, stellen Sie sich das vor! So geht es mir hier. Deshalb frage ich jetzt jedes Mal, wenn jemand klopft, wer draußen vor der Tür ist. Den habe ich einfach blauäugig hereingelassen.



Stand Ihr Name auf dem sogenannten Palettendreckbild?

Lassnig: Der ist ja auch nicht drauf gewesen. Ich weiß nicht, ob er das sogar falsch unterschrieben hat. Das tun inzwischen so viele, „Maria Lassnig“ hinschreiben und das dann als Maria Lassnig verkaufen. Was die mit mir treiben, die Leute! Man hat keine Rechte. Das nächste Mal, wenn ich wieder einen Preis bekomme – jetzt habe ich aber eh schon alle Preise –, dann werde ich ihnen sagen: „Ich verzichte auf den Preis, aber gebt mir meine Rechte!“ Denn als Maler habe ich keine Rechte, keine Authentizitätsrechte. Eine andere Geschichte, die mir passiert ist: Da sind einmal Leute mit einem Bild, das von mir sein sollte, zu einem Kurator in ein Museum gegangen. Der hat sie weitergeschickt in eine Galerie und der Galerist ist dann zu mir gekommen. Ich habe ihm gesagt: „Wenn ihr alle nicht wisst, dass ich nie eine Gondel in Venedig gemalt habe, dann tut es mir leid.“ Das war so ein schlechtes Bild! Das passiert jetzt immer öfter. Winterbilder haben sie mir gezeigt, das sollte alles von mir sein, furchtbar! Wenn ich tot bin, kann ich mich nicht mehr wehren, und die anderen verstehen nichts davon.



Ich habe seit vielen Jahren eine Originalzeichnung von Ihnen über meinem Bett hängen. Die haben Sie mir für meine „Hauptdarsteller/Selbstdarsteller“-Ausstellung 1990 geschenkt. Sie kamen damals zur Eröffnung im Schauspielhaus. Können Sie sich noch erinnern?

Lassnig: Was habe ich Ihnen damals gegeben? Was war drauf?



Ein gezeichnetes Selbstporträt.

Lassnig: Ein Selbstporträt? Ja, ich kann mich erinnern, es war etwas Gutes. Könnten Sie mir einmal ein Foto davon machen? Ich habe ja ein Archiv, wo alle Sachen dokumentiert werden.



Sie hatten mir 20 Zeichnungen hingelegt und dazwischen war dieses eine Porträt versteckt. Nachdem ich die Zeichnung ausgewählt hatte, haben Sie gesagt: „Ich hatte Angst, dass Sie genau dieses nehmen, weil es das Schönste ist.“ Das Gesicht ist mit einer einzigen Bleistiftlinie gezogen, mit einem sehr großen Mund.

Lassnig: Ja, ich kann mich erinnern. Da habe ich Ihnen ein sehr gutes Bild gegeben. Ich habe gedacht: „Mein Gott, wenn ich das jedes Mal mache!“



Seit zehn Jahren hängt es wie ein Schutzengel über meinem Bett. Sie sind mein Schutzengel und wissen das gar nicht!

Lassnig: Wenn man jetzt bei mir eine Zeichnung kauft, kostet die 70.000 Schilling. Das ist schon sehr viel Geld, aber von der Galerie bekomme ich ja sowieso immer nur die Hälfte. Und haben Sie das gelesen? Hier in dieser Kunstzeitung, da steht es schwarz auf weiß! Ein großes Bild von mir ist um 2.700.000 Schilling weggegangen. Die Leute haben mich angerufen und gratuliert zu diesem Verkauf. Ich habe aber keinen Groschen davon bekommen. Das Bild wurde wahrscheinlich vor dreißig Jahren über meine damalige Galerie verkauft. Ich habe keine Ahnung, wer diese 2.700.000 Schilling bekommen hat. Wahrscheinlich weiß das nur die Galeristin. Damals habe ich vielleicht 70.000 Schilling oder nicht einmal das bekommen. Vielleicht 50.000 Schilling. Sie werden sagen, dass ich doch über die Werbung froh sein soll, aber seit damals zittere ich, weil ich hier am Land nirgendwo ein Fenster vergittert habe. Und wenn ich den ganzen Winter weg bin – schrecklich!



Während eines Abendspaziergangs im Feistritzer Wald, in der Nähe von Maria Lassnigs Atelier:



Wie sind Sie hier in der Dorfgemeinschaft aufgenommen worden?

