Old Danube House
Roman

von Walter Grond

€ 21,00
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Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Wien, Moskau und Sarajevo sind die Schauplätze dieses Romans, in dem es u.a. um die Frage geht, was für die meisten Menschen heute das eigentlich Fremde ist: die Zuwanderer aus anderen Kulturen, die technikbesessenen jungen Leute und ihre Rituale, die verdrängte Vergangenheit oder die ungewisse Zukunft. Der Quantenphysiker Johan Nichol gerät durch die über das Internet verbreitete Nachricht vom Selbstmord des bosnischen Physikers Nicola Sahli in eine existenzielle Krise. Der geheimnisvolle Kollege wird zur Schlüsselfigur bei der Suche nach Sinn und Mut im Beruf wie im Privatleben. Er fährt nach Sarajevo und findet jenes Old Danube House, wo Sahlis Vater mit Adoptivkindern verschiedener Nationalitäten ein multikulturelles Experiment verfolgt hatte … Walter Grond geboren 1957, lebt in Melk/Wachau. War unter anderem Herausgeber der Literaturreihe "Essay" und der Zeitschriften Nebelhorn, ABSOLUT und Liqueur. Autor der Romane "Landnahme", "Labrys", "Das Feld", "Stimmen" und "ABSOLUT GROND". Autor und Organisator von "GROND ABSOLUT HOMER". Im Frühjahr 2002 Arbeit am Projekt "Schreiben am Netz" am Collegium Helveticum der ETH Zürich in Zusammenarbeit mit der Neuen Zürcher Zeitung. Seit 2004 Projektleiter von www.readme.cc, ab 2005 Herausgeber (mit Beat Mazenauer) der Reihe "Lesen am Netz. Bücher, Websites" im Studienverlag/Haymon Verlag, www.lesenamnetz.org. Bei Haymon: "Der Soldat und das Schöne". Roman (1998), "Der Erzähler und der Cyberspace". Essays (1999), "Old Danube House". Roman (2001), "Almasy". Roman (2002), "Schreiben am Netz". Literatur im digitalen Zeitalter (gem. mit Johannes Fehr, 2003), "Drei Männer". Novelle (2004), "Der gelbe Diwan". Roman (2009) sowie zwei Bände der Reihe "Draußen in der Wachau". Der etwas andere Reisebegleiter (2011 und 2012). Zuletzt erschien sein Roman "Mein Tagtraum Triest" (2012).

