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Verlag: Folio
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

"Mama Leone", der dritte Erzählband des bosnischen Schriftstellers Miljenko Jergovic', ist eine meisterhafte Abhandlung über die Unmöglichkeit, auf dem Balkan zur Normalität zurückzukehren.
Schreiben können viele, erzählen nicht. Miljenko Jergovic' beherrscht beides. Mit den Büchern "Sarajevo Marlboro" (1996) und "Karivani" (1997) wurde der 34-jährige Autor aus Sarajevo - mittlerweile mit Wohnsitz in Zagreb und einer Anstellung als Chefinterviewer der kroatischen Wochenzeitung Feral Tribune - zum Chronisten eines Krieges, über den viel geschrieben, aber nur wenig gesagt wurde.
In seinem dritten Erzählband "Mama Leone" braucht Jergovic' lange, um sich dem Krieg zu nähern, und beginnt zunächst mit der Geschichte einer Kindheit im Jugoslawien der Tito-Zeit. Die Erinnerungen des kleinen, in Sarajever aufwachsenden Miljenko sind nur vordergründig eine Idylle. Bereits bei seiner eigenen Geburt muss Miljenko mitanhören, wie der Arzt angesichts eines kläffenden Hundes auf der Entbindungsstation protestiert: "Scheiß auf eine Welt, in der die Kinder in Hundeställen geboren werden." Doch keiner glaubt dem Buben seine Geburtsgeschichte, auch nicht als er damit droht, sofort wieder zu sterben. Ein Vorhaben, das er bald wieder verwirft, als er in seinem "fünften oder sechsten Lebensjahr" zu dem Schluss gelangt, "dass die Begleitumstände des Todes absolut inakzeptabel sind" und sich dafür entscheidet, "zumindest so lange nicht mehr mit dem Sterben zu drohen, bis ich das Problem der Existenz oder Nicht-Existenz Gottes gelöst hatte".
Jergovic' versteht es, sich dem beschriebenen Schicksal mit großem Feingefühl und Humor zu nähern und sogar dem Tod noch ironische Facetten abzuringen - etwa wenn der siebenjährige Miljenko ein Gespräch über seinen verstorbenen Großvater belauscht und erfährt, dieser habe "seine Seele ausgepisst", worauf Miljenko in permanenter Angst, es könnte ihm ebenso gehen, am Klo seinen Urinfluss verfolgt und sich fragt, wie denn eine ausgepisste Seele so aussehen mag. Jergovic' lässt seinen kleinen Helden mit großer Leichtigkeit durch die Familiengeschichte wandeln und erzählt mit viel Witz und Schwung - die vor allem von der eigenwilligen Frühreife seines Protagonisten und dessen Unverständnis für die Welt der Erwachsenen leben - von saufenden Urgroßvätern, vergesslichen Tanten und davon, wie man auf den Wolken geht. Vor allem aber sind es Geschichten über das Vergessen und das Sterben - eine Moritat über das Leben.
Erst am Ende des ersten Teils knüpft Jergovic' dort an, wo sein erster Erzählband "Sarajevo Marlboro" (1994) mit Schilderungen aus dem belagerten Sarajevo geendet hatte. "An diesem Tag endete eine Kindheitsgeschichte", heißt es im zweiten Teil von "Mama Leone", der das Danach des Krieges verfolgt. Menschen, die durch das Leben im Exil taumeln, nach Halt und einem neuen Anfang suchen, den sie nicht finden. Sie alle verirren sich in der Vergangenheit. Da ist die alte Frau, die, nach Zagreb versetzt, ihre eigene Familie nicht mehr kennen will, solange sie nicht in ihr Haus zurückkehren kann, und die jeden Abend "Bethlehem, wir kommen" anstimmt. Oder Lotar, der stärkste Mann von Sarajevo, der einem Gangster einst mit bloßen Händen die Ohren abgerissen und diesen erschlagen hat, und der nun, auf der Suche nach seiner Geliebten, im Gitterbett eines Madrider Irrenhauses zugrunde geht.
Jergovic' arbeitet an seinem begonnenen Mosaik weiter. Selbst wenn jede Einzelne seiner Erzählungen genug Stoff für einen Roman bereithielte, hat er so die perfekte Form gefunden, um über den Zerfall Jugoslawiens zu schreiben. Von Geschichte zu Geschichte springt er vor und zurück in der Zeit, wechselt Schauplätze und Personen, als wollte er Einzelteile aus seiner Gegenwart und Vergangenheit wieder zu einem Ganzen zusammenfügen, wohl wissend, dass selbst das vollkommenste Mosaik die Grenzen zwischen seinen Einzelteilen nicht zum Verschwinden bringen kann.

Patrik Volf in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 13)


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