Vom Tal bis an die Gletscherwand...
Reden - Aufsätze - Artikel

von Michael Guttenbrunner

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Verlag: Löcker Verlag
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 220 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.05.1999

Rezension aus FALTER 36/1999

Mit leiser Stimme brüllen

Rechtzeitig zu Michael Guttenbrunners 80. Geburtstag sind zwei Bücher erschienen, die einen Zugang zum Werk eines bedeutenden österreichischen Schriftstellers eröffnen, dessen skrupulöser, ja ehrfürchtiger Umgang mit der Sprache seinesgleichen sucht.

In diesem Jammertal erlebe ich noch mit eigener Hand die Vollkommenheit des alten Holzrechens, seine Bestimmung fürs Zusammenziehen des Heus über den wie immer beschaffenen Boden und das Fortschaffen und Werfen des luftigen knisternden Schwadens; und auch die Perfektion der dreizinkigen eisernen Heugabel."

Dieser unscheinbare Text enthält nicht weniger als die Poetik seines Verfassers, Michael Guttenbrunner spricht von seinem jahrzehntelangen Bemühen, ein perfektes Werkzeug seiner Bestimmung gemäß zu handhaben, auf dass im Zusammenspiel Gutes und Nützliches entstehe; Ehrfurcht zu bewahren vor dem vollkommensten aller Werkzeuge, die die Menschen sich erschaffen haben, ihrer Sprache; zu verhindern, dass sie von Falschen benützt, missbraucht wird und ihr Wirken gegen uns kehrt.

Michael Guttenbrunner ist auf dem Land, in Althofen in Kärnten, zur Welt gekommen und dort in wenig begüterten Verhältnissen aufgewachsen. Texte, in denen er von seinen Kinderjahren, seinen Eltern spricht, sind meist hell und still, frei von Zorn, manchmal erscheinen Armut und die harte Arbeit geradezu verklärt. Das mag, neben anderem, damit zu tun haben, dass, verglichen mit dem Schweren, das ihm noch bevorstand, selbst eine "Kindheitshölle", wie wir sie aus der Prosa Josef Winklers kennen, paradiesisch erscheinen müsste. In den Jahren der Naziherrschaft, als Soldat der Deutschen Wehrmacht, hatte er mehrere Gefängnisstrafen zu verbüßen und wurde schließlich 1944 zum Tod verurteilt. Aber das Urteil wurde nicht vollstreckt, oder besser: Es wurde aufgeschoben, hätte anders vollstreckt werden sollen, auf kriegsdienlichere Weise. Guttenbrunner wurde begnadigt zu Frontbewährung, und er ist, was nicht vielen beschieden war, dieser "anderen Dimension" lebend entkommen.

Nur sehr zögerlich, vor allem in Texten jüngeren Datums, spricht Guttenbrunner über diese Erfahrungen, aber dieses Zögern rührt nicht aus Verschweigenwollen oder literarischem Unvermögen, sondern aus der Überzeugung, dass es Ereignisse gibt, an die mit dem Werkzeug der Sprache nicht heranzukommen ist. Mit umso größerer Aufmerksamkeit verfolgt er daher - und tatsächlich: seit Anbeginn - künstlerische Erzeugnisse, die ihren Antifaschismus bloß zu Reklamezwecken vor sich hertragen. Kein noch so bedeutungsloser Gedichtband, kein noch so versteckter Zeitungsartikel, der ihm entginge. Ein Text von 1970, die Seite 57 von "Im Machtgehege IV", besteht nur aus einem Zitat: "In Baedekers Führer durch Essen heißt es: ,Am Steeler-Tor steht die ehemalige Synagoge, ein mächtiger Kuppelbau, vor dem ein Sarkophag an die Opfer erinnert, welche die jüdische Bevölkerung in der Hitlerzeit bringen musste. Der 1938 niedergebrannte Bau wurde im Innern sehr geschickt umgestaltet und 1961 als Haus Industrieform eröffnet, eine ständige Schau formschöner Industrieerzeugnisse.'" Und dass es bis heute nicht gelungen ist und wohl auch in Zukunft nicht gelingen wird, eine solche Verhöhnung der Ermordeten unmöglich zu machen, hat Guttenbrunner resignieren und, in einer Rede von 1994, zu dem harten Verdikt gelangen lassen: "Was heute alles gegen den Faschismus und für seine Opfer geschmiert, gesudelt, genäselt, gedudelt, gegurgelt und agiert wird, ist Schmutz und Schund."

