Indien. Ein Geruch

von Maria E Brunner

€ 19,50
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Verlag: Folio
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 90 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Kulturschock oder die Vormacht des Olfaktorischen

Wenn es stimmt, dass nationalistisch gesinnte Inder wegen dessen deutlicher Bilder von indischen Elendsvierteln heftig gegen "Slumdog Millionaire" protestierten (natürlich nur, bis der Film bei der Oscar-Verleihung groß abräumte), dann ist es für die Nerven der Südtiroler Autorin Maria E. Brunner sicher gut, dass ihr Buch nur auf Deutsch erschienen ist. Es besteht aus subjektiven, mal lyrischen, mal drastischen Skizzen von indischen Städten, Straßen, Landschaften und Orten.
Aus diesen atmosphärisch dichten, zuweilen etwas nach Kulturschock riechenden Schilderungen treten Passagen hervor, in denen sich Brunner im Hinblick auf einige nicht unbekannte Schattenseiten des aufstrebenden Global Players kein Blatt vor den Mund nimmt. "Indien kennt kein Mitleid", lautet das Fazit, das sie wiederholt zieht, sei es bei erschütternden Alltagsszenen, wenn Bettler von Autos überfahren und getötet werden, sei es bei der Abrechnung mit struktureller Gewalt.
Insgesamt bleibt von "Indien. Ein Geruch" ein zwiespältiger Eindruck zurück. Zu negativ scheint das Bild, das Brunner von Indien zeichnet. Durch die quasiliterarische Zugangsweise setzt sie sich automatisch dem Vorwurf der Einseitigkeit aus. Von ihren Recherchemethoden erfährt man nichts. Der Hintergrund der Autorin – Maria E. Brunner ist Autorin und Professorin für deutsche Literatur – und die Tatsache, dass sie in ihrem Buch den Verhältnissen an einer kleinen Universität in Gujarat breiten Raum widmet, lassen darauf schließen, dass sie Indien im Rahmen von Studienaufenthalten besucht hat.

Es ist schon klar: Brunner hat die Absicht, die verstörenden Auswirkungen der Globalisierung auf ein ohnehin von sozialer Ungerechtigkeit geprägtes Land deutlich zu machen. Was ihr zweifellos gelingt. Die Frage ist aber, ob ihre Schilderungen der Verhältnisse nicht zu stark an Negativklischees anknüpfen. Nun entstehen auch diese meist nicht völlig grundlos: Niemand bezweifelt, dass die soziale Kluft, die sich im immer noch wirkmächtigen Kastensystem manifestiert, die Realität des Subkontinents auch im 21. Jahrhundert prägt. Die andere Aktualität Indiens – die extreme Vielfalt des Riesenstaates, die wachsende Mittelschicht, die enorme Leistung, trotz aller Widrigkeiten eine seit mehr als 60 Jahren funktionierende Demokratie etabliert zu haben – findet bei ihr keinen Raum.
Von ihrer stärksten Seite zeigt sich Brunner, wenn sie die Pogrome aus dem Jahr 2002 in Gujarat thematisiert, als nationalistische Hindu-Politiker die Bevölkerung gegen ihre muslimischen Nachbarn aufhetzten. Hier hat der scharfe Blick auf nationalistische Manipulation durch Politiker, wie sie auch in Europa immer noch funktioniert, Vorrang vor atmosphärisch aufgeladenen Indien-Klischees und dem sinnlichen Überwältigtwerden. Mehr Optik, weniger Olfaktorisches hätte dem Buch gut getan.

Karin Chladek in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 42)


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