Endemiten

Kostbarkeiten aus Österreichs Pflanzen- und Tierwelt
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Im Buch werden die historischen Bergbaue und einige Aufbereitungsanlagen Westkärntens erfasst. Über 600 Lagerstätten wurden vom Autor aufgesucht, kartographiert und in der Österreich-Karte 1:50.000 dargestellt. Eigene Beobachtungen und Wissenswertes zu den Bergbauanlagen, die auffindbaren Minerale und weiterführende Literatur beschreiben jede Lagerstätte.

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FALTER-Rezension

Liste Kurzohrmaus

Biologe Wolfgang Rabitsch über Arten, die nirgendwo auf der Welt zu finden sind - außer bei uns

Sie heißen Dejeans Dammläufer, Böhmischer Kranzenzian oder Österreichische Lotwurz und haben etwas Wichtiges gemein: Sie sind sogenannte Endemiten. Diese Arten kommen global gesehen nur in einer bestimmten Region vor. Österreich ist reich an ihnen. 150 Pflanzen-und 575 Tierarten sind als endemisch gelistet, leben also nur bei uns. In Zeiten des globalen Artensterbens kommt ihnen im Naturschutz eine herausragende Bedeutung zu. Das Jubiläumsjahr der Heiligenbluter Vereinbarung, mit der vor 50 Jahren der Grundstein für die Nationalparks gelegt wurde, hat Österreichs globalen Schatz wieder ins Rampenlicht gerückt. In der großen Studie "Wir schützen Österreichs Naturerbe" zum Nationalpark-Jubiläum untersuchte das Umweltbundesamt, welch wichtige Rolle strenge Schutzgebiete auch für den Erhalt der Endemiten spielen.

Kaum jemand kennt Österreichs Endemiten besser als der Biologe Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Franz Essl hat er bereits 2009 das Standardwerk "Endemiten: Kostbarkeiten aus Österreichs Pflanzenund Tierwelt" herausgegeben, das erstmals die rot-weiß-roten Arten in einem Opus magnum versammelte. Ein Gespräch über Österreichs Sonderstellung, die heimischen Treiber des Artensterbens und ein kluges umweltpolitisches Vorhaben.

Falter: Herr Rabitsch, wie haben Sie festgestellt, ob eine Art weltweit nur in Österreich vorkommt?

Wolfgang Rabitsch: Die Flora ist in Mitteleuropa gut bekannt, vor allem in den Alpen. Man weiß also, wo die Pflanzen vorkommen. Bei anderen Gruppen ist die Datenlage weniger gut, da muss man die Literatur recherchieren, um zu klären, wo die verschiedenen Arten bereits gefunden wurden. Es gibt keine zentrale Datenbank für viele Insektengruppen, die Daten liegen in verschiedenen Quellen -unter anderem in den Landesmuseen. Bei Heuschrecken, Schmetterlingen, Käfern, Spinnen und Schnecken gibt es Experten und Expertinnen, die die jeweiligen Gruppen kennen. Von den Tiergruppen, die in Österreich bekannt sind, haben wir in der Studie rund zwei Drittel der Arten abgedeckt. Damit bleibt aber noch immer ein Drittel, das wir nicht bearbeiten konnten, weil es dazu keine Daten gibt. Etwa die Gruppe der Blattläuse, die in Österreich niemand systematisch beobachtet. Gleichzeitig haben wir aber auch Arten aufgenommen, deren Vorkommen weltweit gesehen zu 75 Prozent in Österreich liegt - die sogenannten Subendemiten.

Warum hat Österreich im Vergleich zu anderen Ländern in Mitteleuropa so viele Endemiten?

