Indikationen

von Gerhard Ruiss

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Verlag: edition selene
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 48/2000

Vor fünf Jahren erschien die radiophone Offenbarung "Hermes Phettberg räumt seine Wohnung zamm" in Buchform. Der Radiomacher Fritz Ostermayer saß damals auf den Schenkeln von Phettberg und ließ sich von ihm in dessen Gumpendorfer Wohnstätte Ausführungen zu den Themen Fliesen-Bespritzen-beim-Stehpinkeln und Klomuschelreinigung ins Mikro diktieren. In der Textsammlung "Die Gutmenschen Protokolle" kommt Ostermayer gemeinsam mit seinem FM4- "Sumpf"-Kollegen Thomas Edlinger nach den "Sumpfprotokollen" (1998) erneut im O-Ton zu Wort. In den 14 (teils unveröffentlichten) Radiostücken aus dem "Sumpf" sind vor allem die schockartigen Auswirkungen der Regierungsbildung im Februar auf die zart beseelten Nervenkostüme der beiden "Gutmenschen" nachzulesen. Da werden "Erlebnisprotokolle zweier vaterlandvernarrter Jungscharführer" zitiert, zwei "wehrhafte Kirchengründer" wollen die "Kirche des heiligen Schulterschlusses" gründen, im "Tagebuch zweier Vernaderungsvernaderer" steht unter dem 1. Mai: "Die ganzen Straßen voll von der demonstrierenden Internetgeneration der grauen Panther." Die Beobachtungen und Notate der beiden "gesetzesgeilen Bürger" ergeben zusammen mit einigen Interviews (etwa mit dem Literaturwissenschaftler Terry Eagleton oder dem Wiener Container-Aktionisten Christoph Schlingensief) ein düsteres Österreich-2000-Panorama. Durch kuschelige PR-Maßnahmen wie Zoo- oder Museumsbesuche versucht die VP/FP-Regierungsmannschaft, das Land wieder in eine mild gestimmte Selbstvergessenheit zu schaukeln. Die "Gutmenschen Protokolle" fungieren da als Notbremse. Und Zuversicht und Hoffnung streuen sie auch: "Aber keine Angst, ihr kleinen Männer, Frauen und Kinder von der Straße."Gerhard Ruiss, seit 1982 Geschäftsführer der IG Autorinnen und Autoren, beschäftigt sich in den "Indikationen", seinem zweiten Gedichtband (nach "Single Swingers", 1988), auf den ersten Blick mit der Politik. Der "schwarz-blaue regierungsjodler" (1. Strophe: "jö hai / rg der / rediahjö rg gröj / jö der hai / jö der hai / rg rg rg jö") besingt lautmalerisch Jörg Haider, nur um dann in der lakonischen Anmerkung zu münden: "GRÖFAZ - Größter Führer/Feldherr aller Zeiten". Im Vorwort des 201 Gedichte (davon 64 Dialektgedichte), 19 Prosaskizzen und fünf Szenen umfassenden Bandes schreibt Ruiss, dass die Texte weder beabsichtigen, "Einblicke zu geben noch Aussichten zu eröffnen, sie verlangen Anwendung". Einen Großteil der Gedichte, die thematisch und formal nicht eingeschränkt sind, kann man superb anwenden: Seien es die Gedanken zur "Verbreitung der österreichischen Torte in aller Welt" oder die wenigen Zeilen von "jeder mensch ein star" ("meine viertelstunde / kommt / noch"): Der Band ist ein Kompendium an angewandter Alltagsweisheit. Im "gesang des damenklos am wiesenfest" juchzt das Häusl "ich bin / wieder frei" und die "wiener ehrenbezeugung" geht folgendermaßen vonstatten: "seawas prfessa / söwa ana."

Wolfgang Paterno in FALTER 48/2000 vom 01.12.2000 (S. 68)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Gutmenschenprotokolle (Thomas Edlinger, Fritz Ostermayer)

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