Das Geheimnis
Roman

von Peter Rosei, Anonimo Triestino

€ 22,50
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Übersetzung: Christa Pock
Übersetzung: Peter Rosei
Verlag: Folio
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 501 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Der unter dem Pseudonym Anonimo Triestino verfasste Roman "Das Geheimnis" ist das rigorose Protokoll einer fruchtlosen Leidenschaft und braucht die zeitliche und räumliche Nähe zu Svevo und Joyce nicht zu scheuen.

Erziehungs- und Sozialisationsdramen haben ganz gute Chancen in den schulischen Kanon aufgenommen zu werden. Hermann Hesses "Unterm Rad", Musils "Zögling Törleß" oder Torbergs "Schüler Gerber" sind Schulliteratur-Schulklassiker, von den großen negativen Erziehungsutopien von Huxley, Orwell und Golding einmal ganz zu schweigen. Der unter dem Pseudonym Anonimo Triestino verfasste Roman "Das Geheimnis" - entstanden zwischen 1926 und 1949, erstmals 1961 erschienen und in der ausgezeichneten Übersetzung von Christa Pock und Peter Rosei soeben wieder aufgelegt - zählt gewiss zu den besten der genannten Werke. Zum Fixbestandteil der über Jahrzehnte hinweg nahezu unveränderten Lese- und Referatslisten wird er freilich kaum avancieren.

Eine Reihe von Gründe sprechen gegen einen solchen, gewiss verdienten Popularisierungsschub: Das Buch ist immerhin 500 Seiten stark und liest sich nicht gerade weg wie der neueste Roman von, sagen wir, Leon de Winter; obgleich nicht einmal als gesichert gilt, ob es von dem Mathematiker Guido Voghera (1884-1954) oder dessen Sohn Giorgio verfasst wurde, ist es allem Anschein nach stark autobiografisch, und sein "stark authentischer Charakter" (Peter Rosei im Nachwort) dürfte die hermeneutische Aufgekratzheit interpretationsbeflissener Literaturpädagogen eher dämpfen; dazu kommt, dass die akribische Beschreibung und Analyse einer Obsession nicht gerade der Stoff ist, aus dem die Problemaufsätze und Maturaarbeiten geschnitten sind; und schließlich ist der Roman in seiner Beschreibung der Institution Schule und der sie verkörpernden Instanzen derart scharfsichtig, dass es manchen Lehrern vielleicht gar nicht so recht wäre, würden ihre Schüler dergleichen lesen.

Die Schulzeit des Icherzählers, eines Triestiner Juden namens Zevi, wird ganz offensichtlich aus großer Distanz beschrieben. Nicht immer lässt sich fraglos klären, was Einsicht des erlebenden Knaben, was Kommentar des um einiges älteren Erzählers ist. Und dennoch bleibt kein Zweifel daran, dass schon der ABC-Schütze Zevi eine profunde Einsicht in die institutionell gefestigte Machtbasis der Aufklärung hat, wenn er über das Wesen der Schule räsoniert: "Man ging aus Pflicht hin. Ich wusste, dass der, der sich weigert, sie zu besuchen, dazu gezwungen wird. Es gab also irgendeine Stelle, die das Recht und die Macht hatte, einen solchen Zwang auszuüben. Zwang und Macht mussten für diese Stelle Selbstzweck sein; und die Schüler existierten auf dieser Welt einzig und allein, um zu gehorchen, um pflichtgetreu zu sein."

Obgleich er großen Widerwillen gegen das Lernen und den ganzen Schulbetrieb hat - die Klassenkameraden sind ihm oft noch stärker zuwider, als die Lehrer - ist Zevi kein schlechter Schüler, ganz im Gegenteil: Je nach Modus der Leistungsstatistik, an der vor allem Babich, der Klassenbeste, Interesse zeigt, ist er Zweiter oder Dritter (die Einbeziehung der Turnnote scheint Zevi selbst mehr als fragwürdig). Aber Zevi hat doch ein zu scharfes Auge für das Auseinanderklaffen von Leistung und Beurteilung, um den Schulnoten allzu große Aussagekraft zuzugestehen. Einen Lateinlehrer namens Salvadori und dessen flagrante Unfähigkeit, persönliche Leistung und sture Reproduktion zu unterscheiden, verfolgt er gar mit einer unüblich hartnäckigen Leidenschaft.

