Von der Fürsorge zur Sozialarbeit

Wiener Jugendwohlfahrt im 20. Jahrhundert Zur Geschichte der Sozialarbeit und Sozialarbeitsforschung Band 5
€ 19.8
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Der vorliegende Band widmet sich der engen Verknüpfung der Professionsgeschichte von der Fürsorge zur Sozialarbeit und der beinahe hundertjährigen Geschichte des Wiener Jugendamtes.
FürsorgerInnen und SozialarbeiterInnen stellen die größte Berufsgruppe des Jugendamtes dar. Als "HüterInnen des gesetzlichen Auftrags" und zugleich als "AgentInnen der Klientel" sind sie genötigt, sich an der Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem zu verorten und im Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle, dem "doppelten Mandat" der Sozialarbeit zu positionieren.
Auf der Basis berufsbiografischer Erzählungen gibt der Band Aufschlüsse über Kontinuitäten und Brüche im Feld Sozialer Arbeit über diverse politische Machtverhältnisse hinweg, in der Dynamik gesellschaftlicher Transformationsprozesse sowie im Wechsel wirtschaftlicher Konjunkturen und Krisen. Vor diesem Hintergrund sowie im Kontext institutioneller Rahmenbedingungen wird der Frage nachgegangen, inwiefern zeitgenössische Diskurse der Jugendwohlfahrt sowie Prozesse der Professionalisierung Niederschlag gefunden haben. Die Schwerpunkte der Untersuchung umfassen die Jahre der Pionierphase der Wiener Jugendwohlfahrt der 1920er-Jahre bis zur Reformierung in den 1990er- und 2000er-Jahren.

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FALTER-Rezension

Die Stadt als die bessere Mutter

Die Historikerin Gudrun Wolfgruber zeichnet die Geschichte der Jugendarbeit in Wien nach

Ignorieren, Strafen, Kontrollieren, Beraten: Wie sie mit ihren Schwächsten umgeht, sagt bekanntlich viel über eine Gesellschaft aus. Das zeigt auch die 2013 als Buch erschienene Dissertation der Historikerin Gudrun Wolfgruber über die Geschichte der Wiener Jugendwohlfahrt, für die die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Wilhelminenbergkommission historische Quellen sichtete und Zeitzeugen interviewte.
Wurden arme Familien und ihre Kinder um 1900 nur individuell durch ehrenamtliche, bürgerliche "Armenräte" unterstützt, kümmerten sich ab den 1910er-Jahren und verstärkt im "Roten Wien" ab 1919 immer mehr auch Staat und Stadt um sie: "Als Magna Mater symbolisierte die Gemeinde Wien nun selbst [das] Modell von Familie und Mütterlichkeit".
Die Sozialdemokraten sahen die Gesellschaft in der Pflicht, "allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren". Als Ideal galt die kleinbürgerliche Familie, die Hilfe schlug besonders bei ledigen Müttern in Bevormundung und Kontrolle um. Der Begriff der "Verwahrlosung" kam zum Tragen, sobald eine Familie nicht bürgerlichen Idealen entsprach, und wurde zum "Kampfbegriff der Kinder- und Jugendfürsorge".
Der rote Gesundheitsstadtrat Julius Tandler vertrat außerdem Ideen, die aus heutiger Sicht bereits Anklänge an jene der Nazis tragen: Im Kampf für das "Wohl des Volksganzen" sprach er sich für ein Recht der Ärzte aus, "die Geburt von Minderwertigen zu verhindern".

Der Bruch kam erst spät
Im Austrofaschismus wurde die Jugendwohlfahrt wieder stärker Privaten überlassen, die Nationalsozialisten hingegen missbrauchten sie für ihre Zwecke: "Im Zuge einer ideologischen Verlagerung vom Individuum auf das Primat des ‚Volkskörpers' charakterisierte nun nicht der Dienst an Hilfsbedürftigen, sondern am Staat die Wohlfahrtspolitik."
Ein Fokus der Ausbildung lag nun auf "Erbgesundheits- und Rassenpflege", kinderreiche "arische" Familien wurden unterstützt, "erbkranke" oder "schwererziehbare" Kinder hingegen in Heimen wie dem Spiegelgrund ermordet. Bei ihrer "Selektion" halfen auch die Fürsorgerinnen mit.
Die direkte Nachkriegszeit zeichnete sich wie auf so vielen Gebieten auch hier durch viele Kontinuitäten aus, sowohl "in einer Konzentration auf die ‚Einheit der Familie'" und im nun "sittlich" definierten Begriff der "Verwahrlosung" als auch personell. "Die wurden direkt eingeteilt, die Nationalsozialistinnen, zu Aufräumarbeiten in den Bezirken", erzählte eine Zeitzeugin der Autorin: "Aber das hat einige Monate gedauert, und dann sind sie zur SPÖ gegangen, und im Handumdrehen waren sie wieder da."
Der große Bruch kam nicht 1945, sondern – im internationalen Vergleich verspätet – in den 1970er- und 1980er-
Jahren. Große Kinderheime wurden reformiert und später geschlossen, an die Stelle von Überwachung und Kontrolle traten im Umgang mit Eltern und Kindern mehr und mehr Beratung und psychologische Unterstützung.
Dass das Buch im wissenschaftlichen Stil gehalten ist, trägt nicht zur leichten Lesbarkeit bei. Dafür erzählt es eindrucksvoll, wie die jeweilige politische und wirtschaftliche Lage die Ausbildungssituation, die Arbeitsbedingungen und das Selbstverständnis ("Fürsorgerin" versus "Sozialarbeiterin") der Mitarbeiterinnen beeinflusste und wie all diese Faktoren wiederum den Umgang mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen prägten.

Ruth Eisenreich in Falter 28/2014 vom 11.07.2014 (S. 17)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783854096962
Erscheinungsdatum 22.10.2013
Umfang 251 Seiten
Genre Pädagogik/Sozialpädagogik, Soziale Arbeit
Format Buch
Verlag Löcker Verlag
Herausgegeben von Karl Fallend, Klaus Posch
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