Rückkehr nach Wien
Ein Tagebuch

von Hilde Spiel

€ 17,90
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Vorwort: Daniela Strigl
Verlag: MILENA
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Briefe, Tagebücher
Umfang: 180 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.04.2009

Rezension aus FALTER 32/2009

Als Wiens weiblicher Proust nach dem Krieg heimkehrte

Als sie Ende Jänner 1946 nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder österreichischen Boden betritt, notiert Hilde Spiel in ihrem Tagebuch: "Das Bewusstsein, hier nicht mehr herzugehören, ist aus Schmerz und Befriedigung gemacht." Sie ist 35 Jahre alt und kommt in der Uniform der britischen Armee.
Die renommierte linksliberale Zeitung New Statesman, in der sie seit zwei Jahren endlich ihre Essays und Kritiken veröffentlichen konnte, schickt sie neun Monate nach Kriegsende als "War Correspondent" in ihre bombenzerstörte Heimatstadt Wien.
Österreich hatte die Tochter aus gutbürgerlichem, jüdischem Wiener Haus 1936 verlassen – sie ging, um in England den deutschen Schriftsteller Peter de Mendelssohn zu heiraten. Sie ging aber auch, weil sie das politische Klima des Austrofaschismus und erstarkenden Nationalsozialismus, die Ermordung ihres bewunderten Lehrers, des Philosophen Moritz Schlick, auf der Feststiege der Wiener Universität und die Farce des nachfolgenden Prozesses beelendeten.

Von ihrem ersten Wien-Aufenthalt nach der Emigration erwartete sie sich "mehr als die wohlbekannte Sensation des Reisens". Fünf Wochen verbringt sie in Österreich, fünf Wochen, in denen sie zwischen Entfremdung und Wiedererkennen, Abscheu und Zärtlichkeit, Herzschmerz und Erleichterung schwankt. Nachdem sie nach England zu Mann und Kindern zurückgekehrt ist, macht sie aus ihren Notizen einen Reisebericht. Sie schreibt ihn auf Englisch. Er wird nie publiziert.
Erst Ende der 1960er-Jahre übersetzt sie ihn selbst ins Deutsche. Er erscheint 1968 unter dem Titel "Rückkehr nach Wien". Das Buch strahlt auch zurück nach England, das Hilde Spiel 1963 endgültig verlassen hat, um wieder in Wien zu leben. Sie sei, lobte das Times Literary Supplement, ein "female Proust of Vienna", Wiens weiblicher Proust.
Lange Jahre war "Rückkehr nach Wien", das eines der eindrucksvollsten und besten Bücher Hilde Spiels ist, vergriffen. Dem Wiener Milena-Verlag sei Dank, dass er diesen Missstand beendet und nun für eine Wiederauflage gesorgt hat – mitsamt einem sehr guten, bündigen Vorwort von Daniela Strigl, welches das Buch in Leben und Werk Hilde Spiels verortet.
Eingebettet in britische Offizierskreise, die im Pressequartier in einem der einstigen Stadthäuser des Grafen Salm im dritten Bezirk untergebracht sind, unternimmt Hilde Spiel ihre Wiener Ausflüge. Abends kehrt sie zurück, spielt in der "Honky Tonk"-Bar im Keller Darts und plaudert bei ein paar Drinks mit den kriegserprobten und amüsierfreudigen Angehörigen der britischen Oberklasse, aus denen sich die Offiziersriege zusammensetzt.
Hier fühlt sie sich sicher und zugehörig, draußen in der zerbombten Stadt fallen die Erinnerungen über sie her.
Hilde Spiels Bericht ist beneidenswert scharfsinnig, so scharfsinnig, dass man sich vorstellen kann, sie muss sich selbst manchmal an der Schärfe ihres Blicks geschnitten haben. Er ist Selbstbeobachtung und Stadtbeobachtung in einem, eine Mischung aus Persönlichem und historischer Momentaufnahme. Alles geschrieben in dem für Spiel schon früh so typischen glasklaren, unumwundenen Stil poetisch-analytischer Präzision.
"Rückkehr nach Wien" zu lesen ist nicht nur inhaltlich hochinteressant, sondern vor allem auch pures Vergnügen an Hilde Spiels schönen, genauen und gescheiten Sätzen.

Auf den Straßen beobachtet Spiel Spuren jenes Einbruchs von Provinzialität in das ehemals elegante Wien, der im Kielwasser des Nationalsozialismus auch seinen Weg in die Mode fand: Tirolerhüte und Stiefel aller Arten, die "jede Frau in eine Lagerkommandantin oder in ein Straßenmädchen der Berliner Zwanzigerjahre" verwandeln. Sie nimmt im Bundeskanzleramt an Pressekonferenzen teil, spürt die Freude am Wiederaufbau bei einem Besuch im betriebsamen Rathausbüro des (nicht namentlich genannten) kommunistischen Stadtrats Viktor Matejka.
Spiel begegnet ehemaligen Widerstandskämpfern und selbstmitleidigen Kaffeehauskellnern, die Heimkehrerin trifft auf Heimgekehrte, auf abgehalfterte Aristokraten und dagebliebene alte Freunden, die – in vollständiger Erkenntnis des Nazi-Übels – weder zu Helden noch zu Opfern wurden.
Sie stellt sich die Frage, ob sie zu verurteilen sind, und kommt zum Schluss: "Alle Grenzlinien sind verwischt." In einer kleinen Kirche in Döbling, ihrer Kindheitsgegend, bricht sie in Tränen aus. Die in einer Kirche weinende Wiener Jüdin in britischer Uniform: Es ist ein eindrucksvolles Bild, das viel über Identitätssuche und -verlust von Emigranten aussagt.
Ihr altes Wien existiert nicht mehr, viele Freunde sind tot oder verschwunden, in den Zirkeln der neu erstehenden Nachkriegskunst und -literatur sieht sie vor allem ein "Gebräu aus alten Ingredienzien". Deren vermeintlicher Modernismus scheint ihr vorerst nicht mehr als "die Negation nationalsozialistischer Banalität".
Im früheren Dienstmädchen ihrer Familie, der überzeugten Sozialistin Marie, findet sie "eine sehr österreichische Mischung" wieder: "roh, zärtlich, gemein, mit einem goldenen Herzen". Marie erzählt ihr, wie sie unmittelbar nach Kriegsende einen der Nazi-Mieter aus dem langjährigen Wohnhaus der Familie mit den Worten "So, jetzt sind wir wieder dran" abgewatscht hat. Österreich, folgert Spiel, ein Land, "wo jede Leidenschaft sich austobt, statt künstlich eingedämmt zu werden". Ihr Land.

Julia Kospach in FALTER 32/2009 vom 07.08.2009 (S. 16)


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