Wahlkampf

von Eva Rossmann

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Verlag: Folio
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Vier Dolche (auf unserer Skala von eins bis fünf) gibt die Nachbarin der Eva Rossmann für ihren "Wahlkampf", in dessen Zentrum Präsidentschaftskandidat Wolfgang A. Vogl steht. An seinem Sieg zweifelt niemand: Die großen Parteien stehen hinter ihm, die Wahlkampfstrategen haben sein Image nach den Meinungsumfragen geformt, er verfügt über reichlich Geld. Aber ein Selbstmord und ein Mord werfen Schatten auf das lichte Bild. Ich geb nur drei Dolche her, weil mich dünkt, dass Kommissar Zufall denn doch zu vordergründig regiert, wenn die Journalistin Mira Valensky – "Mira die Gefühlvolle. Mira die Mutige, Mira, die alles schon irgendwie in den Griff bekommen wird. Mira, die Politik so langweilig findet, dass sie ein Mordkomplott vermutet" – die dunklen Machenschaften aufzudecken versucht und dabei von der Lifestyle- zur Polizeireporterin mutiert. Die Nachbarin bleibt hart und besteht auf vier. Sie wünscht, dass "Wahlkampf" der Anfang einer Mira-Valensky-Serie wird, einschließlich venezianischer Rezepte, von denen man nicht genug kriegen kann.Frauenrabatt!, sag ich. Männerfantasie!, repliziert sie, weil ich Heinrich Steinfest für "Cheng" vier Dolche verleih. Sie selber gibt ihm drei. Privatdetektiv Markus Cheng ist ein in Wien geborener und aufgewachsener Chinese, der zwar Wienerisch, aber kein Chinesisch spricht. Und der einen eher jämmerlichen Held abgibt. Cheng ist eine Art Katalysator; selber wenig erfolgreich, bewegt, beschleunigt und erzwingt er Entscheidungen, die manchmal schlimmer als böse Träume sind. Mich amüsiert, wie der in Wien lebende Australier Steinfest die Ikonen der Gesellschaft unverschlüsselt und unverklausuliert aufs Korn nimmt, die Altnazis und die feine Hietzinger Gesellschaft etwa oder "Rauscher, zu dieser Zeit ein bezeichnenderweise bekannter Journalist, ein erzkonservativer Kleingeist mit liberalem Zeigefinger, der die Frechheit besaß, sich als ein Nachfolger Tucholskys zu bezeichnen, wofür man diesem Mann eigentlich irgendetwas hätte antun sollen".
Steinfest verschont weder den Bürgermeister noch "seinen bis zur Selbstentblößung populistischen Vorgänger und dessen Gattin, eine stimmlose Sängerin, die mit den Mitteln radikalster Peinlichkeit ihr Publikum zu verzaubern wusste und mit seltener Virtuosität die Antikunst beherrschte", und haucht damit Wien jene Seele ein, die in der lokalen Leidenschaft besteht, über andere aufs Übelste herzuziehen. Gegen den Schluss hin, rebelliert die Nachbarin, habe ich mich geärgert, das wird mir zu viel, was der Autor seinen Helden an Grässlichkeiten widerfahren lässt.

Christoph Braendle in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 15)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Cheng (Heinrich Steinfest)

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