Mr. Wilder und ich

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Kurzbeschreibung des Verlags:

In seinem neuen Roman zeichnet Bestseller-Autor Jonathan Coe ein faszinierendes Porträt der Hollywood-Legende Billy Wilder.
Los Angeles, Sommer 1976: Durch einen verrückten Zufall lernt die junge Athenerin Calista einen witzigen Herrn mit österreichischem Akzent kennen, ohne zu ahnen, dass es das Kino-Genie Billy Wilder ist, Schöpfer von unsterblichen Filmen wie Manche mögen’s heiß. Die Begegnung wird ihr Leben verändern. Als Dolmetscherin begleitet sie den Regisseur und seine glamouröse Filmcrew auf die verschlafene griechische Insel Madouri, wo er seinen vorletzten Film Fedora dreht, dann weiter nach München und Paris. Während es für sie eine traumwandlerische Reise ist, sieht sich der jüdische Exilant Wilder mit seiner Geschichte konfrontiert. Mit grandiosem Witz und feiner Ironie zeichnet Coe ein schillerndes Bild des Meisters der Komödie.

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FALTER-Rezension

Die Jungs mit den Bärten haben jetzt das Sagen

In „Mr. Wilder & ich“ inszeniert Jonathan Coe die vergnügliche Begegnung Billy Wilders mit einer cineastischen Ignorantin

Nein, der Mister im Titel hat den Film mit dem Wagenrennen nicht gemacht. Das war Wyler, nicht Wilder. So geht’s, wenn man seine Zeit überlebt hat. Kaum einer weiß noch, wie bedeutend man einmal war, die großen Namen von einst sagen niemandem mehr etwas. Marlene Dietrich? Ernst Lubitsch? Faye Dunaway? Nie gehört!

Der Einfall, eine ziemlich unbedarfte Figur ins Zentrum zu rücken, ermöglicht es einer Nonfiction Novel, der Leserschaft auf denkbar bequeme Weise einen beträchtlichen Wissensvorsprung einzuräumen. Im Fall von Jonathan Coes „Mr. Wilder & ich“ heißt die Ich-Erzählerin Calista, stammt aus Griechenland und blickt aus einem Abstand von über 40 Jahren auf ihre Bekanntschaft mit dem Regisseur Billy Wilder zurück. Als sie ihn, Zufall über Zufall, bei einem privaten Abendessen in Beverly Hills kennenlernt, sagt ihr dieser Name freilich nichts. Und natürlich hat sie bis dahin auch keinen seiner Filme gesehen.

Billy und Iz, sein langjähriger Co-Autor I.A.L. Diamond, nehmen ihr diese Ignoranz nicht weiter krumm, sondern zeigen – wie ihre gleichfalls anwesenden Ehefrauen – freundliches Interesse an Calista. Dass diese ein Gähnen nicht unterdrücken kann, findet sogleich Eingang ins Drehbuch zu „Fedora“, jenes – vorletzten – Films, den Wilder 1977 in Griechenland, Paris und München gedreht hat.

„Fedora“ ist ein Film übers Filmemachen, eine Art verspätetes Remake von „Sunset Boulevard“ (1950), und handelt wie dieser von einer alten Leinwanddiva, die längst zum Gespenst ihrer selbst geworden ist. Beide Filme werden in Rückblende erzählt, die Off-Stimme gehört der männlichen Hauptfigur, welche da wie dort von William Holden verkörpert wird. Hier nun spielt er den abgemeldeten Hollywoodproduzenten Detweiler, der eigens nach Korfu reist, um die legendäre Fedora (Hildegard Knef) aus dem Ruhestand zurück auf die Leinwand zu locken.

Calista ist bei den Dreharbeiten mit dabei, zunächst als Dolmetscherin, später als Assistentin von Mr. Diamond. Dieses langsame Vertrautwerden mit der Filmwelt gehört zu den witzigsten Passagen des Buchs. Die vormalige Kinoverächterin hat ein Exemplar von „Halliwell’s Film Guide“ erstanden, es auswendig gelernt und weiß ihre Umgebung nunmehr mit kritischen Einlassungen zu verblüffen (wobei die Betroffenen gegen den Unsinn, den sie da nachbetet, nie protestieren).

