Macht euch keine Sorgen
Neun Heimsuchungen

von Lydia Mischkulnig

€ 19,89
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 112 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Spitzen der Bosheit und der Menschenliebe

Eine faszinierende Tollheit des Schreibens", wie sie ihrem 2002 erschienenen Roman "Umarmung" konstatiert wurde, ist in Lydia Mischkulnigs neuem Buch allenfalls untergründig am Werk, und eine "Chaotisierung der Identität" blitzt nur an vereinzelten Stellen auf.

Verhalten wohlproportioniert Die meisten dieser "neun Heimsuchungen" kommen in klassischem Gewand daher, wohlproportioniert und verhalten erzählt, mit feinen Spitzen da und dort, Spitzen der Bosheit, der Entgeisterung und der Menschenliebe. Am überraschendsten wirkt "Die Firma", von der Titelfigur in Ich-Form erzählt: ein umsichtiges, gerechtes Wesen, das dem in der Fehlerhaftigkeit seiner Individualität verfangenen Leser Schauer über den Rücken zu jagen vermag.
Das Buch enthält, formal dann schon weniger überraschend, noch eine zweite Firmengeschichte, hinter der sich unschwer das schwedische Möbelhaus ausmachen lässt, dessen Namen man aus weiß Gott welchen Gründen nicht gern erwähnt.
Im letzten Text des Buchs, der ein Stück Literaturzirkus beschreibt, findet sich die Behauptung, Bücher, die inhaltlicher Beschreibung schwer zugänglich seien, seien zu einem Leben (oder Nichtleben) als Ladenhüter verdammt. Sollte der Umkehrschluss gelten, stünde "Macht euch keine Sorgen" ein Bestsellerschicksal bevor.
Die Kritiker des deutschen Feuilletons brauchen – falls sie sich überhaupt zu einem in einem österreichischen Verlag erschienenen Erzählband herablassen – jedenfalls keine Angst zu haben, durch eine aggressive Autorin in Verwirrung gestürzt zu werden: süßliche familiäre Beziehungen und das Schnarren des Todes, verschlingendes oder ausschlürfendes Küssen, die gewichtigen Körper von Firmenangestellten, die Modernisierung der Bestattungsgebräuche, Sargversorgung im Möbelhaus und Fleckentilgungsversuche, eine spinnende Tante, Hass auf die slowenische Sprache, steife Nacken und gequetschte Finger, französische Guillotine und österreichische Mehlspeisen, notorisches Fehl-am-Platz- Sein – derlei Dinge können auch Kritikergehirne bewältigen.

Stichelnde Menschenliebe Der Leser dieser Rezension ahnt schon, dass Mischkulnig auch in diesem Buch nicht ganz ohne Sticheleien auskommt. Ihr Blick auf die Bewegungsformen gesellschaftlicher Subsysteme erweist sich immer wieder als unbequem, nicht recht einordenbar, in keine Schublade abzulegen.
Die Lust der Autorin, den Finger auf Wunden zu legen, wird andererseits, vielleicht mehr als in den vorangegangenen Büchern, durch etwas austariert, das man getrost als Menschenliebe bezeichnen kann: Zuneigung auch und gerade zu Personen, die ihrerseits unbequem, also schwer zu lieben sind.
Mischkulnig deutet in ihren Erzählungen an, wie Aufklärung im 21. Jahrhundert gehen könnte: notwendig dezent, ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger, letztlich aber doch mit der Absicht, durch Sehen, Denken und Schreiben zu bessern – sich selbst "und damit alles" (so der programmatische Schluss der Erzählung "Begegnung im Gebiet").

Brave New World Sich bessern heißt aber auch (und nicht nur für den Schriftsteller), den eigenen Ton zu finden und, ist er einmal gefunden, ihn zu halten – zu variieren. Zu dieser neuen Aufklärung gehört auch, dass sie von vornherein selbstkritisch ist, indem sie, gleichsam en filigrane, einen anderen, drohenden und sterilen Humanismus mitzeichnet, eine Brave New World ante portas: "Zuerst bin ich eine frauenfördernde Firma und hole mir die opferbereitesten Frauen herein, dann ist's ganz egal, ob sie Frauen sind oder Männer. Ich tausche Frauen gegen Männer aus, so oder so. (…) Und irgendwann werden wir auch keinen Mann mehr haben, wir werden nur mehr den Menschen haben, der sich mit mir in den Ring wagt bis zum Jüngsten Tag." Prophezeit die Firma.

Leopold Federmair in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 24)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb