Birnall
Es ist unter der Haut

von Helmut Schranz

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Verlag: Ritter Klagenfurt
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 120 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.06.2009

Rezension aus FALTER 25/2009

Birnbaumers Widerstand gegen die Kompromissler

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer. Der ganze Literaturbetrieb ist von profitgierigen Buchhändlern, bestsellergeilen Lesern und devoten Schriftstellern besetzt. Der ganze Literaturbetrieb? Nein, eine kleine Gruppe Literaten leistet seit 1989 unermüdlich Widerstand im Namen der Avantgarde: "perspektive" ist ihr Name, eine zwei Mal jährlich erscheinende Zeitschrift ihr Medium und der 46-jährige Helmut Schranz eines der Häupter des kämpferischen Zirkels, der schon mal, wenn es sein muss, mit gezückter (Spielzeug-)Pistole Diskussionspodien stürmt, um "die Avantgarde" vor dem Ausverkauf durch literaturkanonisierte Kompromissler zu schützen. So geschehen bei der "Aktion Solitude" in der Nähe von Stuttgart im Feber 1999.
Auch Besuchern von Dichterlesungen mag Schranz bereits aufgefallen sein als einer jener Zuhörer, die aus dem Dunkel der letzten Besucherreihe besonders schön erscheinende Textpassagen, die am Lesetisch kredenzt werden, mit ätzenden Kommentaren versehen oder schlicht mit Lachanfällen vernichten, was auf unbescholtene Freunde der Belletristik mitunter irritierend wirkt. Wo sich Genussleser an einer eleganten Metapher erfreuen, sieht Schranz nur die hohle Phrase im verstaubten Versuch, die Welt mit "realistischer" Literatur nachzustellen.

Helmut Schranz selbst setzt in seinen Texten bei der Wiener Gruppe und den Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts an, insbesondere dem Dadaismus. Seine Arbeiten wurden hauptsächlich in der perspektive veröffentlicht, alle zehn Jahre erscheint ein Buch von ihm: 1988 sein Abgesang aufs Erzählen, "Gute Nacht Geschichte", im Selbstverlag, 1998 die Ich-Vernichtung "Schöner fehlen" im kurzlebigen Verlag NN-fabrik, nun ist "Birnall. Es ist unter der Haut" bei Ritter erschienen. Der Klagenfurter Verlag hat sich unter Lektor und Falter-Autor Paul Pechmann der Veröffentlichung von perspektive-Autoren verschrieben. Nach Ralf B. Korte, Sophie Reyer und D. Holland-Moritz ist nun perspektive-Stammvater Helmut Schranz zum Zug gekommen.
"Birnall" ist so etwas wie eine Reise durch den literarischen Kosmos des Steirers, denn der Prosaband versammelt – besser: sampelt – Texte aus über zwanzig Jahren. Der Weg wird deutlich, den der Autor seit Ende der Achtzigerjahre literarisch gegangen ist: von den anfänglichen Anleihen bei Konrad Bayer hin zu den assoziativ aneinandergereihten Wort- und Satzketten, die jede "Metaphersik" (© Helmut Schranz) weit hinter sich lassen. Zitat aus "Birnall": "Wie gehabt dem voraus (das du kommst von den andern) ein Gerede nachging oder Busse (der Liniendrangsaal) das goldene Fließ darunter die weiße Krone, ein Prickeln."
Um es offen zu sagen: 130 Seiten von diesem Kauderwelsch zu lesen, ist kein Honiglecken. Aber muss man das Buch deshalb schon schlecht finden? All jene, denen es in der Literatur um Handlung, Psychologie oder Unterhaltung geht, können getrost die Flucht ergreifen. Bei Schranz steht schlicht die Weigerung im Vordergrund, in den allgemeinen Kanon einzustimmen, also in die sprachliche Beliebigkeit, mit der wir uns die Realitäten gerne zurechtzimmern. Schranz schreibt die Welt kurz und klein, bis nur noch Kopfgeburten namens Birnbaumer, Paolo und Lydia übrig bleiben, deren Namen sich als einzige Konstanten durchs "Birnall" ziehen.

Der Rest ist semantisches Granulat, das sich zu kryptischen Sätzen aufreiht, in denen dann und wann ein Sprachwitz aufleuchtet, etwa: "Sag mir wer du bist und ich sage dir was du sagst". Will man der Intention des Autors gerecht werden, kann man darin den Widerstand gegen ein Weltbild sehen, das den Kapitalismus als allein glücklich machende Gesellschaftsform aufs Podest hob, während in der Literatur zeitgleich das "neue Erzählen" seinen Siegeszug antrat – bei gleichzeitiger Verbannung alles Experimentellen.
Gäbe es eine Literaturtheorie, die sich mit aktuellen Formen der Avantgarde befasste, könnte sie kritisch hinterfragen, inwieweit Schranz' widerständige Perspektiven zeitgemäß und relevant sind. So aber bleibt es den Lesern von "Birnall" selbst überlassen, sich ein Urteil zu bilden. Oder bei den Buchpräsentationen aus dem Dunkel der letzten Zuhörerreihe mit einem Lachkrampf zu kontern. 

Werner Schandor in FALTER 25/2009 vom 19.06.2009 (S. 50)


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