Sorge. Ein Traum

von Martin Kubaczek

€ 22,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Folio
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.10.2009

Rezension aus FALTER 41/2009

Die Kunst des Brieftaubeneinsatzes

Hauptrolle: der legendäre russisch-deutsche Kommunist und Meisterspion Richard Sorge (1895–1944), der während des Zweiten Weltkriegs in der Funktion eines Pressekorrespondenten der Frankfurter Zeitung in Japan für die Sowjet­union spionierte, 1941 enttarnt und 1944 hingerichtet wurde. Also ist von Mikrofilmen, konspirativen Treffen, Geheimcodes und brandgefährlichen Materialübergaben die Rede? Ja, all das, und doch liegt völlig falsch, wer sich von Martin Kubaczeks neuem Roman "Sorge. Ein Traum" den Plot und Ton eines klassischen Spionageromans erwartet.
Den besten Hinweis auf das Wesen des Buches gibt wohl der zweite Teil seines Titels: "Ein Traum". Um ein traumartiges Gebilde handelt es sich am ehesten, allerdings nicht um ein wolkig-verschwommenes, sondern um ein gestochen scharfes. Es ist eine poetische Etüde, geschrieben in einem langsamen, ins Detail versunkenen, genau ausgefeilten Stil. Gewiss kein Roman (obwohl als solcher ausgewiesen), am ehesten eine Mischung aus einer hochartifiziellen Liebeserklärung an Japan und ­Kubaczeks schriftstellerischer Leidenschaft für akribische Funktionsbeschreibungen auf den unterschiedlichsten Gebieten. Kubaczek selbst, Österreicher des Jahrgangs 1954, hat 15 Jahre in Japan gelebt und ist dabei spürbar tief fasziniert in Kultur und Geschichte des Landes vorgedrungen.

Auf die Spur des Meisterspions Richard Sorge kommt man – auch wenn er fast immer präsent ist – vor allem durch Hinweise. Da ist der enge Kontakt zum deutschen Botschafter in Japan, für den Sorge Pressedossiers zusammenstellt und den er abends bei Tee und Schachspiel in aller Freundschaft aushorcht über die Pläne Nazideutschlands gegenüber der UdSSR. Da sind Gespräche mit Kollegen über russische, deutsche und japanische Kriegsstrategien. Da ist seine japanische Geliebte Ran, ein Wesen von prototypischer Zartheit, Eleganz und Zerbrechlichkeit, an der Kubaczek gleichermaßen sein literarisches Liebesszenenideal zeigt wie die sozialpolitischen Schwierigkeiten west-östlicher Liebesbeziehungen in Kriegszeiten. Ebenso angedeutet werden Sorges Hinrichtung, seine Konflikte mit den sowjetischen Auftraggebern, die seinen Informationen über einen geplanten Großangriff Hitlers auf Russland nicht glauben wollen, oder die Zusammenarbeit mit japanischen Informanten.
Kubaczek folgt Sorge durchaus nicht entlang eines kontinuierlich ausgerollten Erzählfadens; eher lässt er ihn als Fixpunkt einer langen Assoziationskette immer wieder auftauchen. In den einzelnen kurzen Kapiteln geht es in aller erschöpfender Ausführlichkeit um so disparate Dinge wie das komplizierte Erlernen der japanischen Sprache, die Schönheit der Kirschblüte und die Kunst des Brieftaubeneinsatzes, um Motorradmotoren oder die Erarbeitung eines ausgeklügelten Tarncodes, in dem verschiedene Typen japanischer Kokeshi-Puppen für verschiedene Modelle japanischer Kriegsschiffe stehen. Es gibt ein eigenes Kurzkapitel, in dem Richard Sorge ausschließlich beim Barbier ist, und ein anderes, das ganz einem musiklosen Tanz gewidmet ist, den seine japanische Geliebte ihm vorführt.

Es sind schöne Beschreibungen, denen man Kubaczeks Begeisterung für die Schriftstellerarbeit als meisterhandwerklichen Beschreibungsvorgang anmerkt und seinen ernsthaften, poetischen Darstellungswillen, der alles und jedes bis ins letzte Detail genau ausführt. Darüber vergisst der Autor allerdings mitunter die Gewichtung der Sujets, die wesentlich wäre, um seiner Geschichte Rhythmus und Spannung zu verleihen. In Summe will kein rechtes Ganzes aus dem Buch werden. "Sorge. Ein Traum" bleibt eine Zusammenstellung schöner Fragmente.

Julia Kospach in FALTER 41/2009 vom 09.10.2009 (S. 30)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb