Portierisch. Nachrichten aus dem Berge in Courier New

von Ferdinand Schmatz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Haymon Verlag
Genre: Roman, Erzählungen
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 37/2001

In "Portierisch" widersteht Ferdinand Schmatz den Verlockungen des Feistritztales und rettet das Erzählen durch dessen Demontage.


Ferdinand Schmatz' jüngstes Buch, das sich im Untertitel als Roman deklariert, beginnt mit den Worten: "Ich habe mich entschlossen, keinen Roman zu schreiben." Allerdings stammt diese Devise nicht von dem Ich, das uns das ganze Buch begleitet, sondern von dem Amerikaner Courier, der auf der Suche nach den "Spuren jenes Philosophen ist, der sich in dem Ort weiter unten, vor dem Pass aufgehalten haben soll".

Schon wissen wir, wo wir sind, denn das erste Kapitel versetzt uns in das "Fustritztal"; viel Wald ist rundherum, auch "Fustritzwald" genannt, und wir können die Assoziation nicht abweisen: Das erinnert an das Feistritztal, und wenn man dort ist, dann ist man in der tiefsten Steiermark. Ich kenne diese Gegend, sie ist gefährlich, und unlängst dachte ich in der Nähe des Alpl, auf einem Holzwege, hier müsse man verdammt Acht geben, um nicht ein Ros- oder Heidegger zu werden. Das ist die Gegend, in der mehr Gschichtelerzähler wachsen als Schwammerln und jeder Holzklotz an das Dingen des Dings mahnt. Aber das Ich hat sein analytisches Gewissen in Gestalt des Amerikaners Courier mit sich, der sich nicht nur auf die Spuren Wittgensteins begeben hat, sondern penetrant Sprachspiele pflegt und den Kalauer in einem fort philosophisch aktiviert. Das Ich ist auch durchgehend bemüht, Courier in "Wortstimmung" zu bringen, und dieser lässt sich nicht lange bitten.

Durch diesen Begleiter entkommt das erzählende Ich der Gefahr, die jedem Erzähler dräut: Das Erlebte launig zu verpacken, von Bekannten zu erzählen, Privates auszuplaudern und der Leserschaft zu servieren, weil man es für interessant hält. Schlüsselroman heißt dieses literarische Unding, über das sich vor allem jene empören, die darin mit gutem Grund nachteilig porträtiert sind. Gerade das ist Schmatz' "Roman" nicht, auch wenn darin sehr viel Privates und Persönliches erzählt wird und manches auf Erkennbarkeit hin angelegt ist. Dass die Realität viel kühner ist als die Erfindung, bestätigt sich auch in diesem Text: So klingt "Ohrwaschlgraben" wie ein guter Scherz des Erzählers, ist aber kein Ergebnis der Sprachlaune Couriers, sondern vielmehr ein oststeirisches Naturprodukt, in jedem Falle um einiges triftiger als ein Maler, der auf den Namen Grundlsee hört.

Wer meint, er habe es hier mit einer Satire auf die österreichische Kunstszene zu tun, irrt, auch wenn sich einige Snobs finden, die sich in der Natur natürlich geben und in der Waldeinsamkeit ein Keramiksymposion zu Fronleichnam veranstalten. Natürlich sitzt dem Autor, wo er geht und steht, der Schalk im Nacken, und er kann es nicht lassen, dort zu kitzeln, wo er es für angebracht hält. Aber das Substrat gibt mehr her als eine durchsichtige Gesellschaftssatire, und der Schalk des Autors hat es seit jeher nicht nur auf das Stoffliche abgesehen, sondern auf das poetische Verfahren, und da kommt die Camouflage des Romans gerade recht.

Eine erzählbare Handlung ist entbehrlich, obwohl man aus den einzelnen Episoden einen ganzen Gesellschafts- oder Heimatroman zusammenstoppeln könnte. Da gibt es den Förster und den adligen Grundherren, dem alles gehörte, den Ortskommunisten und den Gendarmen, der einer Fernsehserie entstiegen sein könnte, da gibt es vor allem den "Dichterfreund" und seine Frau Hana. Vor allem aber gibt es in diesem Text ein Ich, das sich immer nachdrücklicher dem Leser präsentiert, und das sich - im Unterschied zum Dichterfreund - auch aus der Anonymität zu lösen vermag: "- ich heiße Kuss, nicht Küssel", ruft es auf eine unangenehme Frage "in einem immer bleischwerer werdenden Tagtraum".

Von da an wird auch zusehends die Biografie dieses Ich eingebracht: Spieler in der Jugendmannschaft von Rapid; das schockartige, schon früh durch einen Sportbericht vermittelte Bewusstsein von der dubiosen Existenz der Metaphern ("Nemec war der Vater Sieges"); die frühe Kindheit in Korneuburg; die Übersiedlung der Familie nach Wien, wo der Vater Hausmeister wird, was den Sohn dermaßen geniert, dass er das entsprechende Schild abschraubt, als ein angehimmeltes Mädchen kommt, um nachzuschauen, ob er "denn wirklich ein solcher, ein Portierischer", wäre.



Der Titel legt es nahe, in diesem Rückblick auf die Jugend doch ein zentrales Moment des Textes zu vermuten: Entscheidend wird diese Perspektive des "Portierischen"; auch wenn der Roman nicht zur Biografie eines Erniedrigten oder Beleidigten mutiert, wird doch eine soziale Spannung in den Text eingeführt, die auch die anderen Partien in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Gewiss ist sich Schmatz stets bewusst, was er mit diesem Buch riskiert, denn die Stimme Couriers begleitet das Unternehmen, das ihm dieser schließlich auch verargen zu wollen scheint: Courier hält ihm vor, dass er mit dieser "Lust am gefinkelt Zusammengesetzten", mit der "Wollust am umgeformt Hervorzubringenden" die ernsthafte Skepsis Wittgensteins abschwächen würde, ohne dabei eindeutig, "ästhetisch wie persönlich von Angesicht zu Angesicht Stellung zu beziehen".

Keines der bisherigen Werke von Schmatz richtet sich so deutlich gegen den Vorwurf, mit dem Sprachspiel Unverbindliches zu produzieren. Zugleich liefert sich der Autor nicht dem bekennerhaften Erzählen aus. Er ist der Versuchung des Fustritztales zum Gschichtelerzählen nicht erlegen, und "kuss" muss feststellen, dass sich seine "Zunge so gar nicht richtig bewegen will in diesem wahrheitsnotwendigen Bestimmungsbrei", um zuletzt daraus ein "Romangewebe" zu machen. Indem Schmatz das Erzählen demontiert, rettet er es für sich und jene Leser, die selbst genug Witz haben, um an seinem Witz Gefallen zu finden.

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 37/2001 vom 14.09.2001 (S. 59)


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