Der Brechreiz eines Hottentotten
Ein James-Joyce-Alphabet von Aal bis Zahl

von Kurt Palm

€ 24,80
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Verlag: Löcker Verlag
Format: Hardcover
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Englische Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft
Umfang: 280 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2003

Rezension aus FALTER 45/2003

Kurt Palm hat einen Reiseführer durch das Universum von James Joyce verfasst und kocht nun auch dem Leben und Werk des irischen Schriftstellers nach.

Seine eigene Frau Nora habe seinen "Ulysses" bloß bis Seite 27 geschafft, "den Umschlag eingerechnet", beklagte sich James Joyce bei seiner Tante. Vielen Lesern, die diesen Klassiker der Moderne bei sich im Bücherregal stehen haben, ging es wohl ähnlich, und so ist kaum ein Werk der Weltliteratur so bekannt und zugleich so ungelesen wie das Opus magnum des Iren, den ein Kritiker der Sporting Times am 1. April 1922 anlässlich des Erscheinens von "Ulysses" schlicht als "pervertierten Irren" bezeichnete.

Der Regisseur und studierte Germanist Kurt Palm hatte ebenfalls einige vergebliche Lektüreanläufe hinter sich, ehe ihm anlässlich eines feuchtfröhlichen Abends in Dublin der Bruder eines anderen großen irischen Schriftstellers - Flann O'Brien nämlich - den entscheidenden Lesetipp gab: Es werde viel zu oft vergessen, dass "Ulysses" vor allem auch ein hinreißend komisches Werk sei. Palm, damals Leiter der legendären Theatertruppe Sparverein Die Unzertrennlichen, holte die Lektüre nach - und gestaltete im Rahmen seiner Sparvereinstätigkeit Joyce-Abende, die über die Augenoperationen des Dichters ebenso Auskunft gaben wie über seinen Obduktionsbefund.

Nun hat der unkonventionelle Literaturvermittler, der sich auch schon um neue Zugänge zu den Werken von Franz Kafka oder Adalbert Stifter verdient gemacht hat, die Zwischenergebnisse seiner Joyce-Exegesen in ein Buch gepackt, dessen alphabetisch gereihte Stichworte einen Reiseführer durch das weitläufige literarische Universum von Joyce ergeben. Die 26 Begriffe sind gut ausgesucht: Einträge wie "Bloom" oder "Ulysses" vermitteln die einschlägigen Grundlagen zur Person und zum Hauptwerk.

Im Kapitel "Finnegans Wake", benannt nach dem wirklich unlesbaren Spätwerk des Iren, in das dieser ein paar Dutzend Sprachen hineinverwoben hat, wartet Palm auch mit Übersetzungsvorschlägen des Romantitels auf, die von "Finnegans Wacht" über "Finne ganz weg" bis "Finn negiert Weg" reichen. Andere Stichworte sind wieder unorthodox genug, um ganz andere Blicke auf das Œuvre und seinen Verfasser zu richten: So erfährt man im Kapitel "Onanie" nicht nur Aufschlussreiches über Joycens einschlägige Praktiken ("ich könnte mich hinlegen und mir den ganzen Tag einen runterholen"), sondern auch über ihren Niederschlag im Werk.

So wie auch schon bei Palms Buch über Adalbert Stifter, "Suppe Taube Spargel sehr sehr gut" (1999), spielt auch bei seinem ungewöhnlichen Joyce-Wörterbuch das Essen und Trinken eine nicht unwesentliche Rolle, beginnend schon mit dem ersten Eintrag: "Aal". Was der Soziologe Pierre Bourdieu zum besseren Verständnis des kulturellen Konsums vorschlug - dass nämlich "der raffinierteste Geschmack für erlesenste Objekte wieder mit dem elementaren Schmecken von Zunge und Gaumen verknüpft wird" -, das betreibt Palm als Volksbildner in seinem Buch, dessen Titel sich übrigens auch der eingangs erwähnten "Ulysses"-Rezension in der Sporting Times verdankt: Der anonyme Kritiker meinte damals, dass der unflätige Roman "einem Hottentotten Brechreiz verursachen würde".

Apropos Brechreiz: Der Performer Palm geht bei der Vernüpfung von literarischem und kulinarischem Geschmack noch einen Schritt weiter: Dieser Tage wird es auch einen "Joyce-Kochtheaterabend" geben, bei dem der Hobbykoch unter anderem Leopold Blooms Lieblingsspeise zubereiten wird - Hammelnieren. Es wird aber auch Aal geben, der auf der Bühne gehäutet und ausgenommen wird. Und wer sich die Lektüre von "Ulysses" weiterhin sparen will, sollte an diesem Theaterabend ebenfalls teilnehmen: Palm hat auch einen Diavortrag unter dem Titel "Der ganze Ulysses in 17 Minuten" vorbereitet.

Klaus Taschwer in FALTER 45/2003 vom 07.11.2003 (S. 67)


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