Andachtsbilder
Goldene Worte

von Karl F Kratzl, Agnes Pils

€ 15,00
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Verlag: Bibliothek der Provinz
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 120 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 17/2002

Mit "Andachtsbilder & goldene Worte" legt Karl Ferdinand Kratzl das unheilige Brevier eines Ungeheilten vor.

Wenn alle sagen, dass die Sonne scheint, dann muss doch einer aufstehen und das Gegenteil behaupten. Meine Damen und Herren: "Die Sonne scheint nicht!" Es gibt keine Sonne, auch wenn es draußen hell ist. Es gibt keine Welt, auch wenn wir in ihr wohnen. Es gibt keine Liebe, auch wenn sich Männer und Frauen ständig in den Armen liegen. Also: Auch wenn wir lachen müssen - Kratzl ist nicht lustig.

Karl Ferdinand Kratzl legt sein zweites Buch vor (und hat Material für weitere längst in der Lade): "Andachtsbilder" sind alphabetisch geordnete Weisheiten mit und ohne Erkenntnis, das unheilige Brevier eines Ungeheilten. Kratzls Strategie gegen sein Unheil ist Sarkasmus gegen alle Heilsversprechungen. Nicht nur im Titel, sondern auch in einer Vorbemerkung bietet er sein Buch böse als Evangelium an: "Unsere Gebete werden erhört werden. Mögen alle Wesen glücklich sein! Die Rettung ist nahe." Der Kosmos ist ein Bauwerk der Jasager. Und das Jasagen ist militärisch abgesichert: "Gott liebt mich, links, zwo, drei, vier!" "Ich bin stark, heil, mächtig und gesund. Links, zwo, drei, vier!"
Vielleicht erreicht man Kratzls aberwitzige Aphorismen und subversive Fabeln, überhaupt sein Schreiben (inklusive der Gedichte und Kabarettprogramme) am besten über die Formel: Sinn ist ein Produkt von Geliebtwerden; eine sinnvolle Welt die Konstruktion von Tröstungen. Ungetröstet kann man die Welt nicht zum rettenden Weltbild transzendieren, also bejahen, anerkennen, erkennen. Dann darf man aufstehen und gegen Übereinkunft und Augenschein behaupten: Die Sonne scheint nicht. Für den "Außerirdischen" Kratzl ist alles "ein bisserl ein unendliches Kino. Optische und taktile Erlebnisse. Inhaltlich eher kurios, aber ohne Bedeutung. Da laufen auch ein paar Menschen herum. In ihrer Welt stimmen sie." Verstehen ist gebunden an Geborgensein; die Welt bleibt unverständlich, wenn man nicht Klubmitglied einer ihrer approbierten Sinngemeinschaften ist, mit Klubschlüssel und Hausordnung. In Kratzls harter autobiografischer Version: "VERSCHLOSSEN: Der Schlüssel sagt zum Schloss: Es ist zu spät. Ich kann dich nicht mehr aufsperren. Meine Mutter hat mich in ihr Abendgebet eingeschlossen." Ungetröstet bleibt man untröstbar.

Kratzls "Erkenntnisse" sind im Wesentlichen Beiträge zur Unverständlichkeit des Unverständlichen. "ERKENNTNIS: Ja. Das Unterholz knackst." Der Weisheit letzter Schluss ist die erkenntnislose verbale Verdopplung des Faktischen. Wahrheit hätte nur einen Sinn: Trost. Also bleiben Kratzls Wahrheiten tautologisch. Kratzl eignet sich nicht zum Doktor der Poesie. Die wohlfeile Logik der Hausordnungen quittiert er mit der Absurdität des Unvermittelten: "BEGINN: Ja, ja: Jeder Tag hat sein Oben und Unten. Sein Hoch und sein Tief. Sein Morgen und sein Gestern. Ja, ja: Jede Geschichte nimmt ihren Anfang und findet ihr Ende. Jetzt habe ich gefunden im Mist einen Fuß." (Aber man darf nicht vergessen: Jedes Dementi von Sinn verdankt sich einem Sinnbedürfnis und enthält also einen versteckten Betrag an Gebet, jedenfalls bei Kratzl.)



Eine unverstehbare Welt ist im Grunde unkommunizierbar. Im großen Chaos sind es kleine kommunikative Erholungspausen, wenn Kratzl trotzdem auch erkenntnisfördernde Pointen serviert, Fassaden durchschaut; besonders gern zum Beispiel die Geschlechterliebe: "NÄCHSTENLIEBE: Über meine Waffen rede ich nicht gerne. Ich will sie nicht entschärfen, aber koste doch bitte einmal von meiner Malakoff-Torte." Und man kann wie immer auch lachen bei Kratzl, Sinnlosigkeit ist ein besonders guter Boden für Witz, die Tragödie des Ichs eignet sich zur Komödie der Welt.

Gescheitheit und Witz erfüllen jedenfalls auch die Aufgabe, das Unkommunizierbare kommunikabel zu erhalten, denn wer bräuchte den Kommunikationspartner (den Leser) mehr als der Ausgesperrte? Es ist wie bei der Liebe, deren Unhaltbarkeit man durchschaut und die man trotzdem braucht wie nichts sonst.

P.S.: Kratzl hat sein Buch mit eigenen Bildern versehen: eine unfrisierte Zeichensprache für das fragwürdige oder schon verwüstete Menschsein, eine Galerie der Heillosen.

Helmut Gollner in FALTER 17/2002 vom 26.04.2002 (S. 65)


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