Indes scheitert Zevi nicht so sehr an der Schule als am Leben selbst; insbesondere an einer seiner schönsten Hervorbringungen, dem "weiblichen Menschengeschlecht" - wie das in den Satzungen der "Akademie der Reinen" formuliert wird, die Babich und Zevi gründen, um sich nicht nur das Ansprechen von Fräulein und Frauen zu untersagen, sondern auch zu geloben, "den Oberen der menschlichen Gemeinschaft zu gehorchen".

Von Kindesbeinen an hat Zevi ein Auge auf die Frauen geworfen: Schwestern und Cousinen sind ihm Anschauungsunterricht in Sachen Unterschiede des Charakters, Ungerechtigkeit in der Erziehung, Asymmetrie des Begehrens. Und dann tritt, auf Seite 53, während eines kriegsbedingten Aufenthalts in Rosenberg bei Graz, erstmals Bianca auf. Diese Begnung fällt noch in "die Zeit vor der großen Pubertätskrise", für die Zevi auch durch "die vollständige und ausreichende Sexualerziehung" in keiner Weise gewappnet ist - ganz im Gegenteil: Die Konfrontation eines im Wesentlichen fertigen Selbstbildes mit einem als externe Macht wahrgenommenen Trieb erschüttert den jungen Zevi nachhaltig ("ein geradezu klassisches Beispiel dafür, wie wenig Erziehung nützt").

All das ist aber bloß das "Vorspiel" zu dem Kapitel "Bianca", das mehr als die Hälfte des Romans ausmacht. "Das Geheimnis" ist im Wesentlichen das Protokoll eines jungen Mannes, der "von Kindesbeinen an (...) in der Selbstanalyse einen leider außergewöhnlichen Scharfsinn" besitzt und diesen zu einem mit wissenschaftlicher Präzision arbeitenden Instrumentarium entwickelt. So wie Zevi in der Koketterie seiner Klassenkameradin Padova "ein Paradigma für die Grammatik des Lebens" gefunden zu haben glaubt, so betrachtet er dieses selbst als etwas, das er "gleichsam wie ein mathematisches Problem aufstellen und lösen zu können" hofft.

Tatsächlich führt die rigorose Beobachtung des eigenen Tuns und Denkens nur dazu, dass der skeptische Determinismus Zevis - er versteht die eigene Moralität als Produkt habitueller Schüchternheit - nur noch die Kapitulation vor einem "mir grenzenlos überlegenen Feind" verordnen kann. Unfähig zu handeln oder auch nur auf die wie auch immer zu interpretierende Zuwendung Biancas - eine ausgestreckte Hand da, ein mehr als zufälliger Blick in seine Richtung dort - zu reagieren, fügt sich Zevi in die Unfähigkeit, zwischen einem moralisch verbrämten Lebensverzicht und der Verlockung, "sich der Liebe zu ergeben", entscheiden zu können.

Zevis depressive Leidenschaft rotiert sozusagen am Stand. Das Objekt der Begierde bleibt eine bloße Spiegelung des eigenen Begehrens, eine fruchtlose Virtualisierung der Liebe hintertreibt konsequent deren mögliche Realisierung: So sehr Zevi auch "alle Gedanken, alle Urteile, die er in diesen letzten fünf Jahren ausgesprochen oder auch nur im Kopf gefällt hatte", an Bianca richtet, so wenig erreicht er diese wirklich: "Ich bemerkte, dass sich der Dialog nicht zwischen mir und ihr abspielte, sondern zwischen mir und mir: Ihrem Abbild konnte ich nur meine Ansichten, nur meinem Kopf entsprungene Gedanken verleihen." Jahre, nachdem Bianca endgültig aus seinem Leben verschwunden ist, träumt Zevi von einem jungen, hübschen Burschen, der sich gegenüber Bianca verächtlich über den Umstand äußert, dass "eine solche Liebeskraft in einem Schlappschwanz wie ihm", Zevi, stecke. Auf die Frage der in Schönheit gealterten Bianca, was Zevi denn eigentlich wolle, antwortet der Mann, "gleichsam in meinem Namen": "Er möchte du sein."

Dieses paradoxe Begehren ist zum Scheitern verurteilt. "Das Geheimnis" erzählt die allertraurigste Geschichte eines Mannes, der nicht einmal die Kraft hat, es versuchen zu wollen.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 18)


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