Bin ich ein überflüssiger Mensch?
Roman

von Mela Hartwig

€ 18,00
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Vorwort: Bettina Fraisl
Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 168 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 49/2001

Mela Hartwigs Roman "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" führt auf beeindruckende Weise das unglückliche Bewusstsein einer Frau vor, die an der eigenen Mittelmäßigkeit leidet.



Österreichs Verlage sind in Entdeckerlaune, und das ist gut für die Leser. Neben Christine Lavants "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus" (siehe Falter 48/01) ist in diesem Herbst auch noch Mela Hartwigs Roman "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" erschienen. Im Unterschied zu Lavant konnte die 1938 nach London emigrierte und 1967 ebendort verstorbene Hartwig ihren Namen in der literaturinteressierten Öffentlichkeit allerdings nicht durchsetzen. Das liegt unter anderem daran, dass der Zsolnay Verlag, der zuvor ihren Novellenband "Ekstasen" und "Das Weib ist ein Nichts" herausgebracht hatte, Hartwigs zweiten Roman nicht mehr veröffentlichte, weil er "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" für ein "absolut publikumsunwirksames und abseitiges Werk" hielt. Nun bekommt dieses Buch - siebzig Jahre nach seiner Entstehung - erstmals die Chance, das Gegenteil zu beweisen.

Der Roman hätte sich den späten Erfolg allemal verdient, auch wenn die entmutigende Einschätzung des Zsolnay Verlages nicht ganz unplausibel ist: Durchaus möglich, dass sich das Buch mit dem nicht eben gemütsaufhellenden Titel eher schlecht verkauft hätte, verhandelt es doch das deprimierende Leben einer absolut mediokren Existenz. Als solche stellt sich die Icherzählerin jedenfalls gleich zu Beginn vor. Auf den folgenden 150 Seiten scheitert Fräulein Aloisia Schmidt, am 3.11.1899 als Tochter eines Postbeamten geboren, so ziemlich auf allen Gebieten, auf denen man scheitern kann. Erschwerend kommt hinzu, dass es der jungen Frau nicht gelingt, sich mit einer Lebenslüge (die ja spätestens seit Ibsen eine unverdient schlechte Presse hat) über diesen Umstand hinwegzutrösten.

Der Leser muss sich notgedrungen damit zufrieden geben, was ihm die Icherzählerin anvertraut. Es spricht allerdings alles dafür, dass die illusionslose Bilanz, die Fräulein Schmidt zieht, einigermaßen korrekt ist: Bei keiner der Kapitalarten, die über die Attraktivität eines Menschen entscheiden (Aussehen und Auffassungsgabe, Geld und Glamour), ist ihr Kontostand überdurchschnittlich hoch. Vor allem aber mangelt es ihr an Selbstachtung, und "ein Mensch, der sich selbst verachtet, ist eine klägliche, eine lächerliche Figur". Die Protagonistin hat die Frage "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" eigentlich immer schon mit Ja beantwortet, und der Roman beschreibt auf quälende, der Sache entsprechend monotone, aber völlig unlarmoyante und sachliche Weise ein Bewusstsein, das das eigene Unglück durchschaut, ohne daran etwas ändern zu können.



Das unglückliche Bewusstsein schärft die Wahrnehmung für das Glück der anderen. Schon in der Schule fällt der Erzählerin die Überlegenheit der Mitschüler auf: "Heute weiß ich, dass es diese perfide, diese hochmütige Sicherheit war, die Geld und soziale Geltung verleihen." Aber auch die Gemeinschaft der Zukurzgekommenen bietet keinen Trost, denn die Männer, die Aloisia begehren, sind selbst rasend uninteressant (und müssen es in deren Augen schon deswegen sein, weil sie sich für sie überhaupt interessieren): Eine Heirat mit dem faden Bürokollegen würde bedeuten, "dass ich mich förmlich mit mir selbst, also Null mit Null, multipliziere", heißt es in einer pointierten Formulierung, die zugleich an Weininger und an Nestroy denken lässt.

Die Spirale der Selbstverachtung ist endlos: Aloisia hängt sich - von der Trägheit des eigenen Herzens überzeugt - an Menschen, denen sie ein reicheres und intensiveres Erleben zuschreibt, und verachtet sich doch wieder just dafür, dass ihr der "Abfall eines Gefühls" genügt. Der Umstand, dass die bewunderte Schauspielerin Elisabeth aus Liebeskummer Selbstmord begeht, lässt den Mann, der solche extreme Reaktionen auszulösen vermochte, unendlich begehrenswert erscheinen: Das eigene Unglück wird zielsicher prolongiert. Entkommen gibt es keines, nicht einmal in den Tod. Der Selbstmordversuch wird abgebrochen, was bleibt, ist die Scham und die Einsicht, auch von der Hingabe an eine große Aufgabe überfordert zu sein: "Und wenn ich damit rechnen konnte, tausendfach zurückzubekommen, was ich hingeben musste, auf das bisschen Ich, das ich überhaupt besaß, konnte ich einfach nicht verzichten."

Klaus Nüchtern in FALTER 49/2001 vom 07.12.2001 (S. 77)


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