Das neue Palais Epstein
Zur Geschichte des schönsten Palais der Wiener Ringstraße

von HFP

€ 49,80
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Verlag: Löcker Verlag
Format: Hardcover
Genre: Kunst/Architektur
Umfang: 250 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.10.2005

Rezension aus FALTER 41/2006

Palais der Geschichten

Das Palais wurde zum Bürogebäude des Parlaments renoviert. Nun wird in Vorträgen und einer Ausstellung an seine Geschichte erinnert.

Für Leon Zelman ging ein Traum in Erfüllung. Zehn Jahre lang kämpfte der heute 78-jährige Auschwitz-Überlebende darum, dass das geschichtsträchtige Palais Epstein nicht zu einem Bürotrakt des Parlaments verkommt. Am vergangenen Dienstag eröffnete der Direktor des Jewish Welcome Service, der es Tausenden NS-Vertriebenen ermöglichte, noch einmal ihre Heimatstadt zu besuchen, die Veranstaltungsreihe "Epstein-Vorlesungen". In seiner Rede betonte er die Bedeutung des Hauses für die Geschichte der Juden in Wien und dass mit seiner öffentlichen Nutzung jene Menschen vor dem Vergessen bewahrt werden, die diese Stadt zur Weltstadt gemacht haben. "Mauthausen steht für Mord, dieses Haus aber für die planmäßige Auslöschung der Kultur", so Zelman. Der Präsident des Nationalrats, Andreas Khol (ÖVP), hatte sich für Zelmans Ideen eingesetzt, winkte bei der Feier aber nur von einer Videowand, musste er doch zu einer "dringenden Parteisitzung" nach Tirol. Die rote Neopräsidentin Barbara Prammer sprang fröhlich in die Bresche.

Im Parterre ist ein Raum mit einer Dauerausstellung über die Epsteins und die Ringstraßenzeit zu sehen. Ein Nachkomme des Bauherren Gustav Epstein, der in Budapest lebende Emil Schultheisz, stellte einige Objekte aus dem Haushalt zur Verfügung, ein Möbelensemble und Familienporträts. Der Arzt und ehemalige ungarische Gesundheitsminister Schultheisz wird am Mittwoch, den 18. Oktober einen Vortrag über seine Familie halten.

Zelman hatte ursprünglich an eine eigene Institution, ein Haus der Geschichte oder der Toleranz gedacht. Nach dem Auszug des Stadtschulrats vor fünf Jahren sollte hier etwas entstehen, was er mit "Gedenkstätte, Forschungszentrum und Ort der Begegnung" beschrieb. "Ich halte nicht viel von steinernen Denkmälern, auch nicht von Holocaust-Häusern", sagt Zelman. Durch Führungen, Vorträge und die Ausstellung sieht er das Palais für die Öffentlichkeit gerettet.

Gustav Epstein war einer jener Bankiers, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Stadterweiterungszone des Glacis ein Grundstück erwarben. Mit einem Palais an der geplanten Prachtstraße wollte das emanzipierte jüdische Bürgertum sein Selbstbewusstsein demonstrieren. Der Mäzen und Kunstsammler kaufte - neben dem im Bau befindlichen Parlament - den teuersten Baugrund. Die Gesamtplanung übernahm der Parlamentsarchitekt Theophil Hansen, der noch unbekannte Otto Wagner die Ausführung. 1873 kracht die Börse. Epstein, der die Leitung der Bank inzwischen abgegeben hat, wird von einigen Mitarbeitern reingelegt. Er verkauft alles, um seine Schulden zu begleichen, am Ende auch das Palais. Er stirbt im Alter von 51 Jahren.

Danach zieht eine Gasgesellschaft ins Palais, dann der Verwaltungsgerichtshof und schließlich - bis 1934 - der Stadtschulrat. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wird der sowjetische Stadtkommandant zum Hausherrn; auch der berüchtigte stalinistische Geheimdienst NKWD richtete hier sein Büro ein. Von 1958 bis 2001 war das Epstein wieder Sitz des Stadtschulrats.

Das Ziel der Restauratoren und Architekten war es, den Originalzustand von 1872 wiederherzustellen und das von Hansen geplante Gebäude dennoch für heutige Zwecke verwendbar zu machen. Die Architekten Georg Töpfer und Alexander van der Donk rissen den Dienertrakt ab und bauten dort einen Aufzug und eine neue Treppe hinein. Im ausgebauten Dach schufen sie moderne Büroräume. Einiges von dem, was beim Putzen und Bügeln des Gebäudes gefunden wurde, hängt nun im Gang in der Beletage, etwa eine Armbinde der Roten Armee, eine Machórka-Tabak-Zigarette oder der aus zahlreichen Papierschnipseln zusammengefügte Abschiedsbrief eines österreichischen Kommunisten. So wurde aus dem Haus der Geschichte letztlich ein Palais der Geschichten.

Matthias Dusini in FALTER 41/2006 vom 13.10.2006 (S. 19)


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