Die Benes-Dekrete
Eine europäische Tragödie

von Niklas Perzi

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Verlag: NP Buchverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2003


Rezension aus FALTER 42/2003

Es ist ein an sich deprimierender Befund, der den 33jährigen Historiker Niklas Perzi zu einer großen Anstrengung anspornte: "Wer zu Beginn des 21. Jahrhunderts Berichte über das sudetendeutsch-tschechische Problem in einer tschechischen Zeitung liest, könnte manchmal glauben, eine Zeitreise in das Jahr 1945 angetreten zu haben", schreibt Perzi: Die nationale Einheit wird beschworen, Intellektuellen Verrat unterstellt, unbequemen Historikern Dilettantismus vorgeworfen. Weil die sudetendeutschen Vertreter ihren tschechischen Kontrahenten an Verbohrtheit kaum nachstehen, kommt Perzi zu dem Schluss: "Der Diskurs bewegt sich mit einer erstaunlichen Ausdauer seit Jahrzehnten (...) im Kreis."

Nichts Geringeres als das würde Perzi gerne ändern. Sein umfangreiches Buch über die im Zuge des EU-Beitritts Tschechiens wieder heftig umstrittenen Benes-Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Enteignung und Entrechtung der Deutschen in der Tschechoslowakei verfügten, ist ein ambitionierter Versuch unter bescheidenem Titel. Perzi entschlüsselt die historischen Vorgänge von der deutschen Besatzung 1938 bis zu den Vertreibungen 1945, analysiert den verworrenen Rechtsstreit um die Dekrete und charakterisiert die Säuberungen als kühl durchdachte Strategie des Präsidenten Edvard Benes zur Stabilisierung des Staates statt als nationalistischen Rachefeldzug; doch darauf beschränkt er sich nicht. Ebenso viel Platz wie dem eigentlichen Thema räumt Perzi seinem Abriss der deutsch-tschechischen Geschichte seit Jan Hus zu Ende des Mittelalters ein. Schon lange vor Benes und Konrad Henlein, "Führer" der Sudetendeutschen während der Nazizeit, sponnen chauvinistische Köpfe Vertreibungsfantasien, schreibt Perzi, meint aber auch: "Nicht der ethnischen Reinheit seit 1945, sondern dem multinationalen Zusammenleben der 700 Jahre davor", verdankten die böhmischen Länder ihren Reichtum.

Immer wieder legt Perzi den Streitparteien solche argumentative Rutschen, um sie aus ihren Bunkern herauszulockern. Bei Sudetendeutschen und Tschechen mahnt er eine Fähigkeit ein, die er bei der Arbeit an seinem Buch selbst zu einem Prinzip erhoben hat: sich in die Wahrnehmung des Gegenübers hineinzudenken.

Dem Autor ist das durchaus gelungen, die Streitparteien müssen diesen Nachweis erst erbringen. "Wer als Erster nachgibt, hat verloren", bringt Perzi ihr heimliches Motto auf den Punkt. So kommt keine der beiden Seiten in Perzis scharfsinniger zusammenfassenden Analyse am Ende des Buches als heimlicher Sieger weg. Weder die Sudetendeutschen, die gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein window of opportunity zuschlugen, als nicht nur Václav Havel, sondern auch der heutige Scharfmacher Milos Zeman versöhnliche Töne anstimmten. Noch die im "sozialistischen Biedermeier" aufgewachsene tschechische Politelite, die sich heute hinter dem Selbstbild der Nation als ewiges Opfer der Geschichte versteckt.

Gerald John in FALTER 42/2003 vom 17.10.2003 (S. 17)


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