Michael Guttenbrunner hat seine ersten Bücher 1947 veröffentlicht, den Gedichtband "Schwarze Ruten" und die Prosasammlung "Spuren und Überbleibsel". 1954 folgte ein weiterer Gedichtband, "Opferholz", und man kennt bis heute, falls überhaupt, Guttenbrunners Namen am ehesten als den des Lyrikers. Dennoch sind beide Gedichtbände vergriffen. Ich selbst hatte vor einigen Jahren das Glück, auf einem Flohmarkt in der Praterstraße auf eine Erstausgabe von "Opferholz" zu stoßen. Sie kostete fünf Schilling. Ihr Innentitel trägt einen Stempel: "Ausgeschieden von den Städtischen Büchereien", und auf dem Vorsatzblatt klebt noch der Fristzettel. Viermal insgesamt wurde das Buch entlehnt, je einmal 1956, 1957, 1963 und 1983.

Aber es wäre eine Lüge zu behaupten, Guttenbrunner wäre niemals wahrgenommen worden. 1955 wurde ihm ein Österreichischer Staatspreis für Literatur zuerkannt. 1957 ging er, unter Alkoholeinfluss stehend, "mit einer Hacke bewaffnet auf einen Omnibus und einen Personenwagen los" (Kleine Zeitung).

In der Sammlung von Reden und Aufsätzen "Vom Tal bis an die Gletscherwand!" ist erstmals sein vergebliches Bemühen dokumentiert, die Tagespresse, die ihm diesmal große Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, dazu zu bringen, ihm zu gestatten, dem vielen, was an ihren Berichten gelogen war, zu entgegnen. Und noch einmal war sein Name auf den Lokalseiten zu lesen, 1960, als er einem Klagenfurter Archivar, der eine verstümmelte Version eines seiner Gedichte zur Fremdenverkehrswerbung missbraucht hatte, zwei Ohrfeigen versetzte, wozu ihm der damals noch wenig bekannte Thomas Bernhard telegrafisch gratulierte.

Wer aber, vorschnell urteilend, solche Handlungen Guttenbrunners zum Bestandteil seiner Kunst, womöglich gar ihn selbst zum heimlichen Weggefährten der Aktionisten erklären wollte, läge falsch und hätte vermutlich seinerseits mit Ohrfeigen zu rechnen. Ihm, der nur einen Wegweiser kennt, nur einen Schirmherrn, Karl Kraus, "der wie kein anderer die Macht hatte, den jungen Menschen von der Welt zurückzureißen und ihn ihr frontal gegenüberzustellen", gelten neben Hollein, Hundertwasser, den Dichtern der Wiener Gruppe und den falschen Antifaschisten die Aktionisten als die verachtenswertesten unter den Künstlern, und er bekämpft sie in oft wütenden Polemiken.

Ihm dabei in allem Recht zu geben, fällt allerdings schwer, selbst mir, der viele seiner Abneigungen teilt. Dass beispielsweise das kleine Sitzungszimmer im Klagenfurter Landhaus mehr durch Cornelius Koligs Neugestaltung als durch das, was dort seit jeher und immer noch und schon wieder gesprochen wird, zur "Rumpelkammer" geworden ist, will ich nicht glauben, aber ich wage, Banause in Fragen der bildenden Künste, kein Urteil.

Im Irrtum jedoch sind mit Sicherheit alle, die glauben, sie hätten in Guttenbrunner, nur weil er Koligs Kunst nicht schätzt, einen Verbündeten gefunden, einen Apologeten ihres menschenverachtenden Vorgehens beim Wählerstimmenfang. Gegen sie und ihresgleichen ist seit jeher jedes Wort gerichtet, das Guttenbrunner schreibt. Seine Literatur ist ständiges Aufbegehren gegen jedes Diktat, ob der Politik oder der Mode, konservativ wie die seines Schirmherrn, weil ihr Autor, der besser als die meisten von uns weiß, zu welchen Orgien der Bestialität Menschen imstande sind, das Edle, Hilfreiche und Gute, das auch in ihnen ist, erhalten wissen will. Lauthals brüllt Vernunft in Guttenbrunners Texten. Und muss sich ergeben in das Schicksal, dass von Natur aus ihre Stimme leise ist.

Antonio Fian in FALTER 36/1999 vom 10.09.1999 (S. 62)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Im Machtgehege IV (Michael Guttenbrunner)

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