Alarm
Dramolette III

von Antonio Fian

€ 19,00
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Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Dramatik
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

André Heller fährt Taxi, Jörg Haider arbeitet an seiner Aschermittwochrede, Chris Lohner wartet auf die Schnellbahn, Robert Menasse entdeckt sich in News – solcherart sind die Idyllen in Antonio Fians neuer Dramolettesammlung. Und doch steht über dem, was weiter geschah, der Titel 'Alarm' – freilich ohne das übliche Rufzeichen –, immerhin befindet sich Präsident Bush auf Europareise, Temelín steht vor der Tür, Hollywood interessiert sich für Afghanistan und die österreichische Außenministerin versetzt als Phantom von Europa die Diplomatie in Angst und Schrecken.

42 Stücke als Chronik des laufenden Aberwitzes. Ihr Personal, teilweise prominent, übt sich im Herbei- und im Wegreden, im Schönreden und im Reden um des Redens willen. Personen, die etwas zu sagen haben, treten in diesen Texten auf, und mit Fians spezieller Methode des dramatisch erweiterten Zitats hören wir sie sagen, was sie tatsächlich gesagt haben und wie es möglicherweise gemeint war.

Um die jeweiligen Anlässe der Dramolette muss man nicht wissen, die Personen nicht kennen; Fian verwandelt die Wirklichkeit in eine neue Form des Volkstückes (inklusive Lieder und Couplets!), in dem mit Witz und Sprachkunst eben diese Wirklichkeit lustvoll malträtiert wird. Auch wenn bereits mehrfach erfolgreich aufgeführt, sind diese Stücke doch Texte für das Theater im Kopf, deren Reichtum und Komik sich zuallererst beim Lesen erschließt.

Rezension aus FALTER 8/2002

Die Dramolette von Antonio Fian gehören zum Witzigsten, was die österreichische Gegenwartsliteratur zu bieten hat. Nun ist ein neuer Sammelband der auch im "Falter" veröffentlichten Minidramen erschienen. KLAUS NÜCHTERN



Vor einem Jahr hat Antonio Fian dem Thema "Jörg Haider arbeitet an seiner Aschermittwochrede" ("Muzicant der / Muzicant / Da muss sich doch was / machen lassen") noch ein Dramolett gewidmet. Heute fühlt er sich eher gelähmt: "In meiner Form der Satire ist das nicht zu beschreiben. Mittlerweile gehts ja um die Zerschlagung einer funktionierenden Republik, und zwar nur aus einem absurden Bereicherungs- und Machtwahn heraus. Eine Politik wie die des Kärntner Landeshauptmannes Leopold Wagner hat auch große Unzufriedenheit erzeugt, die Haider jetzt brutal für sich nützt."

"Alarm" heißt Fians soeben erschienener Dramolett-Band. Bloß: "Alarm". Ohne Rufzeichen. Darauf legt der Autor Wert, obgleich er sich "eher den Alarmisten zugeneigt" fühlt. Die Auseinandersetzungen zwischen den so genannten "Alarmisten" und den ostentativ Gelassenen haben auch das Dramolett "Alarmist und Besonnener (Einübung in die Normalität)" inspiriert, in dem zwei Herren auf einer Parkbank darüber diskutieren, ob jetzt alles schlimmer oder endlich normal wird im Lande. Als einer der beiden von einem sich durch unglückliche Umstände lösenden Schuss getroffen wird (eigentlich wollte der Polizist nur eine Einladung zum Polizeiball übermitteln) und stirbt, kommentiert sein gelasseneres Gegenüber dies mit den Worten: "Das bringt uns auch nicht weiter."

Eine solche Reaktion muss schon als unverhältnismäßig gelassen gelten. Und genau darum geht es in Fians Dramoletten, ebenso wie in seinen ausgezeichneten Essays ("Hölle, verlorenes Paradies"): um die Herstellung von Verhältnismäßigkeit; um die Frage, ob und wo denn nun ein Rufzeichen zu setzen ist. Als Claus Peymann sich angesichts der "Heldenplatz"-Premiere einem "Pogrom" ausgesetzt fühlte, fand Fian diese Äußerung mehr als unangemessen. Mittlerweile sei freilich einiges "gekippt". Daran sind gewiss nicht die "Alarmisten" schuld, auch wenn ihre Anstrengungen mitunter kontraproduktiv waren: "Wenn alle ,Feuer' brüllen, wo nichts ist, dann tritt irgendwann eine Fraktion auf, die behauptet, dass es gar nicht brennen kann, weil eh alles aus Asbest ist."