Rezension aus FALTER 42/2000

Ein Professor aus der Technologie-Abteilung des Abendlandes steckt in einer abendländischen Identitätskrise. Morgenländische Freunde verhelfen ihm zu einem Ausflug ins (vorgeschobene) Morgenland auf dem Balkan. In Sarajevo gibts Nachkriegselend und Islam. Das heilt den abendländischen Individualismus. Der Professor findet zu sich, zu seiner Frau und zu einem neuen Job.
Vor Antritt des neuen Lebens gibts einen Genesungsurlaub an der Adria mit einer kleinen, zwar unfreiwilligen, aber digital geschützten und insgesamt stimulierenden Robinsonade. Ein paar Zeilen vor dem Ende des Buches fällt dann noch ein Jungvogel vom Baum, unter dem die Schiffbrüchigen sitzen, und wird vom Professor geistesgegenwärtig gerettet. Ich hätte das nie geschafft: an seinem Schatten in Fallgeschwindigkeit einen Vogel so schnell zu erkennen, dass man rechtzeitig seine Jacke ausbreiten kann. Gegen diese Leistung ist das anschließende Baumkraxeln ein Kinderspiel. Ich aber hätte den Vogel bei der Rettungsaktion sicher berührt; der Professor hingegen weiß, dass man das nicht darf (fremde Witterung!), und hat blitzschnell ein Taschentuch zur Hand (muss es eigentlich auch sauber sein?).
Es geht aber gar nicht darum, eine vielleicht unachtsam gestaltete Szene spöttisch aufzubauschen. Es geht darum: Wenn ein Autor mit so avanciert sprachkritischem und poesiekritischem Bewusstsein wie Walter Grond ("Absolut Homer", "Absolut Grond"!) zurückkehrt zu traditionellem Sprach- und Erzählverhalten, dann werden seine Gründe gewichtig sein. Die Wirklichkeit hat offensichtlich nicht aufgehört sich aufzudrängen und dem formalen Avantgardisten Grond Gesinnung abzufordern. Und der erfolgversprechendste Weg, Gesinnung literarisch zu verbreiten, ist immer noch das alte fiktionale Erzählen.
Ich meine: So ein kleiner Vogel-Unfall passiert eben in der traditionellen Erzählhaltung, sofern sie mit Weltanschauung Welt regieren oder reparieren will. Der Professor ist wieder im Vollbesitz seiner humanistischen Kräfte, und da kommt der Vogel als Bewährungshelfer eben recht. Vor Freude über die Aussagekraft des Beispiels übersieht man dann manchmal seine Durchführbarkeit.
Der Vogel-Unfall ist ein Struktursymptom. Das alte Misstrauen gegen den alten Gesinnungsroman war aber schon vorher geweckt. Wenn man, grob gesagt, an seinem Helden vorführt, wo es lang geht, dann wird alle Realität, die der Realismus verspricht, zur Kulisse: Dann kommt die schreckliche Realität der neueren Balkan-Geschichte in den Geruch, dem verhätschelten Helden als Sanatorium für seine verunsicherte Wohlstandsidentität zur Verfügung gestellt worden zu sein; dann bedeutet Happy End, dass der verhätschelte Held den heilsamen Schrecken in Sarajevo mit einem touristischen Sidestep einfach wieder verlassen kann; das Morgenland im Rücken, erneuert er das alte Abendland: seinen arglosen Individualismus (die Abenteuerlichkeit eines unabhängigen Ichs), seinen kurzarmigen Humanismus (außer dem Vogel rettet er noch einen Bosnier vor der Abschiebung und einen Serben vor bosnischem Vorurteil); der verhätschelte Held: Er darf sich gewandelt haben, darf glücklich sein, und alle verlassenen Frauen (pro Lebensstation eine) sind kooperativ. Die Fremdheit der Welt war bloß Folge einer passageren Selbstentfremdung, wahrscheinlich einfach klimakteriell erklärbar. Man bekommt ein bisschen Sehnsucht nach dem Erzählschalk aus "Absolut Grond", aber Grond meints diesmal absolut ernst.
Wenn man das Buch ohne Vorwissen (von Gronds Rückkehr aus der Avantgarde) liest, wird man es zwar nicht als literarische Sensation nehmen, aber vielleicht leichter seine klassischen Qualitäten genießen können: einen dramaturgisch, manchmal kriminalistisch wohl gespannten Aussagebogen; viel Authentizität (Technik, Sarajevo, Jugendszene); wirkungsvoll sachliche Beobachtung (vor allem des kriegsversehrten Sarajevos); sprachliche Intensivierung bei dem sinnverwirrenden Erlebnis jugendlicher Mega-Partys.
Das Buch enthält außerdem viel entzündlichen Stoff, dem breite Diskussion zu wünschen ist: die Verfassung westlicher Humanität angesichts einer von Humanität und Westen verlassenen Nachbarschaft; die fragwürdige Ich-Kultur des Westens überhaupt (im Roman behauptet der Professor die Verabschiebung seiner Einzigartigkeit), die gesellschaftliche Rolle globaler Telekommunikation (im Roman kommt ihr buchstäblich zukunfts- und lebensrettende Bedeutung zu); die humane Verträglichkeit künstlicher Intelligenzen (im Roman ein lockendes Abenteuer), das Realitäts- und Lebensverständnis der jungen Generation (im Roman faszinierte Kenntnisnahme).

Helmut Gollner in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 14)


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