Mutter töten

von Jürg Amann

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Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 108 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2003

Rezension aus FALTER 37/2003

In seinem Erzählband "Mutter Töten" verwandelt Jürg Amann autobiografische Erinnerungen in ungeheuer dichte Literatur.

Ein starker Beginn eines unglaublich starken Buches. Gleich im ersten Text seines neuen Erzählbandes "Mutter Töten" beschreibt der Schweizer Autor Jürg Amann, wie er als Kind mit der Mutter ins Dorf von deren Vater gereist ist. Dass der Mann verstorben sein musste, war den beiden aus einer winzigen Veränderung heraus klar geworden: Im Herbst 1956 kam jener Jutesack mit Kastanien nicht mehr bei ihnen an, der bis dahin jedes Jahr gekommen war. Daraufhin stellte man Nachforschungen an und erhielt die telefonische Bestätigung: "Il signor Galli è morto."

Dieser Herr Galli, der Großvater des erzählenden Buben, ist ein schöner Herr gewesen: Einst hatte er am Bau des Gotthardtunnels mitgewirkt, in einer einsamen Nacht schwängerte er in einem Dorf neben der Baustelle ein Mädchen. Er versprach, mit ihr leben zu wollen, sobald das Bauwerk fertig gestellt sei. Dass es sich bei den Arbeiten nur noch um Revisionen handelte, die niemals an ein Ende kommen würden, erwähnte er später nicht. Als Abfindung dafür, dass sie ihn in seinem Heimatdorf, wo er angeblich mit seiner Schwester lebte, unbehelligt ließen, sollten die Frau und die mit ihr gezeugte Tochter (jene Mutter, um die es auch in den restlichen Erzählungen des Bandes geht) nach seinem Tod Haus, Hab und Gut bekommen.

Nachdem sie über den Tod Gallis Gewissheit erlangt haben, machen sich die Tochter und der Enkelsohn auf, die Familie des Verstorbenen an das Erbversprechen zu erinnern. Sehr gute Karten haben sie nicht: Die Mutter, der der Mann sein Erbe mündlich zugesagt hat, ist bereits tot, die Tochter hält einzig einen Brief in der Hand, in dem Galli sich sehr allgemein zur Vaterschaft bekennt. Mehrere Tage lang lässt sie das Schriftstück auf dem Küchentisch liegen, ehe sie es in ihre Tasche steckt, den Sohn an der Hand nimmt und sich von ihrem Ehemann verabschiedet, um durch jenen Tunnel hindurch, den Galli gegraben hat, zu ihrem ewig fernen und nunmehr toten Vater zu fahren.

Die Erzählung "Die Reise", in der dieses hoffnungslose Unternehmen unter hoher emotionaler Beteiligung und dabei doch in einer höchst kunstvollen Weise geschildert wird, gehört zu den dichtesten und präzisesten Texten, die ich jemals gelesen habe. Jürg Amann, der Bachmannpreisträger von 1982, der sich nach seiner Dissertation über Franz Kafka auch in seinen literarischen Arbeiten der Wirklichkeit bislang meist über Kunstfiguren (darunter Robert Walser) genähert hat, findet hier zu einer neuen Verfahrensweise. Die autobiografischen Anteile treten klar zutage und scheinen durch keinen literarischen Kunstgriff um ihre prinzipiellen Rechte gebracht. Trotzdem ist es ein beinahe schon in Kafka'scher Weise reduzierter Text, den der Autor vorlegt.

Eigentlich beschreibt "Die Reise" ja nichts anderes, als dass jemand durch einen Tunnel fährt und - nachdem sich herausgestellt hat, dass sich drüben absolut nichts mehr machen lässt - wenig später durch das gleiche Loch an den Ausgangspunkt zurückkehrt. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass die Fahrt, auch wenn es für sie zu spät war, unternommen werden musste. Ein paar verwehte Erinnerungen stehen am Ende im Raum: Wie der Großvater mit seiner schwarzen Limousine seine nicht eigentlich weggelegte, sondern nie angenommene Familie immer wieder ohne große Vorankündigung besucht hat; wie er den Enkelsohn tätschelte und ihm riet, Zahnarzt zu werden. Noch besser der folgende Vorschlag: Aus dem Korb immer nur das frischeste Obst nehmen, weil man sonst ein Leben lang nur stockfleckiges Zeug isst.

Der Titel des Gesamtbandes, "Mutter Töten", ist viel weniger spekulativ als er sich anhört. In den insgesamt vier Erzählungen (darunter eine über die ungeheuer strengen Erziehungsmethoden der Mutter und ein Requiem auf ihren Tod) geht es nicht darum, mit der Mutter nur rhetorisch fertig zu werden. In einer sehr kurzen Erzählung geht es ums wirkliche Mutter-Töten, das heißt um den Wunsch nach Sterbehilfe, mit dem die Frau den Sohn konfrontiert. Insgesamt zeichnet Amann ein höchst komplexes Bild. Es erscheint eine harte und zähe Frau, mit der man eben nicht abrechnen, sondern irgendwie abschließen muss. Auf knapp 110 Seiten hat Jürg Amann dies in einer ungemein eindringlichen, aufrichtigen und liebevollen Weise getan. Kurzum: Mit "Mutter Töten" kommt jetzt aus der Schweiz das beste Buch zu diesem Thema seit Peter Handkes "Wunschlosem Unglück".

Klaus Kastberger in FALTER 37/2003 vom 12.09.2003 (S. 62)


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