Reise nach Brjansk
Zwei Erzählungen

von Olga Sedakova

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Folio
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 01.02.2000

Rezension aus FALTER 20/2000

In zwei Reiseerzählungen beschreibt Olga Sedakova die Realgroteske des spät- und postsowjetischen Russland.
Wie spät kann der Kapitalismus noch werden?" stand einst auf Plakaten zu lesen, als es auf der Uni noch Teach-ins gab. Den realen Sozialismus hat er mittlerweile jedenfalls überlebt. Über das Leben des Menschen im Spät- und Postsozialismus gibt die 1949 geborene Lyrikerin, Übersetzerin und Prosaschriftstellerin Olga Sedakova in einer "verspäteten Chronik" Auskunft, in der sich die Autorin aus der Distanz von fünf Jahren an eine "Reise nach Tartu und zurück" erinnert, die sie unternommen hat, um am Begräbnis des bedeutenden Literaturtheoretikers und Semiotikers Juri Lotman (1922-1993) teilzunehmen. Als klassisches Drama betrachtet, bestand die spätsozialistische Biografie aus einer langen Exposition und unmittelbar darauf folgendem Finale: ",Das ganze Leben liegt vor dir ...', so besang der Mensch jener Jahre seine ewig währende Exposition, insgeheim wusste er aber, dass es lange, ach, lange und unwiederbringlich hinter ihm lag."
In der "Reise nach Brjansk", dem früher (1984) entstandenen und wesentlich spröderen Text, spielt die titelgebende Fahrt selbst so gut wie keine Rolle. Stattdessen umreißen Reflexionen, Träume und eine Unzahl von literarischen Verweisen ein System des Stillstands in Permanenz: "Wie stark die Staumauer gegen die Geschichte auch immer sein mag, im Unterschied zu den natürlichen Ressourcen ist der Vorrat an Zeit auf der Erde unerschöpflich - was geschieht also, wenn die Zeitmasse, die sich hinter dieser Staumauer angesammelt hat, ihren kritischen Punkt erreicht?"
Gerade Schriftsteller, die sich dem systemkonformen Geschichtsoptimismus nicht unterordnen wollen, leben in einer "Welt der reinen Möglichkeit", verdammt zum Glauben daran, das "Urteil der Geschichte" werde die Wahrheit, nämlich den wahren Wert ihrer (unveröffentlichten) Literatur schon noch ans Tageslicht bringen - wenn auch posthum. Sedakova selbst, die unter anderem Dante, Lewis Carroll, Dylan Thomas, Rilke und Celan übersetzt hat, war längst eine bekannte Samisdatschriftstellerin, bevor sie 1988 ihre ersten Gedichte offiziell veröffentlichte. Bei öffentlichen Lesungen sah sie sich, wie sie in der "Reise nach Brjansk" schildert, mit einem subtilen, letztendlich undurchschaubaren Geflecht an Verboten, Tabus und Kompromissen konfrontiert, deren Verletzung unabsehbare Folgen hatten. Die Frage eines Zuhörers, wie viel Prozent ihrer Übersetzungen denn religiöse Themen behandelten, quittiert die Erzählerin mit einer unausgesprochenen Gegenfrage: "Warum, wäre interessant zu wissen, wird bei uns immer erwartet, dass man Nerven wie ein Kosmonaut oder wie ein Sessel hat? Ich glaube, eines Tages werde ich bei einer dieser Fragen sterben."
Sedakovas Erzählungen sind freilich alles andere als larmoyante Bekenntnisprosa. Die "Reise nach Tartu" erweist sich als vielseitige Erzählung, die zwischen poetischem Pathos und traurigsanfter Ironie die Realgroteske eines illegalen Grenzübertritts beschreibt, der eine Reihe höchst unterschiedlicher Reaktionen auslöst: Da gibt es einen vorschriftsversessenen Milizionär und dessen milden Vorgesetzten; da gibt es bösartige Klosterpförtner und nachsichtige Priester, verbiesterte Lehrerinnen und hilfsbereite Buschauffeure. All das ist "Russland", ist jene Gesellschaft, die klar nach Opfern und Tätern zu scheiden der Erzählerin unmöglich ist. Vom Grenzbeamten aufgefordert, ihren Bericht in der ersten Person Einzahl zu verfassen, gelingt es ihr selbst nicht, sich jenem Kollektiv zu entwinden, das sie als eine paradoxe Laokoon-Gruppe beschreibt, in der die Menschen und die sie erdrückende Schlange eins sind. Entsprechend fällt der Abschied aus dem seit 1991 unabhängigen Estland aus, das russischen Besuchern stets als Teil der westlichen europäischen Kultur galt: "Leb wohl Tartu (...). Jetzt bist du endlich ganz anders geworden. Die Spuren des sowjetischen Lebens verschwinden aus den Straßen, es ist wie ein Haus, das nach langem und häßlichem Radau aufgeräumt wird. Ohne uns wird es hier schön sein."

Klaus Nüchtern in FALTER 20/2000 vom 19.05.2000 (S. 73)


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