Blicke von Außen
Österreichische Literatur im internationalen Kontext

von Franz Haas, Hermann Schlösser, Klaus Zeyringer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Haymon Verlag
Genre: Literatur
Erscheinungsdatum: 01.03.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Ausgangspunkt des Buches war Franz Haas' Diagnose eines "austriakischen Autismus", weshalb das Buch auch mit einer Art Therapiegespräch (im Jänner 2001) beginnt, ehe man zur Einzelanalyse schreitet. Wenn die intellektuelle Debatte in Österreich von einer Boulevardzeitung diktiert wird, wenn die jüngsten Romane der Elfriede Jelinek in Deutschland nicht mehr verstanden und in Italien gar nicht erst bemerkt werden, wenn die Heimatschelte zum Gemeinplatz geraten ist, dann scheint den Autoren ein Blick über die Grenzen heilsam. Haas geht in seiner Kritik der Kritiker weiter als etwa Karl-Markus Gauß, sieht er doch das ganze Land in einem "wunderlichen Selbstgespräch" befangen, Presse und Wissenschaft hassverliebt aufs Eigene fixiert, in verblendeter Aversion gegen das deutsche Brudervolk verharrend.

Die internationale Aufregung um die Wenderegierung hat die heimische Selbstbezogenheit freilich noch gefördert. Zeyringer, der stets vehement für nationale Selbstbehauptung in der deutschen Umarmung eingetreten ist, nimmt nun vor allem die Abnützungserscheinungen der heimischen Avantgarde aufs Korn, die "Heilsgeschichte der Progressivität!" und die "Sakralisierung" von Galionsfiguren, die mitunter aus dem Ausland zurückstrahlt: "Die Sisi der intellektuellen Franzosen ist Thomas Bernhard." Dazu passt Robert Menasses öffentliche Anfrage an die französische Regierung, ob sie bereit wäre, österreichischen Künstlern Exil zu gewähren.

In seiner "Lagebeschreibung" plädiert Zeyringer sodann "für eine dichte Soziologie des engen literarischen Feldes", besonders haben es ihm Jurybesetzungen und Seilschaften angetan. Was er über das weitere Feld in Frankreich zu berichten hat, ist ebenso interessant und profund wie die Einblicke, die Franz Haas in die italienische Szene gewährt, in der neben den Altösterreichern, Bachmann und Bernhard eigentlich nur noch Platz für Handke ist (nach Marlene Streeruwitz wird hier nicht gefragt). Am mildesten verfährt wieder einmal der Nichtösterreicher mit dem Land: Hermann Schlösser spürt Kerniges und Kurioses im Nachbarschaftsverhältnis zu Deutschland auf und empfiehlt - bei aller Gelassenheit der heimischen Germanistik doch -, sich endlich aus dem Ösi-Eck zu wagen. Ob das künftige Heil unserer Literatur im "intellektuellen Anschluss" liegt (Haas), nur weil sich der Waldheim-Bonus erschöpft hat, darf man bezweifeln. Nationale Eigenständigkeit definiert sich wohl nicht nur über ein Thema.Wenn unter den Blinden der Einäugige König ist, dann ist es unter den Falken der Adler. Klaus Amanns Kärntenanthologie kommt dem Ideal des Genres verflixt nahe: ein reiches Textkorpus voll Überraschungen, mit Raffinement und Witz komponiert, und das, obwohl der Herausgeber die in diesem Bundesland geforderte "genetische Legitimation" gar nicht beibringen kann. Aber da geht es ihm wie dem Landeshauptmann.

Neben Reiseberichten aus gar nicht grauer Vorzeit sind hier natürlich alle berühmten Dichterinnen und Dichter mit schönen Stücken vertreten, von Bachmann bis Jonke, von Lavant bis Handke. Es kommen aber auch die außerhalb Kärntens Unterschätzten zu Wort, Johannes Lindner oder Guido Zernatto. Und Perkonig, mittlerweile der Naziautor schlechthin, wird in all seiner Ambivalenz bloßgestellt. "Kärnten literarisch" ist nicht chronologisch gegliedert, sondern sinnfällig: "Orte, Wege, Gegenden", "Muttersprachen", "Sommerfrischler". Da klagt Meisterschwimmer Musil über die "Dementia rustica", der er am Wörthersee anheim fällt, da erinnert sich der ehemals populäre Autor Paul Elbogen daran, wie die Familie des Dr. Freud einst ins Schwammerlrevier seiner Mutter einbrach. Da schwärmt der große Julien Green, der sich bekanntlich in Klagenfurt begraben ließ, von seiner letzten Wahlheimat, da erfahren wir Nichtkärntner vom Steirer Peter Rosegger, dass die Hauptstadt einst weniger melancholisch Glanfurt hieß. Erschütternd Antonio Fians Hexameter-Abgesang auf den SV Spittal.

