Einleben
Roman

von Ludwig Laher

€ 19,90
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Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 168 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Steffi gewinnt, und der Hund isst den Keks

Ludwig Laher lässt sich in "Einleben" berührend genau auf ein Mädchen mit Downsyndrom ein

Johanna, die Protagonistin in "Einleben", hat einen Text von Arno Geiger gelesen, "Lotta kann fast alles", die Erzählung über ein "zurückgebliebenes" Kind. Darin liest Lotta in der Straßenbahn aus einem Schulbuch laut Regenwurmgeschichten vor. Die Auffälligkeit, die sie damit im Waggon erreicht, begründet sie stolz: "Weil ich anders bin."
"Ein einfühlsamer Text ist das, findet Johanna, voll optimistischer Kraft, Gespür und Reflexionslust." Johanna und Mario haben ein Kind mit Downsyndrom (Trisomie 21), und ihr Geiger-Urteil ist wie für Lahers Roman über sie und die kleine Steffi gemacht: einfühlsam, optimistisch, reflexionslustig.

Der Oberösterreicher Ludwig Laher, Jahrgang 1955, hat seinen Stoff umstandslos aus der Wirklichkeit genommen und ihn mit einem unprätentiösen Realismus ganz und gar authentisch gemacht.
Das Schönste daran: Wenn man einen Menschen sachlich und einlässlich beschreibt, dann gestaltet man seine Unantastbarkeit; Steffi ist ein wunderbar souveränes Wesen, das (weil es) nirgends über seine "Behinderung" beschrieben oder bestimmt wird, sondern einfach als das, was sie ist: ein emotional ungeheuer kompetentes Kleinkind, das seinen Gefühlen weniger verbal als gestisch Ausdruck und Eindeutigkeit verleiht.
Als Johanna ihr vorsichtig die Trennung von Mario ankündigt, holt Steffi ihren Vater zur Mutter auf die Couch und überbrückt den Raum zwischen den beiden mit ihrem Körper, indem sie ihren Kopf in den Schoß der Mutter legt und mit ihren Füßen den Vater am Oberschenkel hält.

Sehr langsam und behutsam erobert sich Steffi die Welt. In einem Lokal etwa wird sie auf einen Hund aufmerksam, darf zu ihm. Sie nimmt einen Keks, legt sich in einem Abstand von einem halben Meter parallel zu dem Hund auf den Boden, schaut ihm in die Augen und schiebt ihre Hand mit dem Keks in Zeitlupe in seine Richtung. Der Hund streckt nach einer Weile ebenso langsam eine Pfote nach ihr, übernimmt den Keks und frisst ihn, obwohl er seinem Besitzer zufolge Kekse gar nicht mag. Und im Memoryspielen besiegt Steffi sowieso alle Erwachsenen.
Johanna lernt von Steffi. Steffi verstehen zu wollen bedeutet, die Entschleunigung des eigenen Lebens in Kauf zu nehmen oder sogar zu genießen; bedeutet, sich von den standardisierten Haltungen und Zielvorgaben der Gesellschaft zu lösen. Steffi ist anders, aber komplett; von dieser Komplettheit erfährt man erst, wenn man sich auf das Anderssein einlässt.
Lahers Roman über ein "Nichtstandardkind" (eine Formulierung Johannas) ist alles, nur kein Elendsbericht. Dem Elend aber entkommt der Roman nicht dadurch, dass er die Wirklichkeit frisiert, sondern indem er sich auf diese einlässt.

Dabei weist Johannas Leben die erwartbaren Probleme auf: Bei ihrer Mitwelt stößt sie auf Unverständnis, und ihre Beziehung mit Mario scheitert. Die nachhaltige Berufskarenz und die geistige Unterforderung kommen noch hinzu.
Dennoch verzichtet der Autor auf die Heiligsprechung seiner Protagonistin. Johanna hat ihre Ecken und Kanten, und an der Trennung von Mario ist sie selbst wohl nicht schuldlos, legt sie an sein Familienverhalten doch für gewöhnlich einen gnadenlos moralischen Maßstab an. Aber sie hat ein glückliches Kind.
Ludwig Lahers Roman besticht durch seine Unaufgeregtheit; er hält sich kaum an literarische Gattungsgrenzen, diskutiert die Probleme auch ethisch oder wissenschaftlich. Die Poetisierung des Gegenstands erfolgt durch Genauigkeit; Steffi wird liebenswert nicht durch Liebeserklärungen des Autors, sondern durch dessen Sachkompetenz. Die Konkretheit und Detailtreue der Beschreibung ist wohl schon eine Form von unsentimentaler Liebe. Der Krankheitsbegriff geht in dieser Sachtreue völlig verloren. Das Buch ist eine überzeugende Einladung zu Vertrauen und Bejahung.

Helmut Gollner in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 24)


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