Nation X
Schwarzer Nationalismus, Black Exodus und Hip Hop

von Werner Zips, Heinz Kämpfer

€ 29,90
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Verlag: Promedia
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Geschichte/Sonstiges
Umfang: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2002

Die Wiener Ethnologen Werner Zips und Heinz Kämpfer schreiben in "Nation X" eine detailreiche Geschichte des Black Nationalism in den USA.

Nach dem 11. September gab es in den USA eine Reihe von Benefizkonzerten, die neben dem offiziellen Ziel der Aufbringung finanzieller Mittel für die Familien der Terroropfer auch einen popkulturellen Beitrag zur Bestärkung des US-amerikanischen Selbstverständnisses als God's own country leisteten. Schwarze HipHopund R-&-B-Künstler waren bei den Konzerten hingegen kaum bis gar nicht präsent. Und das war nur prima vista ein Zufall.
Parallel zum Post-WTC-Benefizzirkus wurde in jenen Tagen heftig über das HipHop-Duo The Coup diskutiert, deren CD "Party Music" ursprünglich mit einem Cover erscheinen sollte, auf dem die beiden Musiker vor einer Collage der explodierenden Twin Towers posierten. Das lange vor dem 11. September als nicht sonderlich subtiles antikapitalistisches Statement konzipierte Motiv verschwand gegen den Willen der Band in der Schublade. Im Pressetext zur Platte verdeutlichten The Coup aber, dass sie auch unter dem Eindruck des Terroranschlags nicht von ihrer Kritik an der alltäglichen Polizeigewalt oder dem zumindest strukturell rassistischen Gefängnissystem der USA abweichen würden. Ganz im Gegenteil vermeldeten sie: "Wir haben keinerlei Respekt vor der amerikanischen Flagge. Sie steht für Unterdrückung, Ausbeutung, Sklaverei und Mord. HipHop repräsentiert Menschen, die für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen. Die amerikanische Flagge tut das nicht."
Wie so viele US-HipHopper der letzten Dekade stehen dabei auch The Coup der radikalen Black-Muslim-Organisation Nation of Islam (NOI) nahe, die heute als bekannteste politische Organisation des schwarzen Nationalismus in den USA von Louis Farrakhan geführt wird. Mit der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre verbindet die NOI das Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Chancengleichheit für die schwarze US-Bevölkerung. In ihrem klar separatistischen und häufig als rassistisch kritisierten Grundverständnis unterscheidet sie sich aber deutlich von integrativen Ansätzen jeglicher Art.

Werner Zips und Heinz Kämpfer verweigern in "Nation X", ihrer umfänglichen Geschichtsschreibung des schwarzen Nationalismus in den USA, die eindimensionale Sichtweise, derzufolge afroamerikanische Befreiungskämpfe häufig zum Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen umgedeutet werden. Die in der offiziellen US-Geschichtsschreibung gerne übergangene Ursache in der weißen Ausbeutung durch Sklaverei wird hier klar als Ausgangspunkt der Forschung benannt. Sklaverei erscheint den beiden Wiener Ethnologen als "lebende Wunde unter einem Geflecht von Narben"; schwarzer Nationalismus wird in diesem Verständnis zur natürlichen "Wundreaktion". Während "klassischer" respektive "weißer" Nationalismus von den Autoren als "Unterdrückung aller ,Anderen'" definiert wird, beschreiben sie schwarzen Nationalismus als "Widerstand gegen diese Unterdrückung". Eine bis heute wirksame Unterdrückung wohlgemerkt: "Die Zugehörigkeit zur Black Nation definiert sich primär durch die gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung und sozialen Ausgrenzung während und nach der Sklaverei. Deren überkommene Wahrnehmungs- und Deutungsmuster bleiben dem Habitus der Nachkommen der Versklavten eingeschrieben."


Die Wurzeln dieses schwarzen Nationalismus finden sich schon im frühen 17. Jahrhundert. Im ersten Teil des Buches zeichnen Zips und Kämpfer dessen vielfältige, mit Namen wie Frederick Douglass, W.E.B. DuBois und Marcus Garvey verbundene Ansätze im Kampf um die Selbstbestimmung bis hin zur Gründung der NOI 1931 analytisch nach. Der zweite Teil fokussiert detailliert die Entwicklung der NOI in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Biografien ihres bekanntesten Protagonisten Malcolm X sowie der Verbindungslinien, die zwischen der NOI und schwarzen Popkulturen wie HipHop und Reggae, aber unter anderem auch zur Boxlegende Muhammad Ali bestehen. Bei ihrer offenkundigen Solidarität mit den beschriebenen Befreiungsbewegungen steht bei alledem zwar die Betonung der ursächlichen Bedingungen für den "Black Power"- Aktivismus im Vordergrund. Es ist aber auch ein Verdienst des Buches, die gerade innerhalb der NOI offensichtlichen Widersprüche zwischen emanzipatorischen Ansprüchen und antisemitischen, misogynen oder homophoben Realitäten keinesfalls zu verschweigen.

Gerhard Stöger in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 24)


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