Als höchst produktiv erweist sich das Konzept literarischer Fußnoten - Fundstücke, Glossen, Aperçus, die unterm Strich den laufenden Text begleiten, beeinspruchen, Stichworte aufgreifen. "Textinsekten" nennt Amann sie mit Jonke, und jetzt versteht man die Gelse auf dem Umschlag. Hier ist nicht nur der niemals klein beigebende Dichter Michael Guttenbrunner vertreten, sondern auch der von ihm geohrfeigte Karl Dinklage, ein markiger Nazi aus dem Altreich. Und liest man die Hetzartikel gegen die Slowenen oder die Verordnung des Gauleiters zur Eindeutschung "windischer" Namen, dann kann man es schon nachfühlen, das literarische Leiden an Österreich. Schön das lakonische "Wallenstein"-Zitat: "Herzogin: Wie? Gehen wir nach Kärnten nicht zurück? Wallenstein: Nein."Mit der Anthologie der (mehr oder weniger) Jungen rund um die Zeitschrift Kolik müssten Haas & Co ihre helle Freude haben - vom Titel einmal abgesehen. In "Zum Glück gibt's Österreich" ist von Österreich zum Glück nicht die Rede, außer in Franzobels Beitrag, der das Klischee ungeniert krönt: "So ist das mit Österreich. Durch und durch schön. Hundertmal." - Tausendmal. Wovon dann ist die Rede? Von Freundschaften und Liebschaften und Befindlichkeiten und viel unverstellt Autobiografischem, aber ohne Tagebuchlarmoyanz. Der geschilderte Alltag hat einen doppelten Boden - "beim Metzger (der in Österreich natürlich anders heißt) tun sich Abgründe auf", warnen die Herausgeber Gustav Ernst und Karin Fleischanderl. Wie der nun heißen könnte, verraten sie nicht, aber das lässt sich gleich in Adolf Ramis hübscher Geschichte "Beim Fleischer" nachlesen. Ähnlich böse und ebenso einschlägig ist Olga Flors Erzählung "Fleischgerichte", ein gut abgehangenes Stück Rollenprosa, in dem ein tyrannischer und diskret perverser Feinspitz seine Frau nach allen Regeln der Kunst weich klopft. Den detaillierten Anschauungsunterricht für deutsche Zungen liefert Margret Kreidl im dialogischen "Damenprogramm", vom Bruckfleisch bis zum Lebergerstl.

Realismus also, aber schön abgründig; handfest fleischlich, aber formal so ehrgeizig, dass keiner "Popliteratur!" rufen kann. Vielleicht wird hie und da zu viel "gegrinst", und sicher bemüht sich Rosemarie Poiarkov allzu offensichtlich um den Judith-Hermann-Sound. Sympathisch ist die undogmatische Auswahl: Für die als streng verrufenen Herren der hermetischen Rede Oswald Egger und Richard Obermayr ist im Erzählparadies genauso Platz wie für Martin G. Wanko und seine witzige Satire "Styrian Psycho", die enthüllt, dass Bret Easton Ellis seinen Bestseller ursprünglich in Graz geschrieben hat.
In der zum Kulturhauptstadtjubeljahr erschienenen Blütenlese "Graz von außen" kann man ins goldene Zeitalter der Forum-Stadtpark-Literatur reisen und nachlesen, wie es um das von den Herausgebern Alfred Kolleritsch und Klaus Hoffer (mit)gestaltete Soziotop bestellt war, das - glaubt man Klaus Zeyringer - heute zum Veteranenverein verkommen ist. Vor allem die Großzügigkeit der Gastgeber hat die Autorinnen Yoko Tawada und Gundi Feyrer beeindruckt. Wie das so ist bei Schreibeinladungen: So mancher folgt eher aus Pflicht als aus Neigung. Dafür kann auch eine Absage Substanz haben - zum Beispiel die von Martin Kusej: "graz funktioniert nur in sich selbst und die grazer glauben immer nur, dass auch noch jemand hineinschaut. graz braucht graz von außen nur für innen."

So redet einer, der Graz nicht mehr braucht. Viel freundlicher sind Wendelin Schmidt-Denglers Erinnerungen an die Stadt seines Onkels, eines Buchhändlers von spröder Anziehungskraft. Ähnlich familiär und zärtlich hängt Franz Schuh seinen Gedanken nach, höflichkeitshalber angeblich in Graz. Gut vorstellbar, dass er Friedrich Achleitner versteht: "Ich fahre immer wieder gerne nach Graz, aber auch gerne wieder weg."

Daniela Strigl in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 15)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Zum Glück gibt's Österreich! (Karin Fleischanderl, Gustav Ernst)
Graz von außen. (Klaus Hoffer, Alfred Kolleritsch)
Kärnten. Literarisch (Klaus Amann, F Hafner, H Lengauer)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb