Erinnerung an einen fremden Mann
Roman

von Alexander Pjatigorskij

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Folio
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 01.09.2001

Rezension aus FALTER 47/2001

Mit "Erinnerung an einen fremden Mann" hat der in London lebende Alexander Pjatigorskij einen verräterischen Roman über den Verrat geschrieben.

Der 1974 aus Moskau nach London emigrierte Schriftsteller, Buddhist und Philosoph Alexander Pjatigorskij schreibt in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Roman: "Erinnerung an einen fremden Mann": "Wenn ein sehr alter Brite an einen Schulfreund aus Eton oder Marlborough erinnert und sagt: ,Oh, Georges war ein ganz wunderbarer Bursche', so bedeutet das, dass er tatsächlich ein guter Bursche ist, selbst wenn er in den sechsundsechzig seit ihrem letzten Rugby-Match vergangenen Jahren seine Frau zerstört, seine Firma ausgeraubt und sein Vaterland verraten hat." Wahrscheinlich lieben die Briten deshalb Biografien so sehr, das - neben der Harrypotteristik - erfolgreichste Genre auf den Insel.

Dem Sog dieses Erfolgs können sich offenbar auch fremde Autoren nicht entziehen, die wie V.S. Naipaul, W.G. Sebald oder eben Pjatigorskij in Großbritannien leben. Freilich sind die Helden ihrer biografischen Romane - Sebalds Austerlitz im gleichnamigen Roman, Naipauls Willie Chandran in "Half a Life" und Pjatigorskijs Michail Iwanowitsch Tereschtschenko - keine wunderbaren Burschen, sondern sich selbst und ihrer Umgebung entfremdete Menschen. Auch in der Form folgen die Romane der Exilanten nicht den robusten britischen Vorbildern. Die Handlungsfäden laufen hier durcheinander und werden durch meist recht esoterische Gedanken verknüpft, wie sie ein Emigrant an trostlosen Tagen vor dem Fenster hegen mag.

Mit seiner "Erinnerung an einen fremden Mann" erweist sich Pjatigorskij einmal mehr als Meister der biografischen Fiktion, kurz Biofic. Nachdem der Roman "Philosophie einer Gasse" der eigenen Kindheit gewidmet war, sind nun die späten Jahre des Autors dran: Es beginnt 1945 in einer Moskauer Straßenbahn. Der Icherzähler schnappt Fetzen einer Konversation auf: "Onkel Wadja ist ein Verräter. Er wird Verrat begehen." Das kann einen schon hellhörig machen, denn unter Stalin bedeutete eine solche Anschuldigung Gulag und Tod. Der Autor nimmt die Spur von Onkel Wadja auf und stößt dabei auf einen mysteriösen Michail Iwanowitsch, der bald schon zum Hauptobjekt seiner Nachforschungen wird.

Die Bolschewiken forderten von Adeligen oder Bürgern ein "Abschwören vom Vater", also den Verrat an der eigenen Familie. Wer sich weigerte, verriet die Arbeiterklasse. Dadurch wurden alle Betroffenen zu Verrätern - entweder an den eigenen Verwandten und Freunden oder am Staat. Georges Orwell hat die Logik des Totalitarismus mit britischer Deutlichkeit beschrieben, Pjatigorskij liefert nun die Selbstrechtfertigung des Verräters dazu. Über seine Generation schreibt er: "Die Jahre zwischen 1920 und 1942 waren die eigentliche Phase, in der jene auftauchten, die sich sofort ergaben." Also praktisch als Verräter geboren wurden.

Die mysteriöse Person, der das Interesse des Icherzählers gilt, ist ebenfalls ein Verräter - allerdings einer anderen Generation und Kategorie. Wen Michail Iwanowitsch Tereschtschenko verraten hat, bleibt einem, der die Logik des Totalitarismus nicht verinnerlicht hat, unklar - außer man geht davon aus, dass er alle verraten hat: Der 1886 geborene Spross eines reichen Zuckerfabrikanten plante als Direktor des zaristischen Hofballetts einen Putsch, gründete als Jude einen Rosenkreuzerorden, wurde als Großkapitalist Finanzminister der ersten revolutionären Regierung Russlands und verantwortete als Außenminister die Niederlage seines Landes im Ersten Weltkrieg sowie die Machtergreifung der Bolschewiki. Er kam als mittelloser Flüchtling nach Europa, wurde Finanzberater und erlebte 1929 den Zusammenbruch der Börsen.



Michail Iwanowitsch Tereschtschenko starb 1956 in Cannes. Er hätte sich eine englische Biografie verdient. Pjatigorskijs Roman verrät diesen Anspruch - denn schließlich möchte der Autor gerade dadurch seiner verräterischen Geschichte entkommen. Ein wunderbarer Bursche.

Christian Zillner in FALTER 47/2001 vom 23.11.2001 (S. 71)


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