Rabitsch: Das führt zurück zur letzten Eiszeit. Endemiten kommen häufig in Randgebieten der ehemaligen Vergletscherung vor. Innerhalb der Wissenschaft wird heiß darüber diskutiert, wo Arten die letzte Eiszeit überdauert haben bzw. von wo sie wieder eingewandert sind. Genetische Untersuchungen legen nahe, dass Arten nicht nur am Rand des Eisschildes, sondern auch nördlich der Alpen und lokal innerhalb des Eisschildes überdauert haben. Man muss also davon ausgehen, dass es damals -je nach Mikroklima - Gipfelregionen gegeben hat, die eisfrei waren. Wie genau die Arten überdauern konnten, kann man aber nicht sagen, weil keiner dabei war. Österreich hat deshalb eine Sonderstellung in Mitteleuropa, weil die Grenze des Eisschilds mitten durchs Land verlaufen ist. Das ist der Auslöser für die hohe Zahl an Endemiten. Im Unterschied dazu hat es in Deutschland fast keine Vergletscherung gegeben, daher hatten die Arten keinen Grund auszusterben oder wegzuziehen. In der Schweiz war die Vergletscherung hingegen viel stärker als in Österreich. Da hat es evolutionär weniger Verhandlungsmasse gegeben und der Spielraum, dass sich ein Endemit herausbilden konnte, war kleiner.

Gibt es schöne, kuriose oder besondere Endemiten, die sich als österreichische Flaggschiff-Arten eignen würden-wie international der Panda oder der Tiger?

Rabitsch: Manche Arten haben schon mehr Schauwert als andere. Etwa die Innsbrucker Kuhschelle und die Kärntner Wulfenie, die optisch eindrucksvoller sind als etwa bestimmte Gräser. Oder die Kärntner Gebirgsschrecke im Vergleich zu vielen Käfern, die sich äußerlich kaum unterscheiden. Pandabär-Status hätte am ehesten die Bayerische Kurzohrmaus. Sie ist Österreichs einziges subendemisches Säugetier und kommt überwiegend in Tirol vor, zum kleineren Teil auch in Bayern. Man weiß unglaublich wenig über sie und man müsste zunächst erforschen, ob es sie überhaupt noch gibt und wo sie heute genau vorkommt.

Sind derzeit alle österreichischen Endemiten streng geschützt?

Rabitsch: Nein, Endemismus alleine löst noch keinen Schutzstatus aus. Es gibt ja auch viele Endemiten, die ungefährdet sind, weil sie durchaus gute Populationen haben, in Österreich weit verbreitet sind und in Gebieten vorkommen, wo es keine erkennbare Gefährdung gibt. Dazu zählen zum Beispiel endemische Laufkäfer und Pseudoskorpione, die in österreichischen Höhlen leben. Sie sind relativ sicher, obwohl es auch in Höhlen Probleme gibt - etwa den Höhlentourismus und den Klimawandel. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Quellschnecken, die nur in ganz wenigen Quellen vorkommen. Wenn die verbaut sind, sind auch die Schnecken weg. Man muss beim Schutz also differenzieren, je nach Art, Vorkommen und Gefährdungsursache.

Wo liegen grundsätzlich die größten Gefahren für Endemiten?

Rabitsch: Im Verlust und in der Verschlechterung ihres Lebensraumes. In Tieflagen zählt dazu die berühmte Versiegelung, wo Lebensraum zubetoniert wird. Endemiten, die vorwiegend in höheren Lagen vorkommen, können durch die Intensivierung der Landwirtschaft, Stickstoffanreicherung und Entwässerung unter Druck kommen. Die intensive Beweidung auf den Almen kann ebenfalls zum Problem werden. Dazu kommt dann noch der Klimawandel.

Warum gefährdet er die Endemiten?

Rabitsch: Er ist vor allem für alpine Arten ein Thema. Wir haben im Umweltbundesamt modelliert, wie sich der Klimawandel auf die Verbreitung von ausgewählten endemischen Arten über der Waldgrenze auswirkt. Für diese besteht in den nächsten Jahrzehnten ein großes Risiko, weil sie keinen Lebensraum mehr haben werden. Denn durch den Klimawandel müssen Arten nach oben wandern. Es gibt heute schon welche, die nur noch kleine Vorkommen auf isolierten Berggipfeln haben. Diese Arten würden dann verschwinden, denn oben ist der Berg irgendwann aus.

Welche Rolle spielen Nationalparks für den Schutz von Endemiten?

Rabitsch: Eine große. Wobei man differenzieren muss: Endemiten kommen, wie bereits erwähnt, eiszeitlich bedingt vor allem in Randgebirgen vor, wo die Vergletscherung geendet hat -und seltener in Tieflagen. Die Nationalparks Thayatal, Donau-Auen und Seewinkel sind deshalb für den Schutz von Endemiten weniger relevant als die Nationalparks Kalkalpen, Gesäuse und Hohe Tauern. Auch wenn Nationalparks als Schutzgebiete ihren Zweck erfüllen, stehen sie angesichts der Dynamik der Veränderungen vor großen Herausforderungen. Gegen den Klimawandel können schließlich auch Nationalparks nicht viel ausrichten. Im Vordergrund steht bei ihnen außerdem meist das Ziel, das ganze Ökosystem zu schützen und weniger die einzelnen Arten an sich. Gerade bei Endemiten sind sie aber durchaus in der Verantwortung, den Schutz für diese Arten zu gewährleisten, sofern sie im geschützten Gebiet vorkommen.

Gerade erstellt das Umweltministerium die Biodiversitätsstrategie, mit der das heimische Artensterben gebremst werden soll. Spielen Endemiten darin eine Rolle?

Rabitsch: Es wird erwähnt, dass man Endemiten schützen und den Kenntnisstand über sie verbessern soll, aber es gibt keinen dezidierten Schwerpunkt in der Strategie. Ein Punkt, der im Entwurf steht, würde aber sehr wohl einen Mehrwert für das Vorkommen von Endemiten bringen, nämlich die Erweiterung von Schutzgebieten und die Ausweisung von neuen. Damit würde Österreich zum Schutz der globalen Biodiversität beitragen. Denn wenn wir verhindern, dass Arten aussterben, die nur in Österreich vorkommen, verhindern wir damit gleichzeitig, dass sie weltweit aussterben.

Wo würden neue Schutzgebiete Ihrer Meinung nach am meisten Sinn haben?

Rabitsch: Die erste Wahl wäre wahrscheinlich, eine Verbindung zwischen dem Gesäuse und den Kalkalpen zu schaffen, die ja nicht weit voneinander entfernt liegen. Denn sowohl die Kalkalpen als auch das Gesäuse sind Endemiten-Hotspots. Außerdem gibt es auch im Grenzbereich zwischen der Steiermark und Kärnten einen Endemiten-Hotspot. Dieses Gebiet rund um die Koralm und die Saualm gerät aber gerade durch den Ausbau von Windkraft und der Erweiterung von Skigebieten massiv unter Druck.

Die Windkraft hilft allerdings auch dabei, die Klimakrise zu lösen -die wiederum auch Endemiten bedroht?

Rabitsch: Ja, hier gibt's einen Zielkonflikt im Naturschutz, und es ist kein einfaches Problem, vor dem man da steht. Viele Lösungen, die angeboten werden, haben Nebenwirkungen. Das haben wir auch in anderen Bereichen -etwa mit der Wasserkraft, die gut für nachhaltige Energie ist, aber auch viel zerstören kann. Lösungen für diese Zielkonflikte muss man gemeinsam erarbeiten, anders wird es nicht gehen.

Benedikt Narodoslawsky in Falter 47/2021 vom 26.11.2021 (S. 51)


Was verbindet Höckerschwan und Rosskastanie?

Biologie: Ein Mammutwerk katalogisiert die "echten Österreicher" des heimischen Pflanzen- und Tierreichs

Die naturwissenschaftliche Forschung nimmt, bewusst oder intuitiv, immer wieder Fragen auf, die auch die Gesellschaft beschäftigen. So war das Thema der Einwanderung von Tier- und Pflanzenarten nach Österreich Gegenstand intensiver Studien und Publikationen. Dabei wurde durchaus heftig auch die Frage erörtert, was den nun "erwünschte Natur" sei und welche Eigenschaften dieser pflanzlichen und tierischen "Aliens" oder Neo­biota nicht willkommen seien. Eine Antwort war nicht leicht zu finden, denn manche der zugewanderten Lebewesen empfinden wir als genuinen Bestandteil der heimischen Fauna und Flora: zum Beispiel die aus Griechenland stammende Rosskastanie oder die ursprünglich im Norden Chinas heimische Wanderratte.
Manche davon sehen wir als Bereicherung, wie den aus Nordeuropa kommenden Höckerschwan, bei der Spanischen Wegschnecke hingegen fordern Gartenbesitzer strikte Ausrottung. Der Diskurs darüber, welche Arten in Österreich bleiben dürfen und welche nicht, wird oft vergleichbar mit der emotionalisierten Debatte über die Immigration von Menschen geführt. Nur schwer findet sich ein passender Begriff für diese "gebietsfremden Arten", die auch "Neubürger", "invasive Lebewesen" oder eben "Aliens" genannt werden. "Ökofaschismus!" und "Nazibiologie!", tönte es sogleich aus der linken Ecke. Kein Wunder, dass die Politik dieses Thema nicht gerne aufgreift und sich auf wechselseitige Kompetenzzuweisungen zwischen Bund und Land beschränkt.

Umso schöner ist es daher, umgekehrt zu erheben, wer nun ein "echter", weil nur hier vorkommender "Österreicher" ist. Endemiten nennt man jene Arten, die ausschließlich in einem bestimmten Gebiet vorkommen. Im 19. Jahrhundert begann man, Lebewesen mit diesem Begriff auszuweisen, die aufgrund ihres von geografischen Barrieren geformten Lebensraums nirgendwo sonst vorkamen. Vor allem ferne Inseln wie Madagaskar, Galapagos oder Neuseeland zeigten eine "exklusive" Flora und Fauna. Bald entdeckte man, dass extreme Lebensräume wie Berge, Höhlen oder Thermalquellen ebenso biogeografische Inseln sind. Zieht man für diese Gebietsabgrenzung politische Grenzen heran, dann kann man bestimmte Tier- und Pflanzenarten als nationale Wahrzeichen reklamieren.
Der Große Panda ist das weltweit bekannte und sympathische Antlitz Chinas, während das Wappen Australiens als heraldische Schildhalter ein großes Rotes Känguru und einen Emu zeigt. Mit der Anerkennung als gebietsbezogene Besonderheit werden oft erst Schutzmaßnahmen für diese Lebewesen möglich.
Umso wichtiger war es, das vorhandene Wissen über die Verbreitung heimischer Tier- und Pflanzenarten in einer Publikation zusammenzutragen und zu veröffentlichen. Die gleichermaßen schwere wie gewichtige Neuerscheinung "Endemiten in Österreich" ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Erhebung aller hier vorkommenden Arten und eine Grundlage für zukünftige Managementpläne im Naturschutz.

150 Pflanzen- und 575 Tierarten gibt es weltweit nur in Österreich. Sie sind hier mit detaillierten Angaben zu Vorkommen, Biologie und Gefährdungsgrad zu finden. Als gelernter Österreicher ist man direkt überrascht, dass ein solches Buch überhaupt erscheinen konnte: Nicht nur galt es Forscher der verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen zu koordinieren, sondern auch eine Finanzierung für dieses aufwendige Vorhaben zu finden. Offenbar hat der nationale Charakter dieser Aufgabe die Unterstützungsbereitschaft vor allem der Bundesländer erhöht und so ein grafisch ansprechendes Werk ermöglicht, das auch international beachtet wird.
Lob verdient auch das Kärntner Landesmuseum, das das Werk in Kooperation mit dem Umweltbundesamt verlegt hat. Fast wie ein Treppenwitz erscheint es dabei, dass ausgerechnet jenes Bundesland, das Probleme mit dem Aufstellen von zweisprachigen Ortstafeln hat, ein Buch über "echte" Österreicher produziert hat.

Peter Iwaniewicz in Falter 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 49)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783853280492
Erscheinungsdatum 30.04.2009
Umfang 832 Seiten
Genre Naturwissenschaften allgemein
Format Hardcover
Verlag Naturwissenschaftlicher Verein f. Kärnten
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