Lassnig: Als ich hierhergezogen bin, ist zuerst der Gemeinderat zu mir gekommen und hat mich herumgeführt und den Leuten vorgestellt, hauptsächlich auf dieser Seite vom Tal. Die auf der anderen Seite hab ich schon nicht mehr kennengelernt, weil ich ja kein Auto hab. Das Tal zieht sich unglaublich weit hinein. Man kann stundenlang da hineingehen. Aber die, die ich kenne, wissen, dass ich in der Nähe geboren bin, und da bin ich für sie fast eine Eingeborene. Am Anfang habe ich fantastische Ideen gehabt. Zum Beispiel, dass ich mit ihnen in meinem Atelier turnen werde, Platz wäre ja genug gewesen. Tanzen wollte ich auch mit ihnen, weil ich als junges Mädchen Volkstanzen gelernt habe. Ich hatte mir auch, wenn ich hier in der Feistritz war, angewöhnt, fast jedes Mal einen Besuch bei den Nachbarn zu machen. Im Sommer zwei oder drei Besuche, zu Weihnachten einen Besuch, zu Ostern einen Besuch. So lange habe ich das gemacht, bis es mir zum Hals herausgehangen ist. Das geht ja nicht! Ich war dann eigentlich froh, dass ich hier in der Einöde gut arbeiten konnte, weil ich in der Angewandten zu viel reden musste, was ein Maler ja nicht so gerne mag. Übrigens habe ich das Haus hier heroben erst kaufen können, nachdem ich in Wien die Malklasse übernommen habe. Vorher habe ich ja kein Gehalt gehabt.



Gehen Sie hier in Feistritz regelmäßig in die Kirche?

Lassnig: Das ist eine Frage meiner Bandscheiben und was die dazu sagen. In der Kirche ist es ziemlich kalt. Ich habe mich da schon ein paar Mal schrecklich erkältet. Die armen Bandscheiben! Wenn ich aber male, spüre ich sie nicht, das ist das Gute, da sind sie wie verschwunden. Allerdings melden sie sich dann aber doch wieder.



Sind Sie für die Bauern die „Frau Professor“?

Lassnig: „Frau Lehrerin“ haben sie zu mir gesagt, weil ich hier in einem alten Schulgebäude wohne. Da haben sie am Anfang automatisch „Frau Lehrerin“ zu mir gesagt.



Haben Sie das Gefühl, dass die Bauern Ihre Kunst schätzen und verstehen?

Lassnig: Das Wort „Kunst“ hat kein Einziger je gebraucht. Sie sind überhaupt sehr diskret, sie fragen nicht nach. Über mein Tun und Lassen erkundigen sie sich weniger. Inzwischen lassen sie mich in Ruhe, weil ich einmal ganz laut davon gesprochen habe, dass ich hier meine Ruhe suche, und das respektieren sie sehr.

Vor einigen Jahren haben Sie Ihre Nachbarn in einem Porträtzyklus, den Sie „Landleute“ genannt haben, zeichnerisch verewigt. Sind die Bauern zum Abzeichnen zu Ihnen ins Atelier gekommen?

Lassnig: Nein, ich bin zu ihnen gelaufen. Das war anstrengend, die gehen selbst ja keinen Schritt zu Fuß. Am Tag nach der Eröffnung der Ausstellung hab ich einen Anruf von einem Bauern bekommen, der mir gesagt hat: „Ich werde Sie klagen. Sie haben über mich etwas Schlechtes verbreitet. Sie haben in dem Buch meinen Bruder als ‚vulgo Gannacher‘ angegeben, aber in Wirklichkeit bin ich der richtige Gannacher! Jetzt sind Sie schon zehn Jahre da und wissen immer noch nicht, wer der richtige Gannacher ist!“ Die Gannachers sind sechs Brüder, wie soll ich da alles wissen? Einer von denen war immer in der Kirche, dem bin ich dort begegnet und den habe ich gezeichnet, weil er so einen besonderen Blick hat. Aber das war zufällig der Unterdrückte, der ist wirklich von seinen Brüdern unterdrückt worden. Ein paar Tage später hab ich den, den ich gezeichnet hab, wiedergesehen. Er hat übers ganze Gesicht gestrahlt, weil er im Buch drin ist. Der war so stolz, das hat mich dann wieder beruhigt.



Der Beruf Malerin sagt den Bauern wahrscheinlich nicht so viel.

Lassnig: Stimmt, für nichts, für die Katz ist das, was ich mache. Für die ist das überhaupt kein Job. Die fragen sich: „Was tut sie denn den ganzen Tag?“

Martin Droschke in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 40)


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