Au! Schau: Himmel, Jö!
Prosa

von Karl F Kratzl, Agnes Pils

€ 15,00
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Verlag: Bibliothek der Provinz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 140 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 48/2000

Damit keine falschen Erwartungen geweckt werden, sollte man vielleicht vorwegschicken, dass dieses Buch nicht sonderlich lustig ist. Obwohl der Autor aus der Unterhaltungsbranche kommt, handelt es sich nicht um ein Kabarettbuch, in dem die besten Witze aus soundsovielen Programmen nachgelesen werden können. Mit so etwas kann Karl Ferdinand Kratzl schon deshalb nicht dienen, weil es in seinen Programmen kaum Witze gibt - jedenfalls keine, mit denen man am nächsten Tag in der Bürokantine punkten könnte. Kratzls Bühnensolos (zuletzt: "Lockende Wildnis", "Susi, wach auf") lassen sich am besten als Expeditionen durch einen wild wuchernden Gedankendschungel beschreiben; wer den Pfad nicht verliert, stößt dabei auf die unheimlichsten Fantasien und die bizarrsten Pointen, die man sich vorstellen kann. Der heute 47-jährige Wiener war 1989 aus dem Nichts aufgetaucht und auf den Kabarettbühnen wie ein spätes Wunderkind bestaunt worden; gegen die Berufsbezeichnung "Kabarettist" hat er sich lange Zeit gewehrt, weil er keine falschen Erwartungen wecken wollte. Seither muss Kratzl mit dem schwierigen Ruf eines Kabarettisten leben, der eigentlich gar keiner ist. Das Buch ist eine Sammlung von kurzen Prosatexten (und einigen Gedichten), die vermutlich im Lauf mehrerer Jahre entstanden sind; ein Eindruck, der dadurch bestätigt wird, dass man die eine oder andere Passage - zum Beispiel die hübsche Zeile "Ob ich stehe oder sitze, ich erzähle gerne Witze" - schon in einem Programm gehört hat. Wie beim Kabarettisten (bleiben wir der Einfachheit halber bei der unscharfen Bezeichnung) liegt auch beim Autor Karl Ferdinand Kratzl das Geniale ganz nah beim Banalen, der Tiefsinn neben dem Seichten und das absurde Juwel neben dem billigen Kalauer: "Hut und Scheitel sind Minister / Und der Barsch ist Kriegsminister." Die Qualitätsschwankungen zwischen den einzelnen Texten (teilweise auch innerhalb der Texte) bewegen sich jenseits der üblichen Toleranzgrenzen, aber es passt zu Kratzl, dass ihm mit einem Lektor nicht beizukommen ist (ob das auch die Rechtschreibfehler entschuldigt, ist eine andere Frage). Einige Texte sind so schlecht, dass man es nicht für möglich hält; andere sind so hermetisch, dass man sie selbst nach mehrmaliger Lektüre nicht entschlüsseln kann; der Rest, etwa die Hälfte des Buches, zählt zur aufregendsten, eigentümlichsten, verstörendsten Literatur, die in Österreich geschrieben wird. Der Titel "Au! Schau: Himmel, Jö!" klingt nach Kinderbuch; tatsächlich gehört der gezielte Einsatz kindlich-naiver Sprachmuster zu Kratzls charakteristischen Stilmerkmalen. Wer den Code geknackt hat, erkennt im Titel eine Art Inhaltsangabe: Es geht um Schmerz ("Au!") und Neugierde ("Schau"), um Metaphysik ("Himmel") und Glück ("Jö!"). Wie auf der Bühne versteckt sich Kratzl auch in seinen Texten hinter schrulligen, teilweise ziemlich unangenehmen Figuren; wobei man beim Lesen noch deutlicher das Gefühl hat, dass der Autor auf diese Weise seine ganz persönlichen Dämonen vorführt. Ein Lebensretter, der ein ertrinkendes Kind aus dem Wasser gezogen hat, wird von Gewissensbissen geplagt ("Ich kann auch nix dafür, dass der Bub nicht schwimmen kann") und findet seinen Seelenfrieden erst Jahre später wieder, als er einen Mann ertränkt und wegen Mordes verurteilt wird: "Einen hab ich gerettet, einen habe ich ausgelöscht, meine Herrn Geschworenen, Hohes Gericht: Jetzt sind wir quitt!" Ein Einsamer ist fest davon überzeugt, die Wohnung mit zahlreichen "körperlosen" Menschen und Tieren ("Die Singvögel waren von einer überraschenden Zutraulichkeit") zu teilen; ein Lehrer plädiert für die Einführung der "Zufallsbenotung" ("Fünfer für exzellente Leistungen, Einser für Volltrottel. Im Leben ist es auch nicht anders"); ein Verzweifelter ruft dazu auf, seine Aggressionen auszuleben ("Kein Schwanz interessiert sich für innere Kriege"), und ein Delinquent schreibt einen Brief an seinen Henker ("Sei lieb zu mir. Mach es kurz und schmerzlos, mein Freund"). "Einen Menschen verstehen kann der Anatom", konstatiert Kratzl, der sich im Übrigen keine Illusionen macht: "Die Wirklichkeit sieht so aus, dass man langsam zu einer übelriechenden Masse zerfließt." Zwischendurch wendet sich der Bühnenkünstler immer wieder ganz direkt an sein Publikum. "Wir sind uns im Spiel näher als sonst wo, gerade weil es keine praktische Bedeutung hat. Wer mit mir mitspielt, ermöglicht mir zu sein." Oder: "Wir fühlen uns verstanden, wenn die Saat aufgeht. Wer mit meinen Witzen mitkommt, kommt mit mir." Kratzl träumt von einem "sprachlosen Theater" und von einem "Restaurant der Stille", wo man dafür bezahlt, unter anderen Menschen ruhig dasitzen zu können. Der Autor misstraut der Sprache, besonders dem gesprochenen Wort. Was bleibt? "Nur noch schriftliche Notizen, wie diese, ohne gegenseitigen Zusammenhang, ohne Botschaft, an niemanden gerichtet, keine Abschiedsbriefe, keine Testamente, nur das restliche Ausfließen der Worte, tonlos, geräuschlos auf das Papier, damit es am Papier festgemacht wird und mit diesem verbrannt werden kann außerhalb meines Gehirns." Es gibt vermutlich zahlreiche Kratzl-Fans, die noch gar nicht wissen, dass sie Kratzl-Fans sind, weil sie niemals ein Kabarettlokal besuchen würden. Diesen Menschen kann jetzt geholfen werden. Die anderen wissen längst: Karl Ferdinand Kratzl ist ein Phänomen, ein Unikat, ein Rätsel. Das Buch erklärt alles und nichts.

Wolfgang Kralicek in FALTER 48/2000 vom 01.12.2000 (S. 65)


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