Aktionismus all inclusive

von Vintila Ivanceanu, Josef Schweikhardt

€ 18,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Passagen
Format: Taschenbuch
Genre: Kunst/Kunstgeschichte
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2001

Rezension aus FALTER 12/2002

Die Neunzigerjahre waren die Dekade der Re-Politisierung der Kunst – Re-Politisierung deshalb, weil Politik schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine wichtige Rolle in der Kunst gespielt hatte. Diese Entwicklungen waren jedoch im Kunstmarkt-Boom der Achtziger wieder vollkommen untergegangen. Doch bereits ab der politlastigen documenta X 1997 stand vieles an politisierter Kunst plötzlich wieder zur Debatte.
So fragten etwa anlässlich des österreichischen Beitrags für die Biennale von Venedig 1999 viele Stimmen, ob sich Projekte mit gesellschaftskritischem Anspruch für staatliche Repräsentationszwecke hergeben dürften. Interventionskünstler wie die Gruppe Wochenklausur änderten zwar auch für den internationalen Auftritt nichts an ihrer bisherigen Arbeitsweise, fanden sich in den Reaktionen auf Peter Weibels kuratorisches Konstrukt "Offene Handlungsfelder" aber dennoch in eine als naiv, karrieristisch oder künstlerisch wertlos ausgemusterte Variante von kritischer Kunst eingeordnet. In der Bewertung der Kunst der Neunziger grassiert seither entweder stures Beharren auf einer Überlegenheit der kritischen Kunst über die Objektkunst oder ein Kulturpessimismus, der die politische Kunst für gescheitert hält.
Nun widmen sich zwei neue Bücher dem, was nach dem Kunstmarkt-Crash 1990 kam. Dem deutschen Publizisten und Kurator Holger Kube Ventura geht es in seiner nun veröffentlichten Dissertation "Politische Kunstbegriffe in den 1990er Jahren im deutschsprachigen Raum" weniger um einen kunsthistorischen Abriss, als um eine Analyse des Wechselverhältnisses zwischen Gesamtgesellschaft und Kunstfeld. Politische bzw. linke Kunst passierte im vergangenen Jahrzehnt vor dem Hintergrund von Techno und Internet in selbstorganisierten Kunsträumen und Artclubs.
Begrifflich grenzt der Autor dabei Interventions-, Informations- und Impulskunst voneinander ab und untersucht in einem Kapitel auch den neuen Typus der "KünstlerInnen-OrganisatorInnen". ",Kunst' ist ein Zauberwort" heißt es dort: Ihre Schirmherrschaft beschafft auch jenen Mittel und Öffentlichkeit (Sponsorengelder, Ausstellungseinladungen etc.), für die der Begriff eigentlich gar nichts mehr zählt. Spannend sind insbesondere jene Passagen, wo die Interaktionen zwischen Subkultur und Institutionen analysiert werden: zum Beispiel, wie der "Ambient Art"-Trend Museen bei ihrer Umstrukturierung in Richtung Eventkultur entgegenkam.
Während sich die erste Hälfte des Buches um prinzipielle Fragen wie "Was ist ,politische' Kunst?" dreht, geht Kube Ventura im zweiten Teil auf konkrete Projekte und Initiativen ein. Besonders wichtige Impulse zur Transformation des Kunstbegriffes gingen für ihn stets von ganz bestimmten Orten und Personen aus: Was sich zwischen Auguststraße/Berlin, Shedhalle/Zürich und Depot/Wien an Experimenten und Austausch tat, schildert der Autor auf eine Weise, die sich der Gefahr von Legendenbildung bewusst ist. Schade ist nur, dass das Buch eine so unattraktive Aufmachung hat, denn schon allein seine ausgezeichnete Bibliographie und sein Abriss von Ausstellungen und Projekten ab den Sechzigerjahren machen es als Nachschlagewerk unabdingbar. Eine Kunstgeschichtsschreibung wie die von Kube Ventura hat offenbar auch Stella Rollig in dem von ihr und Eva Sturm herausgegebenen Buch "Dürfen die das? Kunst als sozialer Raum" vor Augen. Diese Publikation fasst die Ergebnisse eines gleichnamigen Symposiums aus dem Jahr 2000 zusammen. "Es fehlt eine Geschichte von Aktivismus und Partizipation in der Kunst des 20. Jahrhunderts", schreibt Rollig in ihrem Beitrag. "Da Kunst bis heute zum allergrößten Teil auch Bilder und Objekte produziert, wird ihr Gehalt nach wie vor durch die Abbildungskonvention verfälscht, Weltanschauung unterdrückt. Warum kennt man Jeff Koons, nicht Dan Graham, warum ist Anselm Kiefer ein Star, und von Robert Smithson hat man noch nie gehört?" Gabriele Stöger erörtert in ihrem Aufsatz den Begriff "Community" über Projekte mit Lehrlingen, während Monika Schwärzler das "Design des Anderen in partizipatorischen Kunstprojekten" anhand des Tigerpark-Projekts befragt. Durch die Aufsatzsammlung zieht sich jedoch ein unproduktiver Konsens. Die autoritäre Entwertung eines "alten Werkbegriffs", der "Bilder an die Wand" haben will (Einleitung), wird hier nicht als eventuelle Distinktionsstrategie reflektiert. Das bleibt Kube Ventura vorbehalten.Der Künstler als Messias, Märtyrer oder Erlöserfigur erlebte im Wiener Aktionismus und in der internationalen Body Art seine Hochblüte. In ihrem Buch "Aktionismus all inclusive" lassen Vintila Ivanceanu (geb. 1940) und Josef Schweikhardt (geb. 1949) noch einmal Schmerzkultur und Körperpathos Revue passieren, um schließlich eine "Demokratisierung der künstlerisch-öffentlichen Spielräume" in der Unterhaltungskultur zu entdecken. Das sieht dann so aus, dass in einem unzimperlichen, teilweise recht witzigen Streifzug (großzügig im Begriff "Schmerzelite" zusammengefasste) Körperkünstler wie Günter Brus oder Flatz zusammen mit Joseph Beuys und dem Reichstagsverhüller Christo der Machtgier überführt werden. Abschließend richten die Autoren alle Hoffnungen auf einen "frechen Pop-Aktionismus", zu dessen Vertretern sie Performancekünstler wie Jim Rose oder Annie Sprinkle, aber auch "die Jugendszene mit ihrer alles zerfetzenden Rockmusik, den Drogen und orgiastischen Lightshows, den ,heiligen Narren' des Punks und ihrer Piercing- Tattoo-Mode" zählen.

Nicole Scheyerer in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Dürfen die das? Kunst als sozialer Raum (Eva Sturm, Stella Rollig)
Politische Kunstbegriffe in den 1990er Jahren im deutschsprachigen Raum (Holger Kube Ventura)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb