Das ganz alltägliche Elend
Begegnungen im Schatten des Neoliberalismus

von Elisabeth Katschnig-Fasch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Löcker
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 50/2003

Werkzeugmacher und Telefonist, Verkäuferin und Putzfrau im Zeitalter des Neoliberalismus: Eine famose sozialwissenschaftliche Studie richtet den Blick auf die Hinterbühne unserer Gesellschaft.

In Hollywood kommt Arbeit nicht ins Bild. Und wenn, dann nur in Einzelfällen: etwa wenn in 007-Streifen gezeigt wird, wie die Schurken Raketen oder Bomben zusammenbauen - in Fertigungsstätten, die bezeichnenderweise im Untergrund liegen. Die schmutzigen Handarbeiten sind dem Blick entzogen, während auf der Vorderbühne die Ideologien, Wünsche und Sehnsüchte produziert werden: die Bilder vom aufregenden Leben, von Selbstverwirklichung, von ewiger Jugend, vom "echten Leben" ohne materielle Zwänge. Slavoj Zizek, dem Philosophen-Entertainer, verdanken wir den Hinweis darauf, wie durch diese Bildproduktion ein Teil der Realität systematisch ausgeblendet wird: Gesellschaft konstituiert sich auch über die Bilder, die sie über sich selbst macht. Wer nicht schön, mobil, flexibel ist und sein Leben nicht als großes Freiheitsspiel zu gestalten vermag, der besteht nicht nur in unser aller Augen nicht, der sieht sich bald selbst als Versager. Dass diese Images mit den Lebenswirklichkeiten der meisten Menschen nicht in Übereinstimmung zu bringen ist, produziert Unbehagen, Ressentiments, Magenkrankheiten. Um es mit einem altmodischen Wort zu sagen: Elend.

Eine Gruppe Grazer Geistes- und Sozialwissenschaftler hat nun den Blick auf die Hinterbühne gewagt. Im Stile des verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu hat das Team um die Kulturanthropologin Elisabeth Katschnig-Fasch versucht, ein bisschen Licht in die Schattenwelten zu strahlen. Herausgekommen ist eine hervorragende Studie mit dem Titel: "Das ganz alltägliche Elend. Begegnungen im Schatten des Neoliberalismus". Das Ziel war, jene Methode, die sich in Bourdieus Buch "Das Elend der Welt" so bewährt hat, auf österreichische Verhältnisse anzuwenden. Zu Wort kommen Metallarbeiter, die unter immer prekäreren Bedingungen arbeiten, Bedienstete von Callcentern, kleine Gaststättenbetreiberinnen, Angestellte von Putzkolonnen, Verkäuferinnen großer Textilketten. In langen Interviews erzählen sie über ihre Lebensbedingungen, aber auch von ihrem Blick auf die Welt, über das Missverhältnis zwischen ihren geringen Chancen und den hohen Ansprüchen einer das "Ich" feiernden Massen-, Konsum-, und Arbeitskultur. Dazwischen wird in kurzen, aber klugen Essays eine Deutung des Dokumentierten versucht.

Da erzählt ein Werkzeugmacher über die Abwärtsspirale, die ihn schon ziemlich weit nach unten gebracht hat. Begonnen hat er in einer großen Fabrik, ein paar Rationalisierungsmaßnahmen und ein Dutzend Jobwechsel später ist er beim Status des Leiharbeiters angelangt. Aus seinem Leben ist jede Regelmäßigkeit verschwunden. Jetzt ist er 32 Jahre alt und langsam schlägt sich seine Existenz auf den Magen: "... eben durch das unregelmäßige Essen. ... Auf einmal merke ich es." Kinder hätte er gerne, nur: "Ich kann dem Kind keine sichere Zukunft garantieren."

Paradox, wie viel von dem Beschriebenen vor unser aller Augen und doch verborgen geschieht. Etwa das Arbeiten in den glitzernden Tempeln globaler Kleiderketten, in denen auch die Teens und Twens billig einkaufen können und die Verkäuferinnen die hippen Teile selbst tragen: Hosen oder Wickelröcke, das Top nabelfrei, im Sommer manchmal nur ein Bikini-Oberteil. Der Umgangston: leger. Die Betriebsideologie: offenes Reden über alles. Die ganze Szenerie: ein eindringliches Bild des Zeitalters postmaterialistischer Freizügigkeit, eingefügt in die globale Ökonomie jugendkulturellen Lifestyles.

Kommunikation zwischen Belegschaft und Kunden geschieht nicht mehr über Beratung, sondern über visuelle Codes. Das Ergebnis: Vereinsamung: Eine 28-jährige Verkäuferin hält sich für kommunikativ begabt, erzählt, wie viel sie aus Gesprächen schöpft, und staunt deprimiert, sich in einem Job wiederzufinden, "wo ich mit dem so gut wie gar nichts zu tun habe, außer: ,Grüß Gott, das macht 2112 Schilling bitte. Danke schön.'"

Verkäuferinnen werden als Werbeträgerinnen eingesetzt, wer dafür nicht taugt, wird in den Backstagebereich verbannt. "Ich arbeite zwei Tage und dann wieder frei und wieder zwei Tage und wieder frei, dann geht es", erzählt eine. "Aber ich kann keine drei oder vier Tage hintereinander arbeiten. Das halte ich da drinnen nicht aus."

Eine Bedienstete eines Callcenters berichtet, was alles los ist am Telefon: "Du erfährst Lebensgeschichten! Und für solche Sachen hast du keine Zeit." Ohne eine spezielle Ausbildung für irgendetwas sind die Leute an den Telefonen für verschiedene Firmen zuständig, darunter sogar für Bestattungsunternehmen. Da muss sie, beklagt die Frau, "mit Angehörigen sprechen, die gerade jemanden verloren haben ... Der braucht psychische Unterstützung, aber wir werden ja nicht darauf geschult, wie ich mit diesen Leuten umgehe."

Viele erleben, wie die Ansprüche an sie wachsen, während ihr soziales Prestige immer mehr verfällt. Der Lehrer etwa, der beklagt, er solle in der Schule bei Kindern aus zerrütteten Verhältnissen "alles ausbügeln, was gesellschaftlich danebengeht", während Politik und Publizistik ein "schlechtes Image der Lehrer" verfertigen. Wer nicht gerade einen pragmatisierten Job im öffentlichen Dienst hat, kann auf Aufstieg nicht mehr setzen, es kann mal gut, mal besser gehen: "Du kannst nichts planen, du kannst nicht", sagt ein Vertragsbediensteter, "du hast nichts in der Hand." Die finanziellen Probleme machen "mir immer Angst. Immer. Ich spüre das immer", wiederholt er sich.

Am spannendsten wird das Buch da, wo in Zwischentönen die Widersprüche laut werden, die sich längst ins Innere der Subjekte hineinverlagert haben; wenn nicht das Elend beklagt wird, sondern die Betroffenen auf sich selbst böse sind, weil sie ihren eigenen Forderungen nicht gerecht werden. Wenn die Idee von der "Freiheit des Einzelnen" in jeden einwandert, er aber in seinem Leben nichts findet, was vor diesem Anspruch besteht, nimmt dies leicht eine selbstzerstörerische Wendung.

Eine junge Frau, gut ausgebildet, die einige Studien versuchte und ein Sprachstudium nahezu beendete, erprobte sich in diesem und jenem, alles ohne große Zielstrebigkeit, bis sie die Geburt ihres Kindes auf Sozialhilfeniveau hinabdrückte. "Welche Arbeit zu ihr passen würde, weiß sie nicht genau", referiert die Interviewerin im Vorlauf zum Gespräch, "allerdings weiß sie, dass sie bei dem, was sie tut, keine Kompromisse eingehen und sich ,ganz' einbringen möchte, um frei zu sein, so sein zu können, wie sie ist ... auf der Suche nach der Existenz eines authentischen Selbst. Die Freiheit besteht dann allerdings lediglich darin, jene Arbeiten, bei denen sie die für sie wichtigen Bedingungen nicht erfüllt sieht, wieder aufzugeben." Das Resultat ist ein Leben in der Schwebe, wie es überhaupt das Charakteristikum des neoliberalen Subjektes ist: eine Existenz in der Ambivalenz.

Das Buch, empirische Sozialforschung mit hohem zeitdiagnostischen Gewicht, macht die Aporien der Freiheit, die Schattenseiten von Individualisierung, sozialer Ausdifferenzierung und Deregulierung auf beklemmende Weise deutlich. "Das ganz alltägliche Elend" ist kein eindimensionales Pamphlet, keine simple Jeremiade und schon gar keine Philippika, aber doch eine sehr molltönende Diagnose. Ein ganz wichtiges Buch.

Robert Misik in FALTER 50/2003 vom 12.12.2003 (S. 12)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb