das grosse babel,n

von Ferdinand Schmatz

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Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Entlang bekannter Texte aus der Bibel führt Schmatz in seiner Dichtung zu den Zusammenhängen von Denken und Sprechen.
Er läßt dabei die in der Vorlage angelegten Rede- und Sinnfiguren, ihre Motive und Themen, in Form des großen Sprechgesanges widerkehren, behält den Ton und das Sujet der unterschiedlichen Textsorten und literarischen Traditionen der Genesis, der Psalmen und der Apokalypse wie ein Phantom im Hinterkopf und im Ohr. Indem der Bezug zur biblischen Vorlage vom Zwang zu vordergründiger Erfindung befreit, ist das grosse babel,n die bisherige Summe von Schmatz' dichterischem Werk: seine poetische Gestaltung aller möglichen Formen der Erkenntnis und Empfindung hebt die historische Klage des Hieronymus, daß wir die Bibel in Prosa lesen, auf und löst eine umfassende, sozial, historisch und ästhetisch relevante Vorstellung davon ein, was Dichtung ist. Ferdinand Schmatz, geboren 1953, lebt als freier Schriftsteller in Wien. Studium der Germanistik und Philosophie in Wien, Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst ebendort. Herausgeber des Nachlasses von Reinhard Priessnitz. Mehrere Auszeichnungen, u.a. Christine-Lavant-Lyrik-Preis der Stadt Wolfsberg 1999; Österreichischer Staatspreis für Literatur 2001/Förderungspreis; Buch.Preis 2002, gestiftet vom Brucknerhaus Linz und der AK-OÖ; Anton-Wildgans-Preis 2002; Heimrad-Bäcker-Preis 2006; H.C.-Artmann-Preis 2006. Bücher (Auswahl): "Der gesamte Lauf" (1977), "der (ge)dichte lauf" (1981), "die wolke und die uhr" (1986), "Sinn & Sinne". Wiener Gruppe, Wiener Aktionismus und andere Wegbereiter (1992), "speise gedichte" (1992), "SPRACHE MACHT GEWALT". Stich-Wörter zu einem Fragment des Gemeinen (1994), "Farbenlehre" (gem. mit Heimo Zobernig, 1995). "Lieber Herr Fuchs, Lieber Herr Schmatz!" Eine Korrespondenz zwischen Dichtung und Systemtheorie (1997). Bei Haymon: "dschungel allfach". prosa gedicht (1996), "maler als stifter". Poetische Texte zur bildenden Kunst (1997), "das grosse babel,n" (2000), "Portierisch". Roman (2001), "Tokyo, Echo oder wir bauen den Schacht zu Babel, weiter". Gedichte (2004), "Durchleuchtung". Ein wilder Roman aus Danja und Franz (2007), "quellen". Gedichte (2010).

Rezension aus FALTER 41/1999

Mit seinem Werk "das grosse babel, n" wagt sich der Lyriker Ferdinand Schmatz an nichts Geringeres als an eine Nachdichtung der Bibel.

Eine Bibel schreiben zu wollen – ist ein Hang zur Tollheit, wie ihn jeder tüchtige Mensch haben muss, um vollständig zu sein." Die pathetisch-ironische Anmerkung von Novalis zum Verfassen eines absoluten und letzten Buches unter den Bedingungen der literarischen Moderne mutet heutzutage sonderbar banal an. Ohne zu zögern werfen sich zur Zeit junge Männer und Frauen überschwänglich in die Pose von Sehern, Sprachschöpfern oder Neuerfindern der Poesie. Die Lyrik boomt tüchtig.
Dem Anspruch nach ist Ferdinand Schmatz' neuer Gedichtband "das grosse babel, n", einer Nachdichtung der Bibel, genauer der ersten siebzehn Kapitel des Buch Moses und der Offenbarung des Johannes (Apokalypse), nicht weniger prätentiös. Beginnt man den auf alte liturgische Traditionen zurückgreifenden Sprechgesang aber zu lesen, stellt sich rasch heraus, wie weit man sich vom unterhaltsamen poetischen Zeitgeist entfernt hat. Mit dem modischen Nacherzählen von Bibelgeschichten haben die verschlungenen rhythmischen Konstrukte von Schmatz nur das Thema gemeinsam. Poetisches Verfahren wie Ergebnis sind nicht Sinnstiftung und Befriedigung quasireligiöser Sehnsüchte, Sinnreduktion im komplizierten Leben, sondern Sinnentzug durch Textproduktion.
Klänge, Buchstaben, Worte und Sätze werden nach befremdlichen Gesetzen in eine neue Ordnung gebracht, Alltag und Alltagssprache sind zuerst zu distanzieren:

