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Verlag: Droschl, M
Format: Taschenbuch
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Umfang: 284 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Die Beiträge:
Alfred Kolleritsch: Rückweg
Günter Eichberger: DENK-MALE oder kommen und gehen. Anekdoten über / Texte von / Kommentare zu Gunter Falk
Gerhard Fuchs: 'schweinsbrust mit leberfülle warf ihm hundert rindsrouladen zu.' Intertextualität bei Gunter Falk
Thomas Eder: Experimente wider das Experimentelle. Gunter Falks und Reinhard Priessnitz' Verhältnis zu Theorie und Dichtung
Gunter Falk: CONCRETE POESIE für anfänger (auswahl nebst anleitung)
Daniela Bartens: 'Überraschungen sind eingeschlossen.' Spielbegriff und Literaturauffassung des Grazer Autors Gunter Falk
Ferdinand Schmatz: Doppelbindung, aufgemacht. Poetische Anmerkungen zu Gregory Bateson und Gunter Falk
Michael Hammerschmid: Das Skelett, das Paradox und die Einbildungskraft. Eine Lektüre von Gunter Falks liebesgedicht
Manfred Mixner: Das Leben fühlen. Mitteilungen betreffend Gunter Falks Haikus
Heinz Steinert: Gunter Falks theatralische Sendung
Wilhelm Hengstler: Bad Science und Happy Attitude
Christian Fleck: Über das rasche Veralten soziologischer Texte. Diesmal keine Paraphrasen zum Werk Gunter Falks
Dieter Glawischnig: Anmerkungen zu Texte undJazz mit Gunter Falk und den Neighbours
Wolfgang Bauer: Thema, Improvisation, Koordination. Gunter Falks Musikalität
Gunter Falk: Drei Gedichte
Daniela Bartens, Gerhard Fuchs: Bibliographie F. M.s

Rezension aus FALTER 48/2002

Gunter Falk war eine Kultfigur der wilden Sechziger und Siebziger in Graz. Jetzt ist dem früh verstorbenen Dichter, Soziologen und Wirtshausanarchisten im Semper-Depot eine "Gala" gewidmet.

Es war bestimmt nicht immer angenehm, Gunter Falk zu begegnen. Auf seinen ausgedehnten Touren durch Grazer Gaststätten - besonders häufig frequentierte er die Likörstube Haring - verfiel der Dichter ab einem bestimmten Alkoholpegel gern ins Beleidigende. "Darin war er wirklich virtuos", erinnert sich der Autor Günter Eichberger in einer Hommage. "Es war eine Auszeichnung, von ihm beschimpft zu werden." Falk, der bis zu zehn Bier auf einmal bestellte, referierte spätabends mit Vorliebe auch über seine sexuellen Vorlieben - und zwar so detailliert, wie es kaum ein Zuhörer wissen wollte. Bisweilen ging der Wissenschaftler in ihm durch: Als der promovierte Soziologe einmal ermitteln wollte, wie viele Rechts- und Linksträger sich im Lokal befinden, griff er den anwesenden Herren in den Schritt; unter den Gästen war leider auch ein humorloser Sturm-Graz-Kicker, der kein Verständnis für Falks empirische Arbeit aufbrachte und ihn niederschlug.

Der zu Weihnachten 1983 im Alter von 41 Jahren verstorbene Gunter Falk gehört zu jenen Künstlern, die in ihrem veröffentlichten Werk nur unvollständig überliefert sind. Sein literarisches Schaffen - Gedichte und Kurzprosa - ist in zwei noch zu Lebzeiten bei einem deutschen Kleinverlag erschienenen (und mittlerweile vergriffenen) Büchern fast vollständig versammelt; dass die Texte nur das Konzentrat eines auch verbal weit ausschweifenderen Lebens waren, muss man sich dazudenken: Wären die Anekdoten über Falks Spontanperformances alle aufgeschrieben worden, füllten sie vermutlich mehr Buchseiten als seine Texte.

"Wir haben das ganze Leben spielerisch betrieben", bestätigt der Grazer Dramatiker Wolfgang Bauer, der mit Falk eng befreundet war und unzählige Nächte mit ihm durchgemacht hat. "Wir habens einfach durchgezogen, ja." Bauer und Falk gründeten 1965 die Bewegung Happy Art & Attitude (deren ostentativ positiver Charakter bei der Präsentation im Forum Stadtpark heftige Aggressionen auslöste) und entwickelten auf überfüllten Cafétischen das so genannte "Free Schach": Die anarchische Variante des Schachspiels ("alles ist möglich, die Regeln sind wir!") wird mit Gläsern, Zigarettenpackungen und anderen Objekten gespielt; in Wien wurden damals sogar Turniere ausgetragen. "Im Beograd haben sie einmal fast das Lokal angezündet", erinnert sich Bauer. Auch in seinem Stück "Gespenster" wird "Free Schach" gespielt; in der Figur des Robert hat Bauer den Freund verewigt.

