D'Annunzio. 'Annunzio...
Semisphären zum Commandante

von Ralf B Korte

€ 18,90
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Verlag: Ritter Klagenfurt
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.11.2008

Rezension aus FALTER 51/2008

Freies Forschen im Futur 4

Auch wenn der eigenwillig interpunktierte Titel Gegenteiliges nahelegt: Ralf B. Korte hat mit "D'Annunzio. D'Annunzio.. Semisphären zum Comandante" ein gut zugängliches Buch geschrieben. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie allen, die schon einmal eine Ausgabe der perspektive in der Hand gehalten und zu lesen versucht haben, bewusst sein wird. In diesen in Graz und Berlin verlegten "heften für zeitgenössische Literatur" veröffentlichen Korte und weitere Assoziierte der überschaubar großen "gruppe p", die sich aber nicht als Kollektiv versteht, in schöner Regelmäßigkeit Texte, in denen das Wort Prozess immer schon groß, das Wort Literatur noch nicht in Anführungszeichen und das Wort Avantgarde prinzipiell ohne das Adjektiv "historisch" geschrieben werden.

Vor allem die Avantgarde: "avantgarde ist ein konzept des überlebens im fremden raum, eine strategie der bewegung duch die gleichzeitigkeit entgegen gesetzter impulse", hat Korte in einem Text für eine frühe Ausgabe des Feuilletonmagazins schreibkraft programmatisch geschrieben.
Korte nähert sich Gabriele d'Annun­zio, dem parfümierten Dichterfürsten, dem Weltkriegsbesinger und Fliegerpoeten der italienischen Futuristen, der schon Brecht oder Jelinek als Projektionsfigur diente, in seinem Buch auf zwei Wegen. In der ersten "Semisphäre" ("Gardone Riviera 912. Reiseflugschrift") schickt er einen dem Autor nicht gänzlich wesensfremden Erzähler am 12.9.2003 – zu dessen 40. Geburtstag – an den Gardasee. Begleitet von einer Frau, von der nur bekannt wird, dass sie groß und blond ist, macht er sich auf die Spuren des Dichters, fährt mit Touristenbooten über den See, schreibt, trinkt Kaffee und besucht die Villa "Il Vittoriale", in der sich d'Annunzio nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit bis zum Tod 1938 von Mussolinis Faschisten erhalten ließ.

Auf fast obsessive Weise erinnert und assoziiert der Erzähler dabei sein eigenes Leben, das nach dem Scheitern einer Ehe in einer Art Midlife-Crisis steckt, zu bestimmenden Eckdaten von d'Annunzios Biografie: Am 12.9.1909 hatte der in Brescia erstmals ein Flugzeug bestiegen, auf den Tag genau zehn Jahre später mit 2500 Freischärlern die Stadt Fiume (Rijeka) unter seine Kontrolle gebracht und dort als Comandante eine eigentümlich anarchische Herrschaft begründet, die vom Club Dada als "Großtat" gewürdigt wurde und immerhin 15 Monate überdauerte. Gerade diese, ja, avantgardistische Tat hat es dem Erzähler, hat es auch Korte angetan und steht folglich auch im Zentrum der zweiten "Semisphäre", die mit "Futur 4. Fiumaner Notizen" betitelt ist.
Dort versucht Korte nichts weniger, als herkömmliche Zeit- und Erzählstränge aufzulösen, eine neue Raumzeit zu finden, ein "Futur 4", das aus der Midlife-Crisis, die Korte auch als eine der Avantgarde insgesamt beschreibt, wieder herausführen könnte. Mittels Collagen will er dabei so etwas wie einen "prolog zur gegenwart der vergangenheit im raum" zeichnen, setzt "reale" Reisetagebuchskizzen aus Rijeka, Opatija oder Pula neben Samples aus den Manifesten der Futuristen und die Narration eines Erzählers, der d'Annunzio damals in Fiume zur Seite gestanden haben könnte. Klingt nicht nur kompliziert, liest sich auch deutlich spröder als der melancholisch fließende erste Teil.

Fiume im Jahr 1919 ist Korte jedenfalls das, was der Theoretiker Peter Lamborn Wilson alias Hakim Bey als "temporäre autonome Zone" beschrieben hat: ein Ort, an dem etablierte Autoritäten vorübergehend erschüttert und außer Kraft gesetzt werden. Genau das versucht auch Kortes Buch. Und es tut gut, wenn sich da einmal einer nicht mit dem Beklagen von Autonomieverlusten in Zeiten der totalen Marktwirtschaft begnügt, sondern mit praller Schreibpraxis auch gleich ordentlich dagegenhält.

Thomas Wolkinger in FALTER 51/2008 vom 19.12.2008 (S. 55)


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