"bis es im schluss strich, alles verstimmte, dass nicht nicht mehr zu hören war,
auch nicht mehr das, was hörte
... als blieben nur noch die lücken –
ein bisschen zahnlos waren sie dann,
umsomehr verwirrt schwirrten sie dann
ab."

Was anstelle dieser Lücken, Leerstellen und Defekte passiert (und es werden in der Folge noch viele Körperteile deformiert, Achseln gebeut, Glieder verdreht ...) nennt sich babbeln. "babbeln: lallen, unverständlich reden, im abwertenden sinn" besagt das Lexikon. Damit ist keine Hoffnung auf eine allen Menschen gemeinsame Ursprache vor dem fatalen Turmbau verbunden, auch keine Aussicht auf ein Pfingsten der Religion, wenn sich die reinen Geister wieder alle einträchtig verstehen (obschon das letzte Wort des Gedichts "gnade" lautet). Das Sprachverwirren wird zum Prinzip gemacht. Das freigestellte n in "babbeln, n" markiert die Unendlichkeit der dichterischen Tätigkeit, die darin besteht, dem Unendlichen des Geistes durch unendliche Zerstreuung des Sinnes zu begegnen.

Das Ergebnis der mehrjährigen Lektürearbeit, an deren Anfang die (mittlerweile verworfene) Idee stand, die ganze Bibel nachzudichten, umfasst 160 Seiten. Es sind Gedichte, die gleichsam beim Lesen verfertigt wurden. Dass für Schmatz die Idee leitend war, sich als Autor in die Tradition europäischer Dichtung einzuschreiben, ist ebenso unübersehbar, wie diese über ein einfaches Problem nicht hinwegzutäuschen vermag: Niemand liest und kennt mehr die Bibel. Wozu also eine Nachdichtung? Als Grund lässt sich bestenfalls das selten abgegriffene heilige Buch in den Nachtkästchen von Hotelzimmern angeben. Bibel, Hotelzimmer, Nachtkästchen – ein wenig verschmitzt nennt Schmatz denn auch genau diese Konstellation als Ursprung seiner Dichtung, die sehr an Schwitters erinnert und mitunter Heine evoziert.
Jakob spricht:
"eigentlich schlafe ich gerne, zeuge mich selbst
dort, wo ferne sein wird, als ihr hirt im kopf, räume ich auf mit meiner furcht, den stein vom weg,
hebe ihn, wie mich und überhaupt, hinauf –

ins ausgedachte, durch die güsse ins wachsen gebrachte,
regen, segen – auf diesen bödigen wurzeln stammelnde,
rammende wortgewimmel, und hole so den bil-derhimmel
runter auf meine zunge, sage auf, was zu sprechen war."

