Unsere Bausteine sind die Menschen
Die Mitglieder der Wiener Freimaurer-Logen 1869-1938

von Günter K Kodek

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Verlag: Löcker Verlag
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.03.2009

Rezension aus FALTER 28/2009

Zu Europas Bausteinen gehören auch die Freimaurer

Es wird dem Außenstehenden nicht leicht gemacht, sich eine fundierte Meinung über die Freimaurer zu bilden. Sie selbst geben bereitwillig Auskunft über ihre humanitären und völkerverbindenden Ziele und die für sie verbindlichen ethischen Werte (Humanität und Toleranz), hüllen sich aber über alle Vorgänge in den Logen in Schweigen und halten die Namen ihrer Mitglieder geheim. Nach langen Perioden der Verdächtigung und Verfolgung haben sie auch allen Grund dafür.
Von ihren Gegnern werden sie, am liebsten in Form geheimnisvoller Andeutungen, als finstere Verschwörer dargestellt. In diesem Sinne hatte der Ort von Österreichs raumgreifendster Kundgebung gegen sie geradezu Symbolcharakter. Unter der Fahrbahn der Kagraner Brücke, die Wiens Obere Alte Donau von der Unteren trennt, prangte jahrelang knapp über dem Wasser mit meterhohen Lettern die Botschaft: "EU = Freimaurerdiktatur". Nur die Bootfahrer bekamen sie zu sehen. Erst vor einigen Monaten wurde sie übertüncht.

Dass die europäische Einigung nicht zuletzt von Freimaurern zustande gebracht wurde, kann stimmen. Die Völkerverständigung zählte immer zu ihren wichtigsten Zielen. Österreichs unbekanntester Nobelpreisträger, der Pazifist Alfred Hermann Fried, der gemeinsam mit Bertha von Suttner die Zeitschrift Die Waffen nieder! herausgab und 1914 wegen eines drohenden Hochverratsprozesses aus Österreich fliehen musste, ist nur einer der Namen in der von Günter Kodek rekonstruierten Liste aller Wiener Logenmitglieder der Zeit von 1869 bis 1938: rund 5300 Bausteine zum Tempel der allgemeinen Menschenliebe. Die Geheimhaltung, belehrt uns Kodek, dient lediglich dem Schutz vor Sanktionen und erlischt mit dem Tode. Deshalb darf jeder wissen, wer Freimaurer war – von Goethe und Schiller über Kurt Tucholsky bis Fritz Muliar. Trotzdem stellt sein in jahrelanger Forschungsarbeit entstandenes Buch "Unsere Bausteine sind die Menschen", in dem auch 90 Prozent der 300 Decknamen aufgelöst werden, einen Quantensprung zu mehr Transparenz dar.
Fried war seit 1908 Mitglied der Grenzloge Sokrates und wurde nach dem Ersten Weltkrieg mit seinem Aufruf an die Freimaurer in aller Welt, den hungernden, frierenden Österreichern beizustehen, zum Initiator umfangreicher Hilfeleistungen. Was die Grenzlogen waren, kann man in Kodeks parallel entstandener, gleichzeitig erschienener Chronik der österreichischen Freimaurerei von 1867 bis 1918 nachlesen: "Zwischen verboten und erlaubt". Von 1793 bis 1867 war sie verboten. Von 1868 bis 1918 machte der § 18 des österreichischen Vereinsgesetzes, wonach an jeder Vereinsversammlung jederzeit unangemeldet ein staatlicher Kontrollor teilnehmen durfte, die rituelle Arbeit, bei der nur ordnungsgemäß aufgenommene Freimaurer zugelassen sind, unmöglich.
Da es im ungarischen Teil der Monarchie keine solche Bestimmung gab, gründeten die Wiener in Ungarn die sogenannten Grenzlogen. Mit der Monarchie fielen auch alle Beschränkungen. 1920 zählte die Großloge von Wien bereits 1034 Brüder, Kaufleute und Fabrikanten, Ärzte, Anwälte, Künstler, Journalisten.
Kodeks Bücher bieten keine Sensationen, aber jede Menge seriöser Information – in den von der sogenannten freimaurerischen Deckung gezogenen Grenzen. Da der Kern der Sache zum Teil verborgen bleibt, kann sich der Außenstehende ab jetzt wenigstens an die einstigen Mitglieder halten – sie bilden in ihrer Gesamtheit eine Referenz, die sich sehen lassen kann. Viele Namen des kulturellen Wien der Vor- und Zwischenkriegszeit finden sich in der Liste. Hermann Bahr, Vinzenz Chiavacci, Edmund Eysler, Fritz Grünbaum oder Carl Millöcker waren Logenmitglieder. Unter den Politikern Ferdinand Hanusch, Franz Schuhmeier, Karl Honay. Aus der Wissenschaft etwa der Gründer der Individualpsychologie Alfred Adler.

Viele Nichtfreimaurer erfuhren Prägungen von Vätern, die Freimaurer waren, unter ihnen Peter Altenberg, Peter Hammerschlag, Hans Kelsen, Bruno Kreisky oder Franz Werfel. Vor 1938 schmolz die Mitgliederzahl zusammen. Der Dichter Franz Karl Ginzkey steht für die Opportunisten, die zu den Nazis wechselten. Doch die Zahl der Freimaurer, die emigrierten oder ermordet wurden, war sehr viel größer. Großmeister Richard Schlesinger, der am 5. Juni 1938 in der Gestapohaft starb, war der Erste von vielen.

Hellmut Butterweck in FALTER 28/2009 vom 10.07.2009 (S. 16)


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