Der Roman könnte fast genauso gut „Mr. Diamond & Me“ heißen, denn in der ersten Hälfte ist Iz für die Erzählerin und damit für den Leser der wesentliche Bezugspunkt. Wilders genialer Schreibpartner wirkt immerzu leicht mürrisch. Wohl nicht nur, weil ihn sein Rücken plagt, sondern weil er sich längst eingestanden hat, dass ihre Art des Filmemachens nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, sondern die von Spielberg und Scorsese: „Die Jungs mit den Bärten“, wie Detweiler im Film sie einmal nennt, „haben jetzt das Sagen.“ Iz muss sich einfach nichts mehr beweisen, das macht ihn zum sympathischeren der beiden alten Herren. Mit einem lapidaren „Warum nicht?“ pflegt er höchste Zustimmung zu signalisieren.

Irgendwann übersiedelt das Filmteam nach Deutschland, und der Roman nimmt eine andere Tonalität an. Die Schlüsselszene spielt diesmal im Bayerischen Hof, wo neben der Filmprominenz (u.a. auch Al Pacino) auch ein junger Deutscher mit am Tisch sitzt, der den Holocaust für eine maßlose Übertreibung hält. Worauf Wilder von seiner Vertreibung durch die Nazis und von den Filmdokumenten aus den Vernichtungslagern erzählt, die er tagelang nach bekannten Gesichtern abgesucht hat. „Die Frage lautet: Wenn die Konzentrationslager und die Gaskammern nur Einbildung waren, wo ist dann meine Mutter?“

Wie so vieles in „Mr. Wilder & ich“ ist auch dieses Zitat verbürgt. Es stammt aus einem Gespräch mit dem Regisseur 1994 anlässlich des Films „Schindler’s List“; Billy Wilder hatte sich jahrelang um die Rechte an dem Stoff bemüht, Steven Spielberg schließlich den Zuschlag erhalten.

Michael Omasta in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 24)


Billy Wilder

Calista, eine junge Griechin, lernt Mitte der 1970er-Jahre beim Trampen durch Amerika zufällig Billy Wilder kennen. Der englische Romancier Jonathan Coe lässt in "Mr. Wilder und ich" die mittlerweile verheiratete Komponistin aus einem Abstand von fünf Jahrzehnten die unwahrscheinliche Begegnung und das darauffolgende lebensentscheidenden Engagement beim Film rekapitulieren. Das verführerische Genre der Nonfiction-Novel ist mit Witz durchsetzt, als stammte sie vom Großmeister der Hollywoodkomödie selbst. "Sunset Boulevard","Das Appartement", oder "Manche mögen's heiß" hatten Wilder nach dem Krieg berühmt gemacht, doch der Bedarf an Kunst, große Fragen in scheinbar läppische Unterhaltungsfilme zu verpacken, ist mittlerweile im Abklingen begriffen.

Die Dreharbeiten zu " Fedora", einer vertrackten Geschichte um eine einstige Filmdiva, bekommen erst Brisanz, als ein Teil der Dreharbeiten in Deutschland stattfindet, jenem Land, aus dem der gebürtige österreichische Jude Billy Wilder einst vor den Nazis floh. Er hatte unmittelbar nach Kriegsende im Auftrag der US-Army eine Dokumentation über die Gräuel der Konzentrationslager gemacht und sich später in einer Reihe von Komödien mit der deutschen Frage und den Nazis auseinandergesetzt. Als ihm aber eine Journalistin die Frage stellt, wie es für ihn sei, den neuen Film in Deutschland zu drehen, folgt eine bis heute wuchtige Antwort: "Ich bin jetzt wohl in einer Winwin-Situation.""Wie meinen Sie das?", fragt die Journalistin. "Ich meine", sagt Billy, "dass ich mit diesem Film nichts zu verlieren habe. Wenn es ein großer Erfolg wird, ist es meine Rache an Hollywood. Wenn es ein Flop wird, ist es meine Rache für Auschwitz."

Das Zitat ist authentisch, doch der Autor Jonathan Coe erlaubt sich darüber hinaus die scheinbare Aufkündigung aller politischen Korrektheit. Auf meisterhafte Weise wird die Frage nach Schmerz und Ironie, nach Kunst und Kommerz sogleich an Leserin und Leser weitergereicht. Allein, diese ist nur durch Urteilskraft zu beantworten, deren Voraussetzung nach Kant bekanntlich "Mutterwitz" ist. Oder würde in diesem Fall auch altmodische Herzensbildung reichen?

Erich Klein in Falter 39/2021 vom 01.10.2021 (S. 23)

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Produktdetails
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ReiheTransfer Bibliothek
ISBN 9783852568331
Ausgabe 1., Aufl.
Erscheinungsdatum 10.08.2021
Umfang 280 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Folio
Übersetzung Cathrine Hornung
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