Mein Protokoll
Innenansichten einer Republik

von Michael Sika

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: NP Buchverlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 36/2000

Der pensionierte Michael Sika hat mit "Mein Protokoll" versucht, "Innenansichten einer Republik" zu gewähren.Dargestellt werden jedoch die Innenansichten eines österreichischen Polizeigenerals.
"Ich war", schreibt Michael Sika, "wie die Figur eines Wetterhäuschens, die meist dann in der Öffentlichkeit erschienen war, wenn es mediales Schlagwetter gab. Einen Teil meiner Bezüge könnte man wohl auch als Schmerzensgeld betrachten." Michael Sika ist heute Pensionist. Er sitzt als Vereinsmeier und Berater noch immer im Innenressort. Mithilfe zweier Journalisten hat er im NP- Verlag des Bischof Krenn sein Buch verfassen und exklusiv durch die Krone vermarkten lassen. Diesen Donnerstag wird Innenminister Strasser das Buch präsentieren. Vielleicht sollte er sichseinen Ehrenschutz noch einmal überlegen. Denn sein Haus ist über das Buch gar nicht glücklich. "Er dreht durch", sagt ein hoher Beamter.
"Innenansichten einer Republik" steht am Buchdeckel. "Schonungslos und offen" würde über den "Verfall der öffentlichen Moral" berichtet. Dargestellt werden jedoch die Innenansichten eines Generals, der auf einer Leopoldstädter Polizeiwachstube sozialisiert und schließlich zum obersten Polizisten befördert wurde. Memoiren eines Mannes, der sein tiefes Misstrauen gegen den Rechtsstaat, "die faule Justiz" und linke Journalisten beschreibt. Der zwar keine Amtsgeheimnisse preisgibt, dafür schwere Verdächtigungen (etwa gegen Caspar Einem) ohne Beweise in den Raum stellt, der der Justiz etwa im Fall Omofuma weise Ratschläge gibt oder gewisse Mitarbeiter genussvoll bespöttelt. Sika packt seine Abneigung gegen "alles Linke" aus, das aus seiner Sicht den Staat unterminiert. Manchmal erinnert das ein wenig an die Moral eines Generals aus dem Südamerika der Achtzigerjahre. Auch so einer hätte wohl stolz gegen demokratisch legitimierte, aber "suspekte Minister" wie Einem agitiert, über anhängige Gerichtsverfahren geplaudert, Einblicke ins Vorstrafenregister von Beschuldigten gegeben und politisch nicht genehme Beamte und Richter diskredidiert.
Im Kapitel "Minister mit Vergangenheit" unterstellt Sika Einem zwischen den Zeilen Suchtgiftkonsum, ohne Beweise vorzulegen: "Man kann also seriöserweise weder behaupten, Einem habe mit Suchtgift zu tun gehabt, noch das Gegenteil davon." Sika faksimiliert dazu einen Aktenvermerk (hat Sika Aktenmaterial zu Hause?) über einen Bauernhof, auf dem sich "lichtscheues Gesindel" und Einem umgetrieben hätten. Er berichtet stolz, dass er seinen Minister über bestimmte Ermittlungen zum Fall Briefbomben nicht informiert hat. Selbst die spätere Ehefrau Einems ("krause Vorstellungswelt") kriegt ihr Fett ab.
Im Fall Omofuma gesteht Sika gar eine kleine Intervention bei der unabhängigen Disziplinarkommission ein und gibt der Justiz unmissverständliche Ratschläge: "Ich hoffe, dass sie sich in dieser Causa als wirklich unabhängige und unbeeinflussbare Instanz bewährt. Denn wenn das nicht so wäre, hätte sie vermutlich ein Problem." Er nennt die Präsidentin der Richtervereinigung eine "Jeanne d'Arc der Richterschaft", die Justiz generell "eine Katastrophe". Seitenweise lästert er über die Stapo und ihren damaligen Chef Oswald Kessler. Wie unfähig und inkompetent die "größte Schaumschlägerei neben dem Demel" doch ermittelte! War es andererseits nicht Sika selbst, der die Dienstaufsicht und somit die Verantwortung für die Stapo trug?
Nein, kritische Selbstreflexion ist Sikas Sache nicht. Die Kritik an Prügelpolizisten verwechselt er mit "einem Spiel der Linken" und ihrer "Distanzlosigkeit zum Drogenproblem". Immerhin steht der General nicht an, einzubekennen, dass es bei zahlreichen Amtshandlungen der Polizei gegen Schwarzafrikaner auch Übergriffe gegeben hat, die "aber aus mancher Situation menschlich erklärbar gewesen sein mögen". Überhaupt hätten "schwarzafrikanische Drogendealer nur ein Handicap: dass sie durch die Hautfarbe aus der Masse der Weißen hervorstechen und daher leichter beobachtet werden können." Das hat Kabasqualität.
Manchmal packt Sika aber wirklich lustige Schnurren aus. Wenn er sich an Innenminister Löschnak erinnert, der während des Balkankrieges, "in ein zitronengelbes Nachthemd gehüllt, auf einem Sofa sitzend, seine Beamten in einer Suite zusammentrommelte". Wenn er den österreichischen Botschafter in Syrien beschreibt, der, "feiner als wir alle", einen Eislutscher "mit Messer und Gabel" verspeiste. Qualtinger-Qualität bekommt das Buch,wenn sich Sika selbst bei einem Staatsbankett mit dem chinesischen Staatspräsidenten ("er reichte mir die schlaffe Hand") beschreibt: "Da saß ich zwischen zwei Chinesen, die beide keiner mir geläufigen Sprache mächtig waren. Wir saßen da wie die Ölgötzen und blickten stumm vor uns hin, während sich im Saal vor Hitze die Kerzen bogen."
"In der Früh", schreibt Sika über seinen ersten Tag im Innenressort, beginnt es "mit einem knappen trutzigen ,Morgen'. Ab 10 Uhr in den langen Gängen dann ein hoffnungsfrohes ,Mahlzeit!', in dem unverkennbar die Vorfreude auf Mittagspause und genussvolle Nahrungsaufnahme mitschwingt. Ab 14 Uhr bereits das ,Wiederschaun!', als könnte man dadurch das Dienstende herbeigrüßen."
Für manche kommt es scheinbar dennoch zu früh.

Florian Klenk in FALTER 36/2000 vom 08.09.2000 (S. 12)


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