Intellektuelle und Künstler, insbesondere jene, die sich regelmäßig in News oder Format zu Wort melden oder dieses lautstark verweigern, finden in dem 1956 in Kärnten geborenen und in Wien lebenden Fian einen verlässlichen Begleiter. Robert Menasse und Hermann Nitsch, Peter Turrini und Elfriede Jelinek, André Heller und Rudolf Burger, Günther Nenning und Wolf Martin - sie alle werden aufgerufen und herbeizitiert. Ob sie nun Worte des Autors oder nur authentisch eigene Zitate in den Mund gelegt bekommen - immer geht es darum, Meinungen, Haltungen und Posen abzuklopfen, die ohnehin bereits öffentlich kursieren. "Es muss möglich sein", erklärt Fian, "dass man die Person von dem trennt, was sie schreibt und was sie darstellt. Was die privat machen, ist mir vollkommen wurscht. Wenn ich gegen Norbert Gstrein polemisiere und er darauf entsprechend polemisch reagiert, bedeutet das ja noch lange nicht, dass der Gstrein und ich Trotteln sind oder einander für Trotteln halten. Das ist auch etwas, was ich bei Karl Kraus nicht nachvollziehen kann. Natürlich lieg ich auf den Knien vor seinen Texten, aber wo es dann ganz machtvoll gegen Personen geht, die selber völlig machtlos sind, wird mir diese Form von Vernichtungssatire unheimlich."

So gern Fian auch Auftragswerke annimmt - "Alarm" etwa, das mit Abstand umfangreichste Dramolett des Bandes, entstand auf Anregung des Teilzeitregisseurs Christian Ankowitsch - so wenig lässt er sich als Spezialist für Kollegenverarschung instrumentalisieren. Das Angebot, für "Treffpunkt Kultur" ein Handke-Dramolett zu verfassen, lehnte er ab.

Nicht auftrags-, meist aber anlassgebunden und dennoch zum längerfristigen Konsum geeignet: Fians Dramolette, die Anfang der Achtzigerjahre im Falter mit (nicht in Buchform vorliegenden) Wirtshausszenen in Wiener Mundart begannen und mittlerweile drei Bände ("Was bisher geschah", "Was seither geschah" und eben "Alarm") füllen, haben sich mittlerweile zum Hauptwerk des Autors ausgewachsen. Das hat sich einfach so ergeben. Die Anlässe sind weniger gesucht als gefunden, springen Fian bei der täglichen, "bis zur Selbstqual" gehenden Zeitungslektüre nachgerade an. Dennoch sieht er sich, der auch einen Roman, Erzählungen und einen Lyrikband veröffentlicht hat, nicht primär als Verfasser von Dramoletten. Aber für längere Texte braucht er eben auch länger. Deutlich länger.



Auf das Ansinnen, "doch einmal was Abendfüllendes" zu schreiben, hat er ironisch mit dem Dramolett "Abendfüllend" reagiert: fünf Wörter in exakt zwei Stunden und 47 Minuten. Eine schwierige Herausforderung für jeden Regisseur. Aber vielleicht wird sie ja demnächst angenommen. Mit "Das Phantom von Europa" hat das Volkstheater schon letztes Jahr 14 Dramolette zu einem in sich stimmigen Theaterabend synthetisiert - sehr zur Zufriedenheit des Autors. Eine Wiederaufnahme - unter Hinzufügung zwei,drei neuer Stücke - wird imMai erfolgen. "Abendfüllend" wäre eine Möglichkeit, sollte aus dramaturgischen Gründen aber eher nicht an den Anfang gestellt werden.

In der Regel sind die Dramolette aber durchaus um Kurzweiligkeit bemüht. "Ich habe der Spaßkultur ja nie angehört, und nur weil sie jetzt angeblich zu Ende ist, werde ich nicht aufhören, Stücke zu schreiben, über die man hoffentlich lachen kann."

Die Hoffnungen des Autors werden übrigens aufs Angenehmste erfüllt: Das im Kaffeehaus stattfindende Interview erweckt die Neugierde der Frau am Nebentisch, die sich daraufhin ein Exemplar von "Alarm" ausleiht. Der Rest des Gesprächs, das noch eine Stunde dauert, wird von Bekundungen der Zustimmung und von Gelächter begleitet. Dass sich diese Form der Rezeption durchsetzt, ist dennoch nicht wünschenswert. Fian hat sich doch entschieden mehr Leser verdient als jene, die er persönlich im Café betreuen kann. Außerdem sollen sie sich die Bücher kaufen und nicht vom Verfasser ausborgen.

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2002 vom 22.02.2002 (S. 57)


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