Kunsttheorie versus Frau Goldgruber

von Nicolas Mahler

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Verlag: edition selene
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 42/2003

Verglichen mit der angloamerikanischen Welt ist Interdisziplinarität im deutschsprachigen Raum immer noch extrem unterentwickelt. Umso höher sind Publikationen wie die des Züricher Instituts für Theorie der Gestaltung und Kunst einzuschätzen, die Diskurse über die Fachgrenzen hinweg fördern.

Der erste der nun erschienenen Aufsatzbände versammelt unter dem Titel "Person/Schauplatz" vor allem Texte mit philosophischer Ausrichtung. Spannender sind freilich jene Beiträge geraten, die konkrete Phänomene behandeln. So analysiert die Soziologin Ayse Oncu, warum in den Neunzigerjahren sexuell explizite Satirezeitschriften zu einem wichtigen Element türkischer Jugendkultur wurden. Parallel zur Einführung des Satellitenfernsehens, so Oncu, kreierten diese Comichefte eine Form, in der sowohl die importierte, kommerzielle Sexualität als auch die traditionalistische Gesellschaftsmoral parodiert werden konnte. Über die Wirkung der Massenmedien denkt auch der Kunstkritiker Jan Verwoert nach: Mithilfe des Begriffes "Double Viewing" beschreibt er, wie beim Konsum einer Fernsehserie neben Prozessen der Identifikation immer auch Mechanismen der Distanzierung wirksam werden.

Der zweite Reader "Norm der Abweichung" ist zu der Ausstellung "Be Creative! Der kreative Imperativ" erschienen und beschäftigt sich mit dem Umschlagen der Befreiungsideologien der Siebzigerjahre in die Leistungsanforderungen der Gegenwart. Unter der neoliberalen Herrschaft zählen plötzlich klassische Eigenschaften des Künstlers wie Mobilität, Eigenmotivation und Risikobereitschaft zu den am stärksten nachgefragten Qualitäten. Als Beispiel schildert Ulrich Bröckling in "Bakunin Consulting Inc.", wie Managementgurus Ansichten des Anarchismus propagieren. Die Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello liefern eine spannende Analyse der Kapitalismuskritik seit 1968.Der Cartoonist Nicolas Mahler stattet seinen Figuren mit überdimensionierten Nasen und Körpern sowie verschwindend kleinen Köpfen aus, die stets von genialen Frisuren gekrönt werden. Nach "Flaschko" und "Kratochvil" handelt Mahlers neues, autobiografisches Büchlein von den Schwierigkeiten eines Comiczeichners, seiner Kunst Geltung zu verschaffen: Beim Zollbeamten genauso wie im Büro der Finanzbeamtin Frau Goldgruber stößt der Protagonist nur auf krasses Unverständnis und auch in den Galerien wird Comic höchstens dann akzeptiert, "wenn es als trashiges Modeversatzstück daherkommt". Zu der gezeichneten Leidensgeschichte steuert Kollege Rudi Klein "Ivan" Klein seine eigene griesgrämige "kleine Kunstgeschichte" bei.

Nicole Scheyerer in FALTER 42/2003 vom 17.10.2003 (S. 67)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Person/Schauplatz (Jörg Huber)
Norm der Abweichung (Marion von Osten)

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