Der Wittgenstein-geschulte Spieltheoretiker Falk (Dissertationsthema: "Spielsysteme und Spielverhalten") und der Theaterpraktiker Bauer (Stücktitel: "Herr Faust spielt Roulette") haben einander perfekt ergänzt. "Er war ein wahrhaft olympisches Stadion für dialektische Spiele", schrieb Bauer in seinem profil-Nachruf auf Falk. "In seinem Stadion ließ er die kleineren Spiele bald streichen. Frau und Tod, die beiden Fixstarter seiner Olympiade, ließ er übrig. Und in der Mitte der beiden Mythen auch König Alkohol. Wenn sie auftraten, tobte das Stadion."

Der Soziologiedozent Falk war spezialisiert auf "abweichendes Verhalten"; möglicherweise war er selbst sein bestes Studienobjekt: Falks Lebenswut war nur die Kehrseite eines ausgeprägten Hangs zum Selbstzerstörerischen; der brillante Entertainer war auch ein depressiver Untergeher. Sein exzessiver Lebensstil ließ sich mit dem Uni-Betrieb immer weniger vereinbaren; kurz vor seinem Tod wurde an der Grazer Universität ein Disziplinarverfahren gegen den Dozenten Falk eingeleitet.

Der Schriftsteller Falk publizierte seit den frühen Sechzigerjahren in den manuskripten; auch die Autoren der Wiener Gruppe veröffentlichten damals in der Zeitschrift, Oswald Wieners Roman "Die Verbesserung von Mitteleuropa" erschien in Fortsetzungen. In dem später zwischen Wien und Graz entbrannten Richtungsstreit - einige experimentell-puristische Wiener warfen den Grazer Kollegen vor, "postexperimentelle Literatur" zu produzieren - nahm Falk eine Zwischenposition ein.

"In seinem Anspruch einer Verbindung von Theorie und Literatur war Falk sicher durch Oswald Wiener geprägt", analysiert die Grazer Literaturwissenschaftlerin Daniela Bartens. "Aber wenn Wiener die Literatur der Wiener Gruppe im Rückblick unter das Paradigma der ,Sprachmetapher' stellt, was eine Überbewertung der literarischen Möglichkeiten, mittels Sprache Wirklichkeit zu verändern, bedeutet hat, dann müsste man bei Falk eher von einer ,Spielmetapher' sprechen: Soziale Wirklichkeit wird bei ihm als Abfolge von Rollenspielen begriffen, deren Spielregeln beschreibbar und daher veränderbar sind. Der Sprache kommt dabei zwar eine wichtige, nicht aber die einzige Rolle zu."

Obwohl Falks Gedichte oft so streng komponiert sind wie die Serien eines Systemspielers, bleibt es nie beim experimentellen Selbstzweck; stets sind die Texte auch ganz konkret und sinnlich erfassbar. Der ladies' man Falk hat auf diese Weise einige großartige Liebesgedichte geschrieben, der Alkoholiker hat seine Sucht in Gedichtform gebracht:
"hans trinkt
hans trinkt weil franz trinkt
franz trinkt weil hans trinkt
hans trinkt weil er lustig ist
hans ist lustig weil franz lustig ist"
usw.

"Aus im Wirtshaus gesprochenen Sätzen werden bei ihm plötzlich Kunst-Texte, die jeder versteht", meint der Wiener Regisseur Hubsi Kramar, der im Semper-Depot gerade eine "Gunter Falk Gala" vorbereitet. Die Idee geht auf das Jahr 1984 zurück, als Kramar eine "Konrad Bayer Gala" inszenierte und dabei auch Falk entdeckte. Inszeniert ist die Gala in Form einer Modenschau; das in bizarre Kostüme gekleidete Ensemble präsentiert auf einem Laufsteg eine Collage aus Falk-Texten, die teilweise auch vertont wurden.

Die Musik ist ein wichtiger Schlüssel zu Gunter Falks Spieltrieb. Als Jugendlicher war er Schlagzeuger, zeitlebens trommelte er mit den Händen auf seinen Schenkeln oder auf Tischen, Falks Tanzeinlagen waren berüchtigt, und noch zwei Tage vor seinem überraschenden Herztod bestritt der von einer schweren Grippe noch kaum genesene Dichter im Forum Stadtpark eine Leseperformance mit Jazzmusikern - eine Doppel-CD dieses beklemmend-grandiosen Auftritts liegt dem in der Dossier-Reihe des Droschl Verlags erschienenen Falk-Band1 bei.

Am besten lässt sich Gunter Falks Musikalität mit einer Anekdote belegen, die Wolfgang Bauer überliefert hat. In den Siebzigerjahren besuchten die beiden ein Duke-Ellington-Konzert in der Wiener Stadthalle, wo sie Plätze in der ersten Reihe - unmittelbar neben dem damaligen ORF-Generalintendanten Gerd Bacher - hatten. Weil sie die Nacht davor natürlich durchgemacht hatten, waren sie entsprechend übermüdet. "Gunter Falk schlief gleich nach den ersten Takten ein und begann, sehr zum sichtbaren Ärger des Jazzfans Gerd Bacher, laut zu schnarchen", erinnert sich Bauer. "Der Generalintendant beruhigte sich erst, als er auf Falks Beine schaute: Sie wippten exakt im beat, so als würde er selbst mitmusizieren."

Wolfgang Kralicek in FALTER 48/2002 vom 29.11.2002 (S. 74)


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