Was zu sprechen war, ist hier der Anfang von Himmel und Erde, Tag und Nacht, Sonne, Mond und Sternen. Gedichtet wird keine Kosmogonie mit ihren mythischen Mächten, Schmatz erspart dem Leser zum Glück auch eine literarisch verkleidete Kosmologie naturwissenschaftlicher Erklärungen – Gott und Dichter dichten beide Welt. Der eine schafft sie, der andere danach. Da der Autor aber weder eine Muse noch einen Gott zum Gelingen seines Gedichts mehr anrufen kann, bleibt ihm allein, das Murmeln der Sprache selbst abzuhören, "den bilderhimmel runter auf seine Zunge" zu holen. Die Zunge als Leiter, die den Sprachkörper leckt, ist zumindest ein eigenartiges dichterisches Organ und Instrument, auf jeden Fall aber ein originelles Bild.
"Es ist nicht leicht", lautet denn auch der Eingangssatz zur Erschaffung der Welt.
Und weiter:

"das was licht sein wird,
zu scheiden, von dem, was finster
– da kein fenster dort,
wo tag noch nacht (...)

es ward, nicht spät weder früh, lichtung,
möglich richtung
und, schatten, ohne zu raten,
weiters oder überall, noch kein fall,nur wasser bloß, ohne schwamm, verschwommen da, her, nichts."

Nicht Schöpfer und Geschöpf, Bild und Abbild, sondern eine romantische Landschaft steht kurioserweise am Anfang. Heideggers Lichtung, die noch keine Wahrheit erscheinen lässt, und Wittgensteins Fall, der sich gleichsam im Zustand vor der Aussage befindet, sind dabei nur zwei Beispiele aus Schmatz' reichem Repertoire an Begriffen, anhand derer aus der Bibel eine individuelle Mythologie aufgebaut wird. Unverschämt, plappernd, voll der hohen Töne, die sich dann wieder mit banalem Jargon abwechseln und vermischen, mitunter auch verwirrend wird den großen Erzählungen von Paradies, Stammesgründung, Sintflut alle Dramatik genommen. "diese, die dame, der herr – ziehen sich, da ausgezogen, nicht mehr an, sondern fort – da der ort endlich leer ist, der garten, jetzt kann warten."
Dieser Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies sind an Lakonie nicht mehr zu übertreffen. Und kaum besser ergeht es den Altehrwürdigen – Abraham, Kain und Abel, Noah, Lot, Rebekka und Sarah. Die biblische Welt ist eine des Textes, und diese noch einmal zu poetisieren, wäre verfehlt.
Ein kleiner, von Schmatz' Nachtdichtung durchaus herausgeforderter Einwand ist dabei nicht zu vergessen: So sehr man im "grossen babel, n" auf zahllose verblüffende, auch amüsante, mitunter ätzende und ziemlich obszöne Kommentare, Wendungen und Bilder trifft, so irritiert ist man mitunter, wenn man Hilfe suchend zum beigefügten Originaltext greift:

Statt "wir lassen vorne was ab, es geht, was tropft,
der hinter klebt am kleister, nass,
verwässert fliesst das brabbeln hin …"

liest man dann den Psalm 137:
"An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden …"

Belohnt für die Arbeit am Text wird erst, wer vom Original zum "grossen babel, n" zurückkehrt. Roland Barthes hat das Vergnügen solcher Lektüre folgendermaßen beschrieben: "Der alte biblische Mythos kehrt sich um, die Verwirrung der Sprachen ist keine Strafe mehr, das Subjekt gelangt zur Wollust durch die Kohabitation der Sprachen, die nebeneinander arbeiten: der Text der Lust, ein glückliches Babel."
"... alles jauchzt hoch, was den atem hat, lang und hält an (ihn), hallt, aber
es lullt ein."
Einlullen ist aber nichts als jener Zustand, in den Kinder (infans – der keine Sprache hat, stumm ist) gebracht werden, wenn sie Ruhe geben sollen. Die Stummheit dieses Moments, dessen nächtliche Fortsetzung der Traum ist, ist zugleich nichts anderes als der
Beginn jenes Sprechens, das auch am Ursprung aller Dichtung liegt – beredtes Schweigen.

Erich Klein in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 16)


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