Lebt in Moskau!
Roman

von Dmitrij Prigow

€ 19,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Susanne Macht
Übersetzung: Erich Klein
Verlag: Folio
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 347 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2003

Rezension aus FALTER 30/2003

Dmitri Prigov dringt in seinem Roman "Lebt in Moskau!" in den Moloch der russischen Hauptstadt und in die Mythologie der eigenen Kindheit vor.

Moskau - ehemals Welthauptstadt des Sozialismus und Mittelpunkt des russischen Imperiums, Brennpunkt sozialistischer, nationalistischer und kolonialistischer Ideologien, Moskau als "underground" und Moloch - ist für den 1940 eben dort geborenen künstlerischen Tausendsassa Dmitri Prigov eine Universalmetapher. Die Stadt gleicht einem großen, gewalttätigen Tier. Meistens verharrt es in einem vegetativen Ruhezustand, der nur von gelegentlichen Zuckungen unterbrochen wird. Das sind die Phasen gesellschaftlicher Stagnation, aber auch die Zeit stalinistischer Unterdrückung. Manchmal aber, in Phasen politischer Umbrüche, erwacht dieses Tier zu einer gewalttätigen Bestie, die mordet und unkontrolliert um sich schlägt. In ihren Eingeweiden finden Schlachten statt, und menschliche Körperteile liegen herum.

Das Buch ist der erste Teil einer autobiografischen Trilogie, die erinnerte Empfindungswelt des Kindes bestimmt seinen Charakter. Prigovs kindliche Phantasmagorien, so will es die Logik des Textes, sind auch die Phantasmen des großen Reiches: Das Tier hat Albträume, in denen Außerirdische sich ankündigen, Haie in der Moskwa schwimmen, streunende Stadtkatzen sich in haushohe Dämonen verwandeln. In seinem Bauch leben die Einwohner Moskaus, viele von ihnen, wie auch Prigovs Familie, in so genannten Kommunalkas, Wohnanlagen mit Gemeinschaftsküchen, in denen die Küchenschabe haust, der Prigov einen seiner bekanntesten Gedichtzyklen gewidmet hat.

Das untergegangene Sowjetreich bietet einen unglaublich reichen Fundus an Bildern und Sprachformationen, die mit den verschiedensten emotionalen, ästhetischen und politischen Werten besetzt sind. (Seine Kindheitswelt sei ihm so fremd wie das Reich der alten Assyrer, schreibt Prigov im Vorwort, was etwas kokett klingt.) Diese Mehrfachcodierungen auszureizen, sie aus- und bloßzustellen ist das künstlerische Kalkül des Tausendsassas Prigov. Prigov ist Gründungsvater des so genannten Moskauer Konzeptualismus, der mittels einer "teilnehmenden Semiotik" die Grundlagen der (post)sowjetischen Kultur erforschen möchte. Er ist ein begnadeter Performer (wovon man sich bei seinem Auftritt im Wiener MuseumsQuartier anlässlich der Präsentation von "Lebt in Moskau!" überzeugen konnte). So zelebriert er sein "Mantra der hohen russischen Kultur" in muslimischen oder buddhistischen Remixes. Prigov ist Patriot und Dissident, "wahrer Russe", der die Leistungen der großen russischen Kultur mit pathetischem Brustton zitiert, um sie gnadenlos zu recyceln und zu dekonstruieren.

Ein Komplement zur horizontal ausgerichteten, sich kriechend fortbewegenden, schmarotzenden Küchenschabe ist der unerschütterlich im Sturm der Zeiten stehende Milizionär. Dieser vaterländischen Figur par excellence hat Prigov sein bekanntestes Langgedicht gewidmet. Der "Onkel Milizionär" aus dem Gedicht ist dem Kind im Roman bewundertes Standbild unbegriffener Größe. Der Milizionär ist überall, so groß wie das unermessliche russische Reich, er ist Hüter der Ordnung, die er doch stets auch transzendiert. Er reicht zurück in die Tiefe der russischen Geschichte, und mit ihm droht auch diese zu verschwinden. Das Gedicht beginnt mit den Versen:

"Auf seinem Posten steht der Milizionär
Bis weit nach Wnukowo lässt er die Blicke
schweifen
Nach Westen und nach Osten blickt der
Milizionär
Dahinter ist es nur noch wüst und leer."

Ein solches Hohelied im Angedenken an die in Stalins Lagern Verschwundenen mag zynisch klingen. Doch geht es nicht um politische Analyse oder politische Korrektheit. Anlässlich einer machtvollen Demonstration zur Selbstfeier des sozialistischen Arbeiters heißt es im Buch: "Die finale Bestimmung der Kolonnen und das ideologische Kraftfeld der ganzheitlichen Demonstration (...) waren derart stark, dass auf dem kurzen Weg jeder, selbst ein feindliches Element, innerlich wie äußerlich in die richtige und machtvolle Struktur, die in der Bestätigung, Unterstützung und Lobpreisung unserer unbezwingbaren Wirklichkeit bestand, umgeschmiedet und umgepolt wurde."

Das ist ein Hammersatz. Nichts an ihm ist Satire. Einer universalen Ideologie wie dem Sozialismus, der sehr realen Vorstellung von geographischer und nationaler Größe, der Masse als politischer Skulptur ist nur mittels einer komplexen Strategie zu begegnen, die Affirmation und Subversion der "Wirklichkeit" kombiniert. Darin ist die Kunst einer rein argumentativen Ideologiekritik überlegen.

"Lebt in Moskau!" ist kein einfach zu konsumierendes Buch; es erschließt sich erst, wenn man seine Logik begriffen hat und bereit ist, sich auf die groteske Beschreibung einer Moskauer Kinderfantasywelt einzulassen, samt den zahlreichen Wiederholungen, die vor allem im ersten Drittel zu Ermüdungserscheinungen führen mögen. Jedoch vermittelt die sehr gute Übersetzung von Erich Klein und Susanne Macht und das sorgfältige Lektorat bei fortschreitender Lektüre jene Geschlossenheit, die der Lektürefluss braucht.

Bernhard Fetz in FALTER 30/2003 vom 25.07.2003 (S. 55)


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