Die Kinder von Patras
Roman

von Zoran Feric

€ 19,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Klaus D Olof
Verlag: Folio
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 172 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.09.2006

Rezension aus FALTER 40/2006

Mehr als nur die Midlife-Crisis

Zoran FericŽs "Kinder von Patras" werfen einen sarkastischen Blick in die Abgründe einer ganz normalen Ehe.

Sarkasmus, der: Wikipedia versteht darunter beißenden und verletzenden Spott und Hohn. Er kann aber auch mit einer boshaften, bitteren Art der Ironie verbunden sein und birgt dann oft schwarzen Humor. Sarkasmus ist demnach (im Unterschied zum Zynismus) oft eine Reaktion auf eine Verletzung durch andere, auf eigenes Unglück, auf einen Angriff. Ein Mittel eben, sich zu wehren.
Wenn dem so ist, dann wehrt sich Zoran FericŽ gewaltig, was immer ihm auch widerfahren sein mag. Wie schon in seinem ersten Roman "Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzchen" oder dem Erzählband "Engel im Abseits" fließt die Tinte in "Die Kinder von Patras" pechschwarz aus der Schreibfeder. Wieder wühlt FericŽ mit subtilem Genuss in den Wunden existenzieller Miseren. Die Menschen, von denen er erzählt, sind im Grunde weder besonders außergewöhnlich noch spannend, allerdings bewegen sie sich doch ein Wegstück abseits der normativen Parameter, die uns die gesellschaftliche Konvention vorgibt.
Stanislav Bernstein zum Beispiel ist 44 und nicht unglücklich verheiratet. Kinderlos freilich, doch das scheint hauptsächlich seine Frau Ines zu beschäftigen. Er ist Jude (was im Grunde gar nichts zur Sache tut), vor allem aber Professor an einem Gymnasium in Zagreb, womit er auch mit dem Autor viel gemein hat, der dort 1961 geboren wurde und in seinem Brotberuf als Gymnasiallehrer für Kroatisch arbeitet.
Stanislav jedenfalls wird mit der eigenen Geschichte konfrontiert, als seine Frau erstmals sein Elternhaus am Zagreber Stadtrand besucht, das er nach dem Tod der Eltern an zwei österreichische Hypobank-Angestellte vermietet hat. Während ihn bereits der Blick in den Vorzimmerspiegel irritiert, weil er darin sein vergangenes Ich erblickt, rückt für Ines der Traum vom Einfamilienhaus näher. Das Kind fehlt halt, weswegen Ines nach dem Geschlechtsverkehr sofort mit der strampelnden Fruchtbarkeitsgymnastik beginnt. Ihr Mann aber taumelt in eine existenzielle Krise, und das nicht nur, weil er über alte Fotos dahinterkommt, dass seine Frau ein Geheimnis hat und er nur dadurch an ihre Seite gerutscht ist. Er wird zunehmend neurotisch und paranoid, verdächtigt Ines der Untreue, obwohl oder gerade weil eigentlich er dabei ist, nicht nur in Gedanken fremdzugehen.

Das würde sich so weit nach einer recht normalen Midlife-Crisis anhören, würde FericŽ die Schraube nicht noch etwas weiterdrehen: Stanislav fühlt sich nämlich von Krankheiten und Behinderungen nachgerade erotisch angezogen. Das gilt für die Prostituierte mit einem Tumor in der Brust ebenso wie für die Nachbarstochter, die im Rollstuhl sitzt, oder für die an multipler Sklerose erkrankte Schülerin Marina, der es bei einer Klassenfahrt nach Patras in Griechenland bei Marihuana und Alkohol nicht schwerfällt, ihren Lehrer zu verführen. Als Strafe quasi quält sich dieser nun mit dem Selbstvorwurf der Pädophilie. All dies erzählt FericŽ so boshaft und lakonisch, dass sich Schauder mit Lachen abwechselt, das freilich öfters im Halse stecken bleibt.

Edgar Schütz in FALTER 40/2006 vom 06.10.2006 (S. 26)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb