Rote Lackn
Roman

von Britta Steinwendtner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Haymon
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 21/1999

Jasmin & Bienengesumm

Brita Steinwendtner setzt auf die symbiotische Kraft der Erinnerung und verdichtet Geschichte und Geschichten eines Landstrichs zu einem lyrischen Roman.

Am Ursprung der Steyr, in der oberösterreichischen Eisenwurzen, liegt die Rote Lackn. Grauenvolle Geschichten - von Aufrührern, Mördern und Selbstmördern - ranken sich um diesen Ort, den die Kinder meiden. Für die Frau, die nach langen Jahren in der Welt "da draußen" in die Landschaft ihrer Kindheit zurückkehrt, wird das unheimliche Wasser zum Ausgangspunkt von Sondierungen der blutigen Tiefen der Vergangenheit - von den Bauernkriegen bis zum Dritten Reich und der Nachkriegszeit.

Wie ihre Ich-Erzählerin ist die TV- und Rundfunkjournalistin Brita Steinwendtner, Leiterin der Rauriser Literaturtage, in Hinterstoder und Steyr aufgewachsen. Die erste Prosaveröffentlichung der 1942 in Wels geborenen Autorin erzählt die Geschichte dieser Talschaft und einer "Handvoll Menschen, die in ihr lebten und leben. Ihre Geschichten sind Suchbilder, ich gehe meiner Liebe zu ihnen nach."

Aus Bruchstücken von eigenen und fremden Erinnerungen setzen sich unter dem behutsamen und aufmerksamen Blick der Heimkehrerin Geschichten zusammen: Da ist die Sennerin Franziska, die sich als Köchin im "Narrenturm" verdingen muß und als dessen Insassin endet; da ihre uneheliche Tocher Marieli, die eines tragischen Todes stirbt, oder die DDR-Sportlerin Theresa, die seit ihrer abenteuerlichen Flucht seltsam still geworden ist. Ihre Schicksale eröffnen den Durchblick auf ein Stück österreichischer Geschichte des 20. Jahrhunderts, denn immer wieder drängt eine unbewältigte Vergangenheit an die Oberfläche des Gedächtnisses: die traumatischen Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus und seines Zusammenbruchs. Trotz des mutigen Auftretens der Barmherzigen Schwestern gegen die Euthanasiepolitik des Dritten Reichs konnte der Abtransport der Einwohner des Narrenturms nicht verhindert werden, und der Germanistikprofessor und Hölderlin-Spezialist ist nie darüber hinweggekommen, daß ihn seine Eltern in der nationalsozialistischen Eliteschule NAPOLA zum potentiellen Mörder ausbilden ließen.

Jenseits von Heimatverklärung und Antiheimatroman wird in "Rote Lackn" das Private immer vor dem Hintergrund des Politischen sichtbar, und doch geht es in dieser "Erinnerungsarbeit" um etwas ganz anderes. "Erinnerung", sagt die Ich-Erzählerin, "ist kein weites Land. Sie besteht aus wenigen Augenblicken vollendeter Symbiose all unserer Sinne, all unseres Seins." Auf ihren Streifzügen durch die Vergangenheit ist Brita Steinwendtner genau auf diese raren Momente aus. Dabei gelingen ihr immer wieder Sätze von großer, nahezu lyrischer Dichte. Etwa wenn es über das Sterben der "alten Dame aus dem Französischkurs" heißt: "Wenn die Tage warm waren und das Fenster offenstand, konnte sie die Blätter fallen hören. Sterben hat einen Ton. Sie war auf ihn gestimmt."

Solche Passagen erfordern - wie überhaupt die jeglicher Ausschweifung abholde Erzählweise - ein eigenes Lesetempo. Die zuweilen bis aufs äußerste vorangetriebene Kunst der Kondensation macht den Roman allerdings nicht eben leicht konsumierbar. "Das ,Lusthaus' im sommerlichen Garten der Großeltern. Busch- und baumumstanden: Jasmin, Flieder, Weigelie, Magnolie, Apfelbäume verschiedener Sorten. Himbeerkracherl. Jausenmalzkaffee. Bienengesumm." - Erinnertes, Begegnendes wird in einem (scheinbar naiven) Vertrauen in die Evokationskraft der Wörter allzuoft benannt statt beschrieben, und es bleibt offen, ob sich die Autorin damit, überwältigt von der Vielfalt der sichtbaren Welt, vor dieser verbeugt - oder kapituliert.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 21/1999 vom 28.05.1999 (S. 67)


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