Männer mag Mann eben

von Andreas Brunner, Hannes Sulzenbacher

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Verlag: Löcker
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 26/2001

"Männer mag Mann eben" versammelt Romanfragmente, Kurzgeschichten und Lyrik österreichischer Autoren von 1860 bis heute.

Sie tanzen keine Rundtänze, Monsieur?" "Mit Frauen - niemals, Madame." Wenn es um seine erotische Objektwahl geht, weiß Erich Graf von Sanomir nicht nur genau, was er bevorzugt; er überrascht seine glühende Verehrerin, eine geheimnisvolle russische Fürstin, auch mit seiner ungewöhnlichen Offenherzigkeit. "Der seltsame Jüngling sagte das alles mit der allerunschuldigsten Miene, just als ob es sich von selbst verstünde", staunt die Fürstin, die sich nicht entmutigen lässt und zu einer List greift. Um das Herz des schwulen Grafen doch noch zu gewinnen, verkleidet sie sich als Mann. Der Plan geht auf, Erich fängt Feuer - aber als es zu den nackten Tatsachen kommt, weist er sie entrüstet zurück.

Wir schreiben das Jahr 1868, als Graf Emerich Stadion, der wie sein Held aus österreichischem Uradel stammt, die Erzählung "Leonor" verfasst, die sich wie ein früher schwuler Heftchenroman liest. Damals verstand es sich keineswegs von selbst, mit seiner Homosexualität auf so selbstbewusste Weise umzugehen; der Paragraph 129, der männliche Homosexualität als "Unzucht wider die Natur" kriminalisierte, wird erst 1971 abgeschafft. Interessanterweise kann man in der österreichischen Literatur um 1870 trotzdem eine Art Trend ausmachen: eine liberale Phase, in der es möglich war, nicht nur zwischen den Zeilen, sondern sehr offen über Liebe und Sex zwischen Männern zu schreiben.

Andreas Brunner und Hannes Sulzenbacher, die Herausgeber des schwulen Lesebuchs "Männer mag Mann eben", beschreiben in ihrem angenehm informativen Vorwort jene schwule Aufbruchsstimmung, in der - 1869 vom österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny - auch der Begriff Homosexualität geprägt wurde. Vor allem aus dieser Zeit gibt es zahlreiche Autoren zu entdecken, die heute zum Großteil in Vergessenheit geraten sind. Etwa den schillernden Emil Mario Vacano, der in jungen Jahren als Kunstreiterin (!) Furore gemacht und später in einem Kloster als Nonne gelebt haben soll. In seinen autobiografischen Schriften tritt er als männliche Figur mit dem weiblichen Namen Speranza auf. Als "schmucker Junge", der zugleich ein "eitles Mädchen" ist, kommt er selbst bei einem Herzog gut an.

Der Streifzug führt durch Zeiten ungeahnter schwuler Freiheiten und heftiger Repressionen - Heinz Heger beschreibt seine Zeit im KZ - sowie durch verschiedene literarische Moden. Prominente Autoren wie Robert Musil und Stefan Zweig stehen neben unbekannten, Hochkultur neben Schund, Porno neben Sehnsuchtslyrik, SM neben Heimatschmalz. Von Peter Rosegger etwa findet sich eine Master-and-Servant-Geschichte zwischen einem schwulen Gutsherrn und dessen Stalljungen, einem Naturburschen, der sich für die Pferde (!) und gegen die schwule Liebe entscheidet. Von H.C. Artmann und Ernst Jandl sind schwule Wortspiele abgedruckt, und moderne Klassiker wie Josef Winkler und Hermes Phettberg fehlen natürlich auch nicht.

Wer sich bei dem einen oder anderen erwähnten Namen erstaunt gefragt hat, ob der denn tatsächlich schwul gewesen sei, kann im Vorwort nachlesen, dass man nicht schwul sein muss, um schwule Figuren zu kreieren. Den Herausgebern geht es nicht primär um eine Geschichte der schwulen Autoren, sondern um eine schwule Literaturgeschichte. Wie schwierig die noch immer zu schreiben ist, wird an den Texten von Thomas Bernhard deutlich, dessen Geheimwort für Homosexualität - "Holzfällen" - Alfred Pfabigan ausführlich analysiert hat. Für das schwule Lesebuch wurden die entsprechenden Textstellen nicht freigegeben - stattdessen wird im Vorwort Pfabigan zitiert.

Das war schon immer so, ob in der Liebe oder in der Literatur: Was man nicht darf, aber unbedingt will, dafür findet man Mittel und Wege, und das ist gut so. "Männer mag Mann eben" ist eine der zartesten Versuchungen, seit es schwule Literatur gibt.

Karin Cerny in FALTER 26/2001 vom 29.06.2